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„So kann es einfach nicht weitergehen“

Am 3. November wird in den USA der Präsident gewählt. Der Amerikaner Bryan Rothfuss ist Sänger an der Staatsoperette. Er erklärt, für wen er stimmen will.

Bryan Rothfuss (Jahrgang 1977) ist Sänger an der Staatsoperette Dresden und wahlberechtigt in Pennsylvania.
Bryan Rothfuss (Jahrgang 1977) ist Sänger an der Staatsoperette Dresden und wahlberechtigt in Pennsylvania. © Stephan Floß

Das klingt gewaltig, fast etwas überzogen. Aber letztlich ist es tatsächlich so: Ich bin schon ein wenig stolz, Amerikaner zu sein. Das Land hatte so große historische Momente und verfügt über derartig riesige Potenziale, dass es mich stolz macht, ein kleiner Teil davon zu sein. Allerdings gibt es gegenwärtig leider viele Gründe, sich für die USA zu schämen. Von denen die meisten mit dem amtierenden Präsidenten zu tun haben.

Meine Eltern sind beide Amerikaner. Damit bin ich, obwohl ich in Deutschland geboren wurde, ausschließlich US-Bürger. In den Staaten habe ich die High School besucht, war dann auf dem College. Insgesamt habe ich etwas über sieben Jahre am Stück dort gelebt – die nötige Voraussetzung, damit auch meine beiden Kinder die US-Staatsbürgerschaft bekommen konnten. Zudem haben sie durch ihre Mutter noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Und Deutsche behaupten ja oft und gern, Amerikaner seien oberflächlich. Das finde ich nicht.

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Gerade weil ich beide Welten sehr gut kenne, kann ich sagen: Amerikaner sind grundsätzlich freundliche Menschen. Das ist eher etwas, das ich hier in Deutschland vermisse: In Geschäften, auf Ämtern, selbst in Restaurants – überall kann es dir passieren, nein, es ist eher sogar die Regel, dass du mindestens einsilbig, oft abweisend und unfreundlich behandelt wirst. So etwas gibt es in den USA nicht. Na ja, höchstens sehr selten.

Stimme für Joe Biden abgegeben

Nicht nur Beschäftigte im Service strahlen gute Laune aus. Da steht man an der Tanksäule und tankt, der Mensch an der Nachbarsäule fragt einen, wie es so geht, plaudert ein wenig und tut nicht nur so, als hätte er Interesse an einem. Meist ist das mit wenigen Informationen schon befriedigt, manchmal kommt man aber wirklich ins Gespräch und so zu einer angenehmen zwischenmenschlichen Begegnung.

Doch wahrscheinlich gab es nie zuvor jemanden im Weißen Haus, der die Nation mit tiefster Absicht so massiv gespalten hat. Donald Trump ging und geht es nicht darum, Menschen zu versöhnen, zu vereinen, zu motivieren; ihn interessiert einzig und allein die Macht. Die will er um jeden Preis behalten. Er ist weder ein Gestalter noch ein Visionär. Er ist eben gerade nicht der erste Diener des Staates, sondern er macht den Staat zum Werkzeug seiner privaten Interessen. Deshalb will er unbedingt im Amt, an der Macht bleiben. Wer ihm dabei beisteht, ist aus seiner Sicht ein guter Amerikaner, egal, ob das jemand vom Ku-Klux-Klan ist. Wer gegen ihn ist, wird beleidigt, verleumdet, beschimpft. Was bislang für alle einfach nur schlechte Manieren waren, ist jetzt Regierungsstil. So kann es einfach nicht weitergehen.

Deshalb habe ich natürlich schon gewählt. Eigentlich durch die Bank demokratisch und somit habe ich auch meine Stimme für Joe Biden abgegeben. Man muss sich, selbst wenn man schon mal gewählt hat, jedes Mal aufs Neue registrieren, um dann tatsächlich wählen zu können. Zumindest in Pennsylvania ist das so. Ich habe bisher nie live abgestimmt, sondern immer per Briefwahl. Ende September habe ich das diesmal bereits gemacht, also so früh wie möglich, damit alles auch ja ankommt und meine Stimme zählt. Pennsylvania ist schließlich ein Swing State, diesmal ist jede Stimme wichtig. Beim letzten Mal ging der Staat zum ersten Mal seit 28 Jahren an die Republikaner, damit an Trump. Das soll sich jetzt bitte nicht wiederholen.

Biden hat viel eher ein Gespür für Menschen

Als Mitglied der Democrats Abroad, der Auslandsvertretung der Democratic Party, die übrigens sogar einen Ortsverband in Dresden hat, liegt für mich die entsprechende Wahl natürlich nahe. Doch jetzt gilt es vor allem zu verhindern, dass Trump in weiteren vier Jahren noch mehr Schaden anrichtet. Das sehen sogar manche Republikaner so. Für sie ist Biden ein durch und durch anständiger Kerl, einer, mit dem man umgehen kann. Insgeheim hoffen etliche von ihnen, dass er die Wahl gewinnt.

Trump jedoch, der so ungeniert lügt, ist nicht das eigentliche Problem. Er zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, poltert dermaßen laut herum, dass keiner merkt, wie im Stillen die Republikaner das ganze Land übernehmen. Richterposten an Bundes- und Staatsgerichten gingen zuletzt reihenweise an sie. Damit bekommen sie enorm viel Macht, die sie natürlich nutzen, um Gesetze nach ihren Vorstellungen zu ändern. Man tut so, als würde alles im Dienste der Amerikaner passieren, um das Land „wieder groß“ zu machen.

Tatsächlich interessiert sich keiner von denen wirklich für das Volk. Wie sonst ist zu erklären, dass sie zum Beispiel unbedingt die Einführung der Krankenversicherung verhindern wollen. Zudem betrügen sie den Staat, indem sie immer neue Wege finden, um bei den Steuern mindestens zu tricksen. So legt ja auch Trump da gar nichts offen, während Biden auf Transparenz setzt.

Trump wurde reich geboren, musste sich nichts selbst erarbeiten, setzte dafür die meisten seiner stets großspurig präsentierten Projekte in den Sand. Biden dagegen arbeitete sich hoch, musste nach dem Unfalltod seiner ersten Frau sogar einige Zeit als alleinerziehender Vater klarkommen. Dadurch hat er viel eher ein Gespür für Menschen; hört ihnen zu, versucht sie zu verstehen. Er nimmt Leute ernst, die sich in der Corona-Krise große Sorgen machen, und lacht sie nicht aus.

Die Hoffnung nie aufgeben

Neben Corona ist die größte Herausforderung für das Land und seine Führung derzeit die tiefe Spaltung. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals so viel Hass zwischen den Menschen gestanden hätte, dass es so scheint, als braucht es nicht viel für den großen Knall. Davor habe ich die größte Angst, dass aus den vielen Protesten und Provokationen, aus der Ignoranz der einen und der Wut der anderen ein bewaffneter Konflikt erwächst. Genug Waffen gibt es ja dummerweise auf allen Seiten.

Wenn da nicht einer kommt, der die Spaltung überwinden, die Nation wieder weitgehend einen will, zudem einer, der das auch kann, sieht die Zukunft der USA wahrlich nicht rosig aus. Doch andererseits ist das genau das, was Amerikaner wiederum ausmacht, dass man die Hoffnung nie aufgibt. Das gehört zu den Dingen, die mir an diesem Land so gefallen: In Europa, besonders in Deutschland, gibt es viele, die ergeben sich einfach so ihrem Schicksal.

Wenn es bergab geht, fangen doch viele das große Jammern an. Das widerspricht der Natur des Amerikaners. Der ist ein Macher. Das liegt irgendwie in seinen Genen, dass der nicht aufgibt, sich immer wieder aufrappelt. Möglicherweise liegt es auch daran, dass dieses Land so groß ist, man in manchen Gegenden tatsächlich besser von alleine loslegt, weil gar kein anderer in der Nähe ist.

Aus dieser Haltung ergibt sich, dass man dem Staat weniger vertraut, als das in Deutschland üblich ist. Washington ist fern, was die da entscheiden, hat mit mir doch gar nichts zu tun; ich regele meine Angelegenheiten selbst und auf meine Art. Diese Ansicht ist weit verbreitet. Aus ihr folgt auch die Abneigung gegen ein System der Krankenversicherungspflicht, wie sie in Deutschland niemand infrage stellt. Amerikaner sehen nicht sofort die Vorteile, sie sehen eine weitere Reglementierung durch den Staat. Das erklärt auch, warum Trump mit seiner Ablehnung der Krankenversicherung bei vielen sogenannten kleinen Leuten punkten kann. Würde man ihnen offen und ehrlich erklären, wie dieses System funktioniert, welche Vorteile es für alle bringt, könnten sie sich ganz sicher damit anfreunden.

Großmacht auf Abruf

Nicht nur in diesem Fall hinken die USA allerdings dem hinterher, was in vielen Ländern längst Standard ist. Unsere Verfassung ist bald 250 Jahre alt. Das darin festgeschriebene Wahlrecht war sicher mal sehr durchdacht und funktionierte damals auch. Doch heute führt es dazu, dass der Wahlausgang mit der Stimmverteilung mitunter wenig zu tun hat. Das sorgt für Frust, schadet der Demokratie. Viele befürworten zwar eine Reform, nur verhindert eben diese Verfassung die Überarbeitung des Wahlrechts. Einige Staaten haben sich bereits zusammengetan, um das System der Wahlmänner faktisch zu umgehen – es fehlt nur noch knapp die nötige Mehrheit.

An sich sind die Amerikaner offen für andere, auch offen für andere Meinungen. Gegenwärtig leidet dieser Wesenszug nicht zuletzt durch die Politik im Land. Meine Vision, mein Amerika der Zukunft sieht daher so aus, dass der Zusammenhalt zurückkehrt, es gerechter und offener zugeht. Dann fällt es auch leichter zu akzeptieren, dass wir eine Großmacht auf Abruf sind.

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Der Kalte Krieg ist lange vorbei, wir müssen und können daher nicht mehr die Weltpolizei spielen. Viel vernünftiger wäre es, sich eben nicht – wie von Trump betrieben – weniger, sondern viel mehr in internationalen Gremien und Institutionen einzubringen – und zwar als ebenbürtiger Partner und nicht als Bully. Wir müssen den Zusammenhalt suchen, um für die vielen ernsthaften Probleme der Welt Lösungen zu finden. Nur mit dem Blick auf uns selbst ist Amerika sicher nicht wieder groß zu machen. Nicht nur in diesem Punkt liegt Trump eindeutig falsch.

Notiert von Andy Dallmann.

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