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Gewalt in Ost und West - ein Polizist erzählt

Sie nannten ihn einen harten Hund. Seit 35 Jahren ist Siegfried Lehmann im Polizeidienst. Er wäre fast daran zerbrochen.

Siegfried Lehmann ist seit 35 Jahren Polizist.
Siegfried Lehmann ist seit 35 Jahren Polizist. © Kitty Kleist-Heinrich

Von Katja Füchsel

Berlin. Kurfürstenstraße, ein schmuckloses Hochhaus. Siegfried Lehmann legt den Kopf in den Nacken und erzählt: Ganz oben auf der Balustrade habe ein junger Mann gestanden, der am Morgen aus der Psychiatrie geflüchtet war. Steht da oben und singt nun aus voller Kehle. Der Kommissar will gerade hoch zu ihm, als Lehmann ein kurzes Rauschen hört, einen Schatten sieht. Der Körper zerschmettert direkt vor seinen Füßen. Lehmann steht da, erstarrt. Als habe ihm jemand die Sicherung herausgedreht. Drei Sekunden? Fünf Minuten? Er weiß es nicht. Bis er die Hand des Kollegen auf seiner Schulter spürt. „Mensch Tute, jetzt haste mehr Hirn auf der Hose als im Kopp.“

Tute, so nennen sie Oberkommissar Siegfried Lehmann noch heute bei der Berliner Polizei. Breite Schultern, Brille, freundliche Augen. Damals habe er über den Spruch des Kollegen gequält gegrinst, heute treibt ihm die Erinnerung Tränen in die Augen. „Schlimm“, sagt er, „aber ich war ja ganz genauso.“ Einen harten Hund haben sie ihn genannt. Einen Haudegen.

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Tute Lehmann gehört zu den letzten seiner Art. Er hat die Uniform der Ordnungsmacht in zwei Gesellschaftssystemen getragen, war junger Volkspolizist in Cottbus, als er das erste Mal die Waffe zog. Fuhr mit dem Lada auf Nachtschicht durch Treptow, als die Mauer fiel. Er gehörte zu den Ersten, die sich 1990 in den Westteil der Stadt versetzen ließen. Er erlebte, während die Farben seiner Uniformen wechselten, wie sich das Land, die Stadt und die Polizei wandelten.

An jeder Ecke eine Geschichte über Kriminalität

Sein Leben lang hat es Lehmann wie die meisten in der Truppe gehalten: keine Interviews, die Zumutungen des Alltags behalten sie auf der Wache für sich. Wird ihnen, so argwöhnen sie, da draußen sowieso falsch ausgelegt. Ein halbes Jahr, bevor er mit 61 in Pension geht, will der Exekutivbeamte Lehmann reden. Über den Tod als ständigen Begleiter, die Gewalt und die Angst – das, was jeder Streifenpolizist erlebe, „wenn man lange auf den Straßen unterwegs ist“. Tute Lehmann hat eine Botschaft. Weil er an falsch verstandener Härte fast selbst zerbrochen wäre.

Da. Und da. Und da – so geht es, wenn man mit Siegfried Lehmann in Schönebergs Norden unterwegs ist, seinem alten Revier. Man kommt kaum 500 Meter weit. Zu fast jeder Ecke, jedem Haus fällt Lehmann etwas ein. Abschnitt 41, Schöneberg-Nord, der kleinste in Berlin, gerade mal drei Quadratkilometer groß. Die Touristengegend am Tauentzien gehört zum Revier, die Homosexuellenszene rund um den Nollendorfplatz, Hunderte Kneipen, Clubs und Restaurants, die Prostituierten und Drogenhändler in der Kurfürstenstraße.

Ein Donnerstag im September. Oben rattert die U-Bahn übers Viadukt, als Lehmann ein paar Hundert Meter weiter den Blinker seines schwarzen Audis setzt und rechts ranfährt. „Da drüben“, sagt er, habe er mal einen Dealer festgenommen. Lehmann greift hinter sich auf die Rückbank. Aus einem Aktenordner zieht er seinen Bericht zur „Vers. Gefangenenbefreiung, Nötigung, Bedroh. U. Widerst.“ heraus, verfasst am 3. Dezember 2000, 16.15 Uhr.

"Die beschimpfen nur die Uniform"

Lehmann legt dem Verdächtigen gerade Handschellen an, als er sich von den Freunden des Mannes umringt sieht, mit Messern, Flaschen und Knüppeln bewaffnet. „Lass ihn los, oder wir schlagen dich tot.“ Einer macht die Handbewegung für Kopf ab, alle schreien herum, feuern sich gegenseitig an.

Lehmann wird eine Gürtelschnalle ins Gesicht geschlagen. Im Bericht vermerkt er nach dem Einsatz: „Daraufhin zog ich zur Eigensicherung meine Dienstwaffe, davon zeigten sich die Täter beeindruckt und kamen nicht näher.“

In Berlin werden durchschnittlich 19 Polizisten pro Tag während der Arbeit attackiert. Im Jahr 2019 hat es nach Angaben des Polizeipräsidiums rund 6.500 Taten gegen Beamte gegeben. Nach Erfahrung der Psychologen sind schwere körperliche Angriffe für Polizisten psychisch besonders schwer zu verkraften. 15 bis 30 Prozent der Betroffenen entwickeln nach solchen Einsätzen eine posttraumatische Belastungsstörung.

Warum unterschiedliche Menschen auf bestimmte Belastungen sehr unterschiedlich reagieren, gehört zu den Rätseln der Traumaforschung. Siegfried Lehmann sagt, dass er zwar spüre, wie die Gewalt, die Aggressionen der Polizei gegenüber zunehmen – aber er leide seelisch nicht darunter. Das sei auch schon so gewesen, als er in den 90ern am 1. Mai in Kreuzberg stand und Steine auf sein Schild prasselten. Oder bei den Einsätzen im Sozialpalast, wo Beamte damals aufpassen müssen, weil die Bewohner Töpfe von den Balkonen werfen.

Ob ihn Links- oder Rechtsradikale beleidigten, Reichsbürger oder Clanmitglieder – das lasse ihn alles ziemlich kalt . „Die beschimpfen ja nicht mich, die beschimpfen die Uniform.“

Zu dieser Uniform kommt er als junger Kerl vor allem, weil das Geld stimmt. Aufgewachsen ist Lehmann, 1960 geboren, im Spreewald. Ein Baufachmeister, der sich nach dem Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee der DDR 1985 in Cottbus bewirbt, weil er als Polizist mit 1.400 Mark fast das Doppelte verdient. Seine erste Leiche, sagt Lehmann, vergisst er nie. „Da musste man den älteren Kollegen eine Flasche Schnaps ausgeben.“ Feixend hatten ihn die Kollegen zum Tatort geschickt, als Spaziergänger im Winter 1986 ein Mütterchen erfroren im Wald gefunden hatten.

Und dann drückte Lehmann ab

Im Frühjahr 1988 wird einem Trabifahrer bei einem Unfall der halbe Kopf weggerissen. Lehmann ist als Erster am Ort, muss über den Toten greifen, um den Motor abzustellen, während Frau und das Enkelkind schreiend im Auto sitzen. Der junge Polizist lässt sich, zurück auf der Wache, nichts anmerken. Auch nicht, als er sehen muss, wie sich eine junge Frau direkt vor ihm auf die Gleise wirft. Am Bahnhof riecht es nach verbranntem Fleisch. Als Lehmann nach Feierabend in der Kaufhalle der Geruch der Fleischtheke in die Nase steigt, kotzt er sich vor der Tür die Galle aus dem Leib.

Wenn Lehmann aus seinem Berufsleben erzählt, wird die deutsche Geschichte auf spezielle Art lebendig. In einer Cottbuser Kaserne sind 1987 sowjetische Fallschirmjäger stationiert. Im November stellt Lehmann nachts mit seinem Kollegen zwei russische Soldaten, die „mit Schnapsflaschen und Salamis im Arm“ gerade aus der Kaufhalle kommen. Als der Soldat die deutschen Polizisten sieht, läuft er mit großen Schritten auf Lehmann zu, zieht ein Bajonett. Lehmann brüllt „Stoj! Stoj!“, Stehenbleiben!

Es sind noch fünf Meter, dann drei, er zielt auf die Beine – und schießt. Der Soldat schreit, geht in die Knie, hält sich den Oberschenkel. „Ich werde diese Augen nie vergessen, die Angst, das Entsetzen.“

„Anwendung der Schusswaffe“, steht über dem Bericht, den Oberwachtmeister Lehmann noch in der Nacht zu verfassen hatte. „Nachdem wir die erfolglose Verfolgung abgebrochen hatten und zur Verkaufseinrichtung zurückkamen, stellten wir fest, dass in unmittelbarer Nähe der Tür eine Pelzmütze der Angehörigen der GSSD lag. Dadurch wurde zweifelsfrei festgestellt, dass es sich um einen Angehörigen der sowjetischen Armee handelt.“ Gezeichnet Lehmann, Owm. der VP.

Über seelische Verletzungen spricht man nicht

Lehmann ist bis heute überzeugt, dass er getroffen hat, auch wenn der Soldat mit einem Sprung über den Jägerzaun entkam. Der Vorfall sei von der Volkspolizei heruntergespielt worden, um keine Konflikte mit dem „großen Bruder“ heraufzubeschwören.

Im Sommer 1988 zieht Lehmann mit seiner zweiten Frau nach Berlin, wo er in Treptow seinen Dienst aufnimmt, Revier 235. Einer von rund 12.000 Bediensteten in Ost-Berlin, rund 20.000 Mitarbeiter zählt die Polizei im Westteil.

Auf beiden Seiten der Mauer gilt: Über seelische Verletzungen spricht man nicht. Sie schaden der Karriere. Zu Psychologen, höhnen sie damals in den Wachen und Funkwagen, gehen doch nur „Säufer und Bekloppte“. Also habe man jedes Mal versucht, die Bilder zu verdrängen, gewartet, bis die Ängste und bösen Träume wichen. „Die Leute sind daran kaputt gegangen“, sagt Lehmann.

Bis heute fehlen seriöse Schätzungen, wie viele Polizisten die Belastungen nicht verkraften können. Geht man davon aus, dass in Deutschland rund jeder Zehnte an Depressionen, Angststörungen oder PTBS erkrankt, dürften es in den Reihen der Polizei wesentlich mehr sein. „Das Thema gewinnt innerhalb der Behörde an Bedeutung“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Erstintervention sei heute viel besser als noch vor zehn Jahren, vor allem durch Kollegen und Vorgesetzte.

Heute gehört es zum Alltag, dass sich die Kollegen nach belastenden Einsätzen auf dem Abschnitt zusammensetzen. „Da wird das aufgearbeitet“, sagt Lehmann. Gibt es Tote, kümmern sich Seelsorger am Tatort um Polizisten, kurzfristig können sie sich auch zur psychologischen Behandlung in eine Klinik einweisen lassen oder einen Beratungstermin vereinbaren. Zudem stehen 35 speziell ausgebildete Beamte, sogenannte „Peers“, den Kollegen nach Extremsituationen zur Seite.

Am 9. November 89 ist Lehmann mit Freddy, seinem besten Freund, im Lada auf Streife. Totale Funkstille. Also hören sie im Kofferradio heimlich Rias, den Sender der amerikanischen Alliierten. Die Nachricht von der offenen Mauer glauben sie erst, als sie am Grenzübergang Rudow auf Menschenmassen im Trabistau stoßen. Hauptwachtmeister Lehmann erstattet Meldung an die Zentrale, „aber da wussten sie schon Bescheid“.

Lehmann wird zum Wachschutz abgezogen. Vor der Stasi-Zentrale in Lichtenberg soll er darauf aufpassen, dass die Staatssicherheit nicht noch mehr Akten im Reißwolf verschwinden lässt.

Eine "Polizistenmacke"

Rund 6.500 Polizisten aus Ost-Berlin werden nach der Wiedervereinigung übernommen. Als Polizeipräsident Georg Schertz beschließt, die Abschnitte im Ost- und Westteil der Stadt personell zu durchmischen, sind Lehmann und sein Freund Freddy unter den Ersten, die sich freiwillig melden. Im Oktober 1990 treten sie ihren Dienst auf dem Abschnitt 41 an.

Wie er den Kiez beschreiben würde? „Man hat ihn geliebt und gehasst“, sagt Lehmann.

Lehmann ist der Erste am Ort, als die Polizei zum Wittenbergplatz gerufen wird. Eine Frau ist vom Bahnhof quer über die Straße gelaufen, um einen Bus zu erwischen. Ein LKW-Fahrer konnte nicht mehr bremsen. Dem Unfallopfer fehlt der Kopf. Lehmann findet ihn eingeklemmt zwischen den Zwillingsreifen.

Ein Drogendealer spielt in einem Restaurant in der Motzstraße verrückt. Lehmann ist in Zivil, als der Gesuchte mit einem Messer direkt auf ihn zukommt. Er schlägt ihn „mit einem Faustschlag ins Gesicht“ nieder.

Lehmann wird zur Lietzenburger 1 gerufen. Ein 15-jähriges Mädchen ist vom Hochhaus in den Tod gesprungen. Als er die Leiche abdeckt, glaubt er, das Gesicht seiner Tochter vor sich zu sehen, die gerade im selben Alter ist.

Über die Nacht, die alles verändert, will Lehmann nicht im Auto reden. Beim Inder in der Goltzstraße sucht er sich einen Tisch, wo er Menschen und Tür im Blick hat, Wand im Rücken, „muss sein, Polizistenmacke“.

Klinik, Therapie, Selbsthilfegruppe

Am 26. September 2002 tritt Kommissar Lehmann um 18 Uhr seinen Spätdienst an. Alles ist ruhig. Um 22.15 Uhr fahren sie im Funkwagen die Tauentzienstraße herunter, am Kadewe vorbei, als Lehmann im Schalterraum der heutigen City-Bank zwei mit Sturmhauben maskierte Gestalten entdeckt, die es auf die Computer abgesehen haben. Lehmann springt aus dem Wagen. Einer kommt auf ihn zu, in der Dunkelheit sieht es aus, als halte er eine Waffe in der der Hand. „Ich hatte so eine Angst wie noch nie in meinem Leben.“ Lehmann schießt dreimal: einen Warnschuss in die Luft, eine Kugel durchschlägt den Fuß des Einbrechers, eine den Oberschenkel. Die Waffe entpuppt sich als Fernbedienung.

Nach den Schüssen am Wittenbergplatz ermittelt die Mordkommission gegen Lehmann. Als er wieder zum Dienst erscheint, besteht der Chef darauf: Lehmann muss zum Sozialdienst, über den Einsatz reden – und fällt völlig auseinander. Als sei das Fass, in dem er all seine Ängste verwahrt, nicht übergelaufen, sondern zerborsten. „Ich kämpfte gegen Selbstvorwürfe, Depressionen, Angst – und Panikattacken und den Wunsch, nicht mehr am Leben zu sein.“ Die Ärzte diagnostizieren: Posttraumatisches Belastungssyndrom.

Es folgen etliche Klinikaufenthalte, Therapien, Selbsthilfegruppen. Drei Jahre lang versucht Lehmann, sich auf die Wache zurückzukämpfen. Der Psychiater rät Lehmann, Tagebuch zu schreiben. Nach einer Nachtschicht am 1. Januar 2005 notiert er: Blut! Blut! Blut! Durch Alkohol und Drogen von Sinnen hatte sich der Mann mit einem Brotmesser selbst verletzt. Es war ein Kampf, ihm das Messer abzunehmen. „Ich war blutverschmiert – die Uniform, meine Hände, mein Gesicht, überall war das Blut.“

Seine Geheimwaffe

Lehmann verlässt Abschnitt 41, wechselt zum Einsatztraining, hält Vorträge für die Kollegen, beschwört jeden, der Ähnliches erlebt: Holt euch Hilfe, sofort.

Ob er heute noch mal Polizist werden würde? Ja, sagt Lehmann fest. „Es gibt ja auch viele schöne Dinge.“ Selbst in der Zentralen Erstaufnahme in Reinickendorf, wo er seit 2016 arbeitet, bei Flüchtlingen Personalien abfragt, Fingerabdrücke nimmt.

Für die Kinder, die mit ihren Familien manchmal zehn Stunden in der Aufnahme verbringen müssen, hat Lehmann mit seinen Kollegen Spielsachen und Malzeug gesammelt. Hört er die Kinder trotzdem weinen, greife er zu seinem Geheimrezept. „Ich gehe da rein und puste mit meinen Seifenblasen.“ Bislang habe das immer gewirkt. (tsp)

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