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Der Trumpismus bleibt

Der US-amerikanische Nationalismus ist nur halb geschlagen. Denn viele wollen das Land nicht voranbringen, sondern Biden scheitern sehen. Ein Gastbeitrag.

Nationalistische Allianz: Russland Präsident Wladimir Putin und Donald Trump, Noch-Präsident der USA, unterhalten sich auf dem G20-Gipfel 2017.
Nationalistische Allianz: Russland Präsident Wladimir Putin und Donald Trump, Noch-Präsident der USA, unterhalten sich auf dem G20-Gipfel 2017. © Evan Vucci/AP/dpa (Archiv)

Von Michael Thumann

Donald Trumps Wahlniederlage ist ein schwerer Verlust für seine ideologischen Verbündeten. Herrscher wie Wladimir Putin in Russland und Recep Tayyip Erdogan in der Türkei hatten mit dem nationalistischen Präsidenten der USA jahrelang bestens zusammengearbeitet. Auf Kosten des Klimas, der Rüstungskontrolle, der internationalen Institutionen und jener Völker, die Interventionskriege ertragen mussten. Joe Biden, der gewählte Präsident, will die USA nun zurück in das Pariser Klimaabkommen bringen und den Multilateralismus wiederbeleben. Ist Trumps wahrscheinlicher Abgang der Beginn vom Ende der nationalistischen Internationale?

Es spricht einiges dafür, dass autoritäre Herrscher in der Welt Trumps wahrscheinlichen Auszug aus dem Weißen Haus bedauern. Aber sie werden die Niederlage unter keinen Umständen auf sich beziehen. Die US-Wahl ist nicht ihr erster Rückschlag. Mit Schocks umzugehen, haben Erdogan, Putin und andere Nationalisten wie Viktor Orbán in Ungarn gelernt. Durch Rückschläge haben sie sich weiterentwickelt, in Krisen ihren Überlebensinstinkt bewiesen. Alle sind Verwandlungskünstler. Sie sind über die Jahre ihrer gedehnten Herrschaft in viele Rollen geschlüpft. Sie klammern sich an die Macht, aber auf flexible Weise. In Krisen nehmen sie alle möglichen Gestalten an. Sie waren erst Wirtschaftsliberale und Wohlstandsverteiler. Aus Karrieregründen sind sie schließlich zu Nationalisten geworden.

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Als ich Wladimir Putin vor gut 20 Jahren zum ersten Mal traf, sah er älter aus als heute. Die Wangen hohl, der Teint blass, die Schultern nach vorn geneigt. Ich lernte einen eher schüchternen Mann kennen, nicht laut, nicht muskelspielend. Er saß nicht so breitbeinig wie heute, war sehr kontrolliert, fast ein bisschen linkisch in den Bewegungen. Damals war er es noch nicht gewohnt, mit nacktem Oberkörper auf Pferden zu reiten oder im Kampfjet über den Polarkreis zu donnern. 

Putin hatte sich den Staub seines mühevollen Aufstiegs aus den Hinterhöfen Leningrads bis in den Kreml noch nicht ganz aus dem Anzug geklopft. Er redete vorsichtig. Kein hässliches Wort über die Nato, die gerade Belgrad bombardiert hatte und sich gerade um Polen erweiterte. Kein böses Wort über die USA. „Zusammenarbeiten“, das wollte er, mit Amerika und mit Deutschland. Wenn ich mich an die Begegnung von Ende 1999 erinnere, fällt auf, wie sehr der russische Präsident von heute ein Konstrukt ist. Ein Mann, der von Spindoktoren, Maßschneidern, Orthopäden, Schönheitschirurgen zu dem harten Typ gemacht wurde, der der Nato trotzt, Oppositionelle verfolgt und sich als „größter Nationalist“ seines Landes inszeniert.

Putin reitet Nationalismus-Welle bis heute

Putins erklärte sich 2012 zum Nationalisten. Davor hatte er den Russen zunächst das Ende der wilden postsowjetischen Jahre, dann einen Petrodollar-Aufschwung gebracht. Manche Deutsche halten seine Wende für eine Antwort auf mangelnden Respekt des Westens. Irrtum, der Grund lag in Russland. Im Winter 2011/12 protestierten die Menschen gegen Putin und eine dreist manipulierte Wahl. Putins Popularität stürzte ab. Auf der Suche nach einer neuen Erzählung wandte er sich in einem programmatischen Zeitungsartikel dem Nationalismus zu. Das zog. Zwei Jahre später, nach der Annexion der Krim, war er so populär wie nie zuvor. Bis heute wird Putin von einer Welle des Nationalismus getragen, der sich aus dem Ukraine-Krieg und der scharfen Konkurrenz mit dem Westen nährt.

Andere autoritäre Politiker hatten ähnliche Erweckungserlebnisse. Den heutigen türkischen Präsidenten sah ich drei Mal persönlich, 2002, dann 2010, schließlich 2019. Beim ersten Mal traf ich ihn in einem schnörkellosen Konferenzraum. Ein groß gewachsener Mann mit goldener Krawattennadel setzte sich mir gegenüber und löste zwei Zuckerwürfel in einem dampfenden Glas Tee auf. Er war freundlich, rührte entspannt im Tee und war so ganz das Gegenbild zum heutigen Erdogan, dauergereizt und immer auf dem Sprung ins Gesicht des Gesprächspartners. Damals redete er prowestlich, neoliberal, warb für einen „angelsächsischen Säkularismus“ und warnte vor Nationalismus. Und tatsächlich, nach der gewonnenen Wahl reformierte er sein Land und erreichte EU-Beitrittsverhandlungen. Damals war keine Spur von dem Nationalismus und dem Kriegsgeheul von heute. Beim Interview saß er auf einem ausladenden violetten Diwan in Bananenform und hielt einen Monolog. Von der EU war er tief enttäuscht, aber noch sprach er von Demokratisierung.

Erdogan ist ein neue Nationalist

Doch als ich ihn 2019 im großen Saal der Rundfunkanstalt TRT wiedersah, da ging er gebückt wie ein alternder Feldherr, redete von großen Schlachten, von Kreuzfahrern und Sultanen.

Erdogan war Nationalist geworden. Aber ganz anders als Diktatoren des 20. Jahrhunderts, die ihren Nationalismus schon in jungen Jahren einsogen. Adolf Hitler etwa war ein klassischer Nationalist, der mit diesem Programm Politiker wurde. Erdogan ist im Gegensatz dazu ein neuer Nationalist, der erst Anti-Nationalist war und sich der Ideologie nur als Werkzeug bedient. Flexibel genug ist er.

Seine Verwandlung zum Kriegsherrn begann 2015, als er sich mit der Kurdenpartei überwarf, die ihm eigentlich zu einer neuen Präsidialverfassung verhelfen sollte. Dann verlor er eine Wahl. Deshalb ging Erdogan eine Koalition mit Nationalisten ein. Der Deal: Er schenkte ihnen den Kurswechsel, sie verschafften ihm die Mehrheit für die Verfassung. Nationalismus war seit 2016 Erdogans wesentliches Werkzeug, die Türkei zum Ein-Mann-Staat umzubauen. In der Pandemie verwandelte er sich in einen Rundum-Interventionisten. Er provozierte eine Krieg-in-Sicht-Krise mit Griechenland. Er schickte Söldner und Drohnen nach Libyen und desgleichen nach Bergkarabach. Derzeit läuft kein Krieg in der türkischen Nachbarschaft, in den Erdogan sich nicht einmischt.

Unser Autor Michael Thumann (57) ist außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit. Sein Text beruht auf seinem aktuellen Buch „Der neue Nationalismus. Die Wiederkehr einer totgeglaubten Ideologie“ (Die Andere Bibliothek, 280 S., 44 Euro).
Unser Autor Michael Thumann (57) ist außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit. Sein Text beruht auf seinem aktuellen Buch „Der neue Nationalismus. Die Wiederkehr einer totgeglaubten Ideologie“ (Die Andere Bibliothek, 280 S., 44 Euro). © Die Zeit

Der wichtigste neue Nationalist aber betrat erst 2016 die Bühne: Donald Trump. Er hatte zuvor keine politische Agenda, nur Abschottungsimpulse. So hing er der banal-ökonomischen Klippschulüberzeugung nach, dass die ganze Welt Amerika über den Tisch zog. Trump spendierte den Demokraten Geld und hausierte bei den Republikanern, um irgendwie Politiker zu werden. 2016, in seinem 70. Lebensjahr, war die Gelegenheit da, seine wirren Ressentiments mithilfe seiner Berater zu einer nationalistischen Agenda zu verrühren, die er in einfache Worte packte. Trump veränderte sich selbst und die Welt.

Seine Amtszeit wurde zum nationalistischen Alptraum: Zollschranken, Handelskriege, Sanktionen gegen Iran, Russland und die EU. Mauern gegen Migranten, Vorsicht vor Ausländern und dem Islam! Den US-Patriotismus, der alle US-Bürger, gleich welcher Herkunft, im Stolz auf ihr Land vereint, formte Trump um in einen weißen amerikanischen Nationalismus, der das Land entlang ethnischer und rassistischer Kriterien teilt. Das reichte 2020 nicht für einen neuen Wahlsieg, aber für die größte Stimmenzahl, die je ein republikanischer Kandidat bei einer US-Wahl einsammelte: über 70 Millionen.

Nationalisten wie Putin, Erdogan oder Orbán warten nun ab. Donald Trump mag im Januar gehen, aber der Trumpismus bleibt. Die Republikaner verweigern bisher eine ordentliche Machtübergabe. Sie haben genügend neue Nationalisten in ihren Reihen. Sie setzen darauf, dass ein Präsident Joe Biden nur eine Episode sein wird.

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Waldimir Putin und Recep Tayyip Erdogan haben Joe Biden noch nicht gratuliert, für alle Fälle. Denn der US-Nationalismus ist nur halb geschlagen, das nationalistische Narrativ lebt weiter. Trumps glühende Anhänger erzählen sich Geschichten von Wahlbetrug und Stimmenklau. Die Demokraten indes verfehlen wahrscheinlich die Mehrheit im Senat. So werden die Republikaner viele Gesetze blockieren können. Viele von ihnen wollen nicht das Land voranbringen, sondern Biden scheitern sehen. Kein Kompromiss, kein Händereichen, keine Rückkehr zum einigenden Patriotismus früherer Jahre. Der nächste Nationalist könnte dann bei den Wahlen 2024 antreten. Putin, Erdogan & Co. würden sich freuen, ihn als Wahlsieger begrüßen zu können.

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