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Wie die USA die Afghanistan-Tragödie erklären

Für die USA ist der Sieg der Taliban ein außenpolitisches Desaster. Joe Biden gerät dadurch in Erklärungsnot. Wie konnte das passieren? Eine Analyse.

Taliban-Kämpfer halten Wache in der Stadt Ghazni südwestlich von Kabul.
Taliban-Kämpfer halten Wache in der Stadt Ghazni südwestlich von Kabul. © Gulabuddin Amiri/AP/dpa

Von Thomas J. Spang

Die letzten Diplomaten sind noch nicht aus der Hauptstadt Kabul evakuiert, da wird das Weiße Haus schon mit einer unangenehmen Frage konfrontiert. Wie konnte das passieren? Wobei mit "das" ganz unterschiedliche Dinge gemeint sind. Es geht um die optimistische Einschätzung der Geheimdienste bei Amtsantritt Joe Bidens, dass die Taliban 18 Monate bräuchten, die Macht am Hindukusch zu übernehmen. Mit offenen Mündern verfolgen Experten auch den rasanten Kollaps der afghanischen Streitkräfte, in die 100 Milliarden Dollar an Steuergeldern flossen. Schließlich überrascht der geringe Widerstand, auf den die Taliban bei ihrer Offensive stießen, und Provinzhauptstädte wie Dominos fallen ließ.

Während sein Plan eines geordneten Rückzugs der letzten 2.500 US-Soldaten vor dem 20. Jahrestag der Terroranschläge des 11. September vor den Augen der Welt in Chaos mündet, gibt sich der US-Präsident stoisch. "Ein Jahr mehr, oder fünf weiter Jahre an US-Militärpräsenz machte keinen Unterschied, wenn das afghanische Militär das eigene Land nicht halten will oder kann", erklärte Biden nach einer Unterrichtung auf Camp David am Wochenende.

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Das war schon 2009 seine Überzeugung, als er in der Rolle als Vizepräsident Barack Obamas eindringlich von der Entsendung weiterer Truppen an den Hindukusch abriet. Biden glaubte schon damals längst nicht mehr daran, dass die USA einem von Stammes-Kulturen geprägten Land ihre eigenen Ideale von Demokratie und pluralistischer Gesellschaft verordnen könnte. Er konnte sich damals nicht durchsetzen und trug die Entscheidung Obamas loyal mit.

Biden-Regierung gibt Trump die Schuld

Im Wahlkampf ließ er keinen Zweifel daran, dass er Amerikas längsten Krieg zum Ende bringen würde. Auf die Frage, ob er bei einer Übernahme der Macht durch die Taliban für das Schicksal der Frauen und Mädchen verantwortlich sei, antwortete Biden Anfang 2020 knapp: "Nein, das tue ich nicht. Null Verantwortung." Diesen Instinkt teilte er mit Donald Trump, der mit den Taliban in Doha den US-Rückzug für das Jahr 2021 ausgehandelt hatte.

Darauf weisen hohe Mitarbeiter des Weißen Hauses hin, die darauf bestehen, dass die Vorgängerregierung ihre Hände gebunden hat. Und ihrerseits die Frage stellen, warum das Pentagon nicht damals schon detaillierte Rückzugspläne ausgearbeitet hatte, die Biden mehr Optionen gelassen hätten. Was nichts an der Entschlossenheit des Demokraten änderte, zu tun, was drei seiner Vorgänger nicht taten.

Im Umfeld des Präsidenten wird nicht bestritten, dass sowohl der scheidende Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, General Austin "Scott" Miller als auch der Joint Chiefs of Staff Mark. A. Milley vor den Konsequenzen eines Rückzugs gewarnt hatten. Niemand habe aber erwartet, dass die Taliban bereits im August vor den Toren Kabuls stünden. Tatsächlich ging ein militärischer Lagebericht aus dem Juni noch davon aus, es würde mindestens ein Jahr dauern, bevor die afghanische Hauptstadt bedroht würde.

Joe Biden, Präsident der USA
Joe Biden, Präsident der USA © Evan Vucci/AP/dpa (Archiv)

Michèle Flournoy, die Obamas Afghanistan-Strategie im Pentagon koordinierte, gibt sich angesichts der Entwicklungen selbstkritisch. "Die USA und ihre Alliierten lagen von Anfang an falsch", räumt sie die grundlegende Fehleinschätzung der Supermacht ein, die unter George W. Bush die militärische Mission gegen Terrorlager der Al-Quaida und deren Sponsoren in Afghanistan in des Aufbaus einer Demokratie nach westlichem Vorbild vom Hindukusch verwandelte. "Wir haben uns an unseren demokratischen Idealen orientiert, nicht an dem, was im afghanischen Kontext nachhaltig funktioniert."

Afghanischen Streitkräften fehlt einendes Ziel

Der Afghanistan-Experte Carter Malkasian bricht das auf den Zusammenbruch der zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegenen und mit modernen Waffen ausgerüsteten Regierungsstreitkräfte herunter. Die Taliban kämpften für eine Überzeugung, schreibt der langjährige Pentagon-Berater in seinem Buch "The American War in Afghanistan" (dt. "Der amerikanische Krieg in Afghanistan"), "etwas, das eng mit dem verbunden ist, was es bedeute, ein Afghane zu sein." Den afghanischen Streitkräften fehlte ein einendes Ziel.

Malkasian meint, in der jetzigen Situation könnten die USA "versuchen, den Einmarsch in Kabul zu verlangsamen und den verbleibenden Einfluss zu nutzen, Kriegsverbrechen zu verhindern." Dazu gehört das amerikanische Drängen im Hintergrund auf ein Abdanken des am Wochenende ins Exil geflohenen afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. Das Kalkül ist, den Weg für eine Übergangsregierung freizumachen, in der auch Nicht-Taliban-Vertreter einen Platz haben.

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Der andere Hebel, sind die amerikanischen Marine-Einheiten, die bei der Evakuierung von Botschaftspersonal und afghanischen Mitarbeitern zum Einsatz kommen. Douglas E. Lute, der unter Bush und Obama in maßgeblicher Rolle an der Afghanistan-Strategie mitwirkte, sagt der New York Times, er sei irritiert über das Fehlen einer Notfall-Planung. "Wenn jeder wusste, dass wir uns Richtung Ausgang zubewegen, warum hat dann niemand in den vergangenen zwei Jahren daran gearbeitet"?

Dass ein Präsident, der vor einem Jahrzehnt die richtigen Instinkte bewies, am Vorabend des 20 Jahrestages des 11. September die Evakuierung der US-Botschaft in Kabul verantworten muss, enthält aus Sicht vieler Beobachter die Zutaten einer Tragödie. Der letzte Akt am Ende einer bis an die Anfänge zurückreichenden Kette an Fehlentscheidungen.

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