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AfD-Kandidat Chrupalla gibt sich zufrieden

Die AfD verliert im Bund und ist in Sachsen stark. Ehrenvorsitzender Gauland macht eine überraschende Offerte.

AfD-Chef Tino Chrupalla ist mit dem Ergebnis zufrieden und sieht eine Stammwählerschaft für die Partei.
AfD-Chef Tino Chrupalla ist mit dem Ergebnis zufrieden und sieht eine Stammwählerschaft für die Partei. © dpa-Zentralbild

Die AfD feiert im Berliner Osten. Vom U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord geht es in vorbei an Döner-Imbissen und renovierten Plattenbauten hin zu einem Gebäude mit Praxen und Getränkemarkt. Ein Event-Saal dort für Hochzeiten, Feste, Familienfeiern ist der Ort für die Wahlparty der Partei, die es zum zweiten Mal seit ihrer Gründung 2013 in den Bundestag geschafft hat. Aber was feiert sie eigentlich? Ein Triumph ist es nicht, denn die AfD hat den ersten Analysen zufolge leicht verloren. Andererseits bleibt sie wohl zweistellig und gewinnt womöglich wegen des größeren Bundestages sogar Sitze dazu.

„Natürlich hätten es ein bis zwei Prozentpunkte mehr sein können“, sagt der aus Görlitz stammende AfD-Spitzenkandidat Tino Chrupalla der Sächsischen Zeitung. Dennoch sei er zufrieden. Die Partei habe eine Stammwählerschaft. Analysiert werden müsse in den kommenden Tagen aber, wo und warum es Verluste gegeben habe. Das dürfte vor allem im Westen der Fall sein. In seiner kurzen Ansprache zu den Gästen der Wahlparty betont der AfD-Chef: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Mit dem Slogan „Deutschland, aber normal“, habe man das richtige Thema gesetzt.

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Ko-Chef Jörg Meuthen spricht zurückhaltender von einem durchwachsenen Ergebnis. Die Union habe „zu unserer Freude die gerechte Strafe für ihre desaströse Politik erhalten“. Aber: „Weniger erfreulich ist, dass es uns nicht gelungen ist, das stärker zu Wasser auf unsere Mühlen zu machen. Das werden wir analysieren müssen.“ Das ist die Crux der AfD. Im Osten, in Sachsen fährt sie fast locker Werte eine Volkspartei ein, im Westen stagniert oder verliert sie.

„Anders als 2017 und der damaligen Asyldebatte hatte die AfD kein zugkräftiges Thema“, sagt der Politologe Wolfgang Schroeder. Doch auch er analysiert, dass die Partei ein Stammklientel entwickeln konnte. „Das ist ein Pfund“, betont er im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Allerdings sieht er, dass die Partei weniger intensiv wahrgenommen werde: „Früher war sie der Aufmacher. Jetzt ist sie ein Nebengeräusch.“

Wie auch immer: Die AfD verleiht denen, die unzufrieden und nicht einverstanden sind, eine Stimme. Doch damit erreicht sie im Bund kein Wachstum. Egal ob Europäische Union, Klimawandel oder Corona-Impfungen – die Positionen der AfD sind nicht Mainstream. Mag sein, dass viele Deutsche die Brüsseler Bürokratie als fern und überdimensioniert empfinden, den Austritt wollen sie nicht. Flüge nach Mallorca sind beliebt, dennoch gibt es ein breites Klimabewusstsein. Und wer wünscht sich nicht, irgendwann ohne Maske wieder mit der Bahn fahren zu können? Doch Umfragen sehen noch immer eine Mehrheit der Deutschen für Beschränkungen.

Das alles macht es für die AfD-Strategen nicht einfach. Nach dem bundesweiten Wahlkampfabschluss am Freitag in Berlin gibt Parteichef Jörg Meuthen im ZDF bereits eine beachtliche Einschätzung. „Ich hab‘ da gewisse Zweifel, ob wir uns substanziell werden verbessern können. Das ist so, wenn man den Wahlkampf sehr stark auf die eigene Blase ausrichtet.“

Wenige Augenblicke zuvor konstatiert Chrupalla vor dem Schloss in Berlin-Charlottenburg einen Gegensatz zwischen öffentlicher, in den Leitmedien dargestellter Meinung und Interessen der Bürger. „Man sieht nur Klima, Klima, Klima.“ Doch den Menschen gehe es mehr um Sicherheit, um die Frage, ob Wohlstand durch Wandel verloren gehe und die Miete noch bezahlt werden könne. Chrupalla spricht von einem „leisen Wahlkampf“, den die AfD gemacht habe. Dass er so geordnet verlaufen sei, ist nach Einschätzung des AfD-Chefs für etliche Journalisten ein „Unding“.

Freilich: Schrille Töne gibt es dennoch. Ko-Spitzenkandidatin Alice Weidel versucht, sich bei einem Auftritt am Bodensee in den Dienst der Ungeimpften zu stellen, „die sich diskriminiert fühlen“. Die Macher der Coronapolitik wolle sie „verklagen und jagen, bis es nicht mehr weitergeht“.

„Knapp gehalten“, kommentiert der Dresdner AfD-Europaabgeordnete Maximilian Krah das zunächst nur in Prognosen und Hochrechnungen vorliegende Resultat. Doch er ergänzt: „Wir tun uns schwer, über die Stammwählerschaft hinaus hinzuzugewinnen.“ Die spannende Frage ist nun, welche Konsequenzen das haben wird.

Meuthen ist intern angeschlagen, seit er sich vom mittlerweile aufgelösten „Flügel“ um Björn Höcke distanziert. Ohnehin droht der Gesamtpartei die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Doch der Ehrenvorsitzende und bisherige AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland nutzt seine kurze Rede zu den Wahlpartygästen in Berlin zu einer überraschenden Offerte. Sollte SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz Kanzler werden, „haben wir sehr gute Chancen in der Opposition“. Der CDU bleibe „keine andere Möglichkeit“, als sich zu ändern und vom „Merkel-Kurs“ abzulassen. Gauland: „Dann gibt es auch Möglichkeiten, dass wir mit einer solchen CDU zusammenarbeiten können.“

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Kaum verklausuliert bietet der frühere Christdemokrat seiner ehemaligen Partei eine Zusammenarbeit an. Bislang will mit der AfD niemand koalieren. Doch Gauland weiß, dass dieser Flirt die CDU unter Druck setzt. Die ist an einem Tiefpunkt. Gut vorstellbar, dass vor allem in ostdeutschen CDU-Verbänden rechtskonservative Kräfte auf einen Kurswechsel drängen. Chrupalla sagt es etwas anders: Wenn es um eine sachliche Zusammenarbeit gehe, reiche er allen die Hand.

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