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Alice im Sachsenland

Beim Bundesparteitag in Riesa hat die AfD die Spitzenposten neu verteilt. Mit Alice Weidel und dem Sachsen Tino Chrupalla hat die Partei nun wieder eine Doppelspitze. Doch die Konflikte sind damit nicht gelöst.

Von Thilo Alexe
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Alice Weidel kann die Stimmen von rund zwei Dritteln der AfD-Delegierten auf sich vereinen
Alice Weidel kann die Stimmen von rund zwei Dritteln der AfD-Delegierten auf sich vereinen © dpa

Riesa. Ihr Erfolg kommt auf den ersten Blick überraschend, doch hat er sich angekündigt. Alice Weidel, die sich mit ihren Ambitionen zunächst bedeckt hält und sie allenfalls andeutet, schafft es an die Spitze der AfD. Die 43-Jährige ist nun Fraktions- und Bundeschefin der Partei. Und das mit einem für AfD-Verhältnisse souveränen Ergebnis. Mehr als Zwei-Drittel der Delegierten wählen die Abgeordnete am Samstag in der Riesaer Sachsenarena zu einer von zwei Vorsitzenden.

Dass sie die Seele der zerstrittenen und von Wahlschlappen gebeutelten AfD streicheln kann, beweist die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin bereits am Freitag. Der Parteitag verhakt sich zunächst in zähen, erbitterten Tagesordnungsdebatten. Rechtsaußen Björn Höcke fährt taktische Manöver. Delegierte glauben, auch er könnte sich zur Wahl stellen. Am Abend prasseln auf Bundeschef Tino Chrupalla bei der Vorstellung des Rechenschaftsberichts quälende Fragen ein. Es geht um sinkende Mitgliederzahlen, Anwaltskosten im Rechtsstreit mit Ex-Mitglied Andreas Kalbitz, Satzungsfragen.

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Irgendwann nutzt Weidel ihren politischen Instinkt. Sie geht ans Pult, warnt davor, alles mies zu machen und kritisiert das Zänkische in der Partei. Der Wähler hasse so etwas. "Und er hasst es zurecht."

Weidel dreht die Stimmung und rettet Chrupalla

Weidel erhält befreienden Applaus. Sie dreht die Stimmung und, wenn man so will, rettet Chrupalla. Der bleibt zwar Chef. Doch die Serie von zehn Wahlen mit AfD-Verlusten sowie das ramponierte Erscheinungsbild der Partei haften Delegierte auch ihm an. Er schafft die erforderliche Mehrheit auf Anhieb, aber nur mit mageren 53 Prozent der Stimmen. "Wir sind keine zweite FDP, wir sind auch keine zweite CDU", sagt der Sachse in seiner Bewerbungsrede.

Die AfD hat sich entschieden: Tino Chrupalla und Alice Weidel sollen neben der Bundestagsfraktion nun auch die Partei gemeinsam führen.
Die AfD hat sich entschieden: Tino Chrupalla und Alice Weidel sollen neben der Bundestagsfraktion nun auch die Partei gemeinsam führen. © Sebastian Kahnert/dpa

Weidel dagegen kann entspannt triumphieren. Die Rückschläge wertet sie zumindest teils als Kampagne etablierter Parteien: "Es war völlig klar, das Imperium schlägt zurück." Die AfD sieht sie als politisches Korrektiv, reklamiert das Verhindern der Impfpflicht im Bundestag als Erfolg. Als Weidel gefragt wird, wie sie es mit dem Thema Regierungsbeteiligung hält, schließt sie die jedenfalls nicht aus: "Ich glaube, dass wir zuerst in ostdeutschen Bundesländern in die Regierungsverantwortung kommen werden."

Einen Kurs dafür gibt die Abgeordnete aber nicht aus. Sie glaubt, dass der Verdruss über Inflation und steigende Preise allerorten der AfD die Wähler zutreibt. Ihr Kontrahent, der Europaabgeordnete Nicolaus Fest, kommt auf etwa 20 Prozent der Stimmen. Der Jurist bezeichnet sich mit einem Augenzwinkern als sanften Diktator.

Chrupalla-Herausforderer mit Achtungserfolg

So etwas wie ein Star des Parteitags ist der aus Bayern stammende, brandenburgische Bundestagsabgeordnete Norbert Kleinwächter. Der 36-Jährige hält eine emotionale Rede, schafft Atmosphäre, erntet stürmischen Beifall. "Ich bin kein Lagerhengst", sagt Kleinwächter, der sich als Vertreter eines moderateren Kurses sieht. "Deutschland retten wir, indem wir den politischen Gegner bekämpfen - nicht das andere Lager." Die AfD sei bürgerlich, liberal und konservativ. "Wir vertreten eigentlich die Mehrheit", sie wisse es nur nicht, analysiert Kleinwächter, der einen professionelleren Kommunikationsstil fordert

Das kommt an. Kleinwächter, der ohne Team gegen Chrupalla antritt, holt rund 36 Prozent der Stimmen. Delegierte sagen, es sei die bis dahin beste Parteitagsrede. Von ihm, glauben viele, ist noch mehr zu erwarten. Sächsische Mitglieder sind enttäuscht über die vergleichsweise geringe Stimmenzahl - 287 von 538 - für Chrupalla, der wie Weidel auch Fraktionschef ist. In der Partei wird gerätselt, ob diese Machtkonzentration gut ist. Von einem "großen Glücksgefühl" spricht Chrupalla angesichts der Zusammenarbeit mit Weidel nun auch an der Parteispitze. Freilich: Knapp die Hälfte der Delegierten hat Chrupalla nicht hinter sich.

Das neue Duo sieht sich nun mit der Aufgabe konfrontiert, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischen Verdachtsfall eingestufte AfD auf einen stabilen Oppositionskurs einzuschwören und die stets schwelenden Richtungsstreitereien zu beenden. "Wir sind schon lange keine reine Protestpartei mehr", sagt Sachsens AfD-Chef Jörg Urban bei seiner Begrüßungsrede. Chrupalla, der sich als Vertreter der AfD-Basis präsentiert, deutet an, wie das gehen soll: "Wir machen nicht mit bei Impfpflicht, Krieg und offenen Grenzen." Für den Ukraine-Konflikt fordert er eine diplomatische Lösung. Dass die Partei in Sachsen trotz hoher Erwartung bislang keinen Landratsposten holte, will sich Chrupalla nicht negativ anrechnen lassen. Anders als linke Kandidaten habe die AfD keine Bündnisse geschmiedet. Sie sei "die einzige Partei, die zur CDU als Alternative angetreten ist".

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Im Vorstand hat Chrupalla wohl nicht nur Verbündete. Am Samstagabend gelang der Abgeordneten Christina Baum die Wahl in das Gremium. Sie sprach von "Trümmern" einer Jahrzehnte währenden "Schuldhaftigkeit" und beschwor den "Traum" eines "souveränen deutschen Volkes".

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