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Wer gab den Auftrag für den Mord in Berlin?

Im August 2019 wird im Kleinen Tiergarten ein Georgier erschossen. Die Spur führt nach Russland. Jetzt beginnt der Prozess. Eine Rekonstruktion der Tat.

Im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit wurde am 23. August 2019 der Georgier Selimchan Changoschwili erschossen.
Im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit wurde am 23. August 2019 der Georgier Selimchan Changoschwili erschossen. © dpa

Von Claudia von Salzen und Frank Jansen

Der Gerichtssaal, in dem an diesem Mittwoch einer der folgenreichsten Mordprozesse der vergangenen Jahre beginnt, liegt nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt: Im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit wurde am 23. August 2019 der Georgier Selimchan Changoschwili erschossen.

Der mutmaßliche Täter muss sich nun vor dem Berliner Kammergericht wegen Mordes verantworten, der Prozess findet im Gerichtsgebäude in der Turmstraße statt. Dieser Kriminalfall ist längst zur Staatsaffäre geworden: Denn die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass „staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation“ den Mord in Auftrag gaben.

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Beginn des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten vor dem Kriminalgericht Moabit. Angeklagt ist ein 55-jähriger Russe, der einen Tschetschenen mit georgischer Staatsbürgerschaft in der Berliner Parkanlage Kleiner Tiergarten am 23. August 2019 erschos
Beginn des Prozesses um den Mord im Kleinen Tiergarten vor dem Kriminalgericht Moabit. Angeklagt ist ein 55-jähriger Russe, der einen Tschetschenen mit georgischer Staatsbürgerschaft in der Berliner Parkanlage Kleiner Tiergarten am 23. August 2019 erschos © dpa

Am Mittwoch wurde vor dem Berliner Kammergericht die Anklage verlesen. Die Bundesanwaltschaft warf einem 55-jährigen Russen vor, im August 2019 mit einer Schalldämpfer-Pistole in einem Berliner Park einen 40 Jahre alten Georgier tschetschenischer Abstammung erschossen zu haben. Staatliche Stellen der Russischen Förderation hätten ihm den Auftrag erteilt, "das Opfer zu liquidieren", sagte Bundesanwalt Ronald Georg. Die Tat sei "heimtückisch oder aus Habgier oder aus anderen niedrigen Beweggründen" geschehen.

Der Mord

Es hatte die perfekte Tarnung sein sollen. Am 18. Juli 2019 erhält ein Russe, der sich Wadim Sokolow nennt, einen neuen Reisepass. Damit beantragt er beim französischen Konsulat ein Visum, das er ohne Probleme erhält. Sokolow scheint ein ganz normaler Tourist zu sein, der Urlaub in Frankreich machen will. Erst viel später wird sich herausstellen, dass es Wadim Sokolow wohl nicht gibt.

Am 17. August 2019 fährt der Mann, der sich Sokolow nennt, zum Flughafen Moskau-Scheremetewo, zeigt seine Papiere an der Passkontrolle vor und steigt in eine Air-France-Maschine nach Paris. Dort macht er das, was Hunderttausende Touristen auch tun: Er besichtigt den Eiffelturm und andere Sehenswürdigkeiten. Mit seinem Handy macht er Selfies, die ihn vor den Wahrzeichen der französischen Hauptstadt zeigen.

17. August 2019: Der Mann, der sich Sokolow nennt, fliegt von Moskau nach Paris, besichtigt dort den Eiffelturm und andere Sehenswürdigkeiten.
17. August 2019: Der Mann, der sich Sokolow nennt, fliegt von Moskau nach Paris, besichtigt dort den Eiffelturm und andere Sehenswürdigkeiten. © dpa

Nach drei Tagen fliegt Sokolow weiter nach Warschau. Auch hier besichtigt er die Sehenswürdigkeiten, dafür hat er sogar zwei verschiedene Stadtführer gebucht. Am 21. August besucht der Russe den Wilanów-Palast, ein Schloss im Barockstil, und geht abends mit der Reiseführerin in ein Restaurant.

Am nächsten Morgen verlässt der angebliche Tourist gegen 8 Uhr das Hotel. Sein Zimmer ist noch für drei weitere Nächte gebucht, deshalb lässt er dort Kleidung, sein Flugticket und auch sein Handy zurück. Dann verliert sich seine Spur.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Sokolow direkt nach Berlin gefahren ist. Doch mit dem Flugzeug reiste er dieses Mal wohl nicht. Auch auf den Überwachungsvideos vom Warschauer Bahnhof ist er nicht zu finden. Unklar ist bis heute außerdem, wo Sokolow in Berlin übernachtete. Die Suche nach einem Hotel verlief ergebnislos.

Während der Mann, der sich Sokolow nennt, noch auf dem Weg nach Berlin ist, stellt jemand vor einem Haus am Holsteiner Ufer in Berlin-Moabit einen Elektroroller ab. Dieser ist als Fluchtfahrzeug vorgesehen. Die kleine Geschichte ist aus Sicht der Ermittler ein weiterer Beweis dafür, dass „Sokolow“ nicht allein handelte, sondern in Berlin mindestens einen Helfer hatte. Denn er kam maximal 24 Stunden vor der Tat in der Hauptstadt an. Zeit zum Ausspähen des Opfers blieb da nicht.

Der 23. August 2019 ist ein warmer Sommertag. Im Kleinen Tiergarten sind um die Mittagszeit viele Menschen unterwegs. Auch der Georgier Selimchan Changoschwili will vor dem Freitagsgebet in der Moschee noch einmal durch den Park gehen. Gegen 11.50 Uhr verlässt er das Haus. Was er nicht weiß: Am Eingang zum Park wird er bereits erwartet.

Flucht auf dem Mountainbike

Der angebliche Sokolow hat sich nach Erkenntnissen der Ermittler so postiert, dass er die Straße im Blick hat, aus der Changoschwili kommt. Er trägt eine dunkelgraue Sportjacke, eine Trainingshose sowie ein schwarzes Basecap und Handschuhe. Sein Gesicht hat er nach Angaben von Augenzeugen dunkler geschminkt, eine Perücke mit langen schwarzen Haaren verändert sein Aussehen zusätzlich.

Als Changoschwili an ihm vorbeikommt, folgt der Täter ihm auf einem Mountainbike. Auf einem Parkweg überholt er sein Opfer und schießt ihm in den Oberkörper. Dann stürzt er selbst mit dem Fahrrad, steht auf, geht zu dem am Boden liegenden Mann und schießt ihm aus kurzer Entfernung zwei Mal in den Kopf.

Um 11.57 Uhr geht bei der Berliner Polizei der erste Notruf ein. Der Täter steckt die Waffe – eine Glock 26 mit Schalldämpfer – in die Tasche, steigt auf sein Mountainbike und flüchtet. Er fährt ans Holsteiner Ufer bis zur Lessingbrücke und verschwindet mit seinem Fahrrad im Gebüsch. Dort zieht er sich um, schneidet sich den Bart und wirft dann die Tatwaffe, die zuvor getragene Kleidung, das Mountainbike und weitere Ausrüstung in die Spree.

23. August 2019: Polizeitaucher suchen in der Spree nach der Tatwaffe
23. August 2019: Polizeitaucher suchen in der Spree nach der Tatwaffe © dpa

Als er wieder auf der Straße ist, sieht er wie ein typischer Tourist aus: kurze Hose, gestreiftes Polohemd, Sandalen. Jetzt will er mit dem Elektroroller die Flucht fortsetzen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Zwei junge Männer, die am Holsteiner Ufer stehen und rauchen, haben den bizarren Vorgang beobachtet. Sie verständigen die Polizei. So endet die fast perfekt geplante Flucht mit einer Festnahme. In einer Bauchtasche hat der Mann eine größere Menge Bargeld – und den Pass auf den Namen Sokolow. In den Vernehmungen bestreitet er die Tat.

Der Angeklagte

Der Pass ist nicht gefälscht, er wurde von den Behörden der russischen Stadt Brjansk ausgestellt. Aber die deutschen Ermittler sind überzeugt, dass „Wadim Sokolow“ eine Tarnidentität ist. Außerdem wurden sie in Fahndungsdatenbanken fündig: Der Mann, den die Polizei in Berlin festnahm, ähnelt stark einem Russen, den Moskau 2014 international zur Fahndung ausschreiben ließ: Wadim Krasikow (englische Schreibweise: Vadim Krasikov), damals gesucht wegen Mordes.

Der Angeklagte Wadim Krasikow reiste offenbar mit einer Tarnidentität nach Deutschland
Der Angeklagte Wadim Krasikow reiste offenbar mit einer Tarnidentität nach Deutschland © Polizei Berlin/dpa, Montage

Ein Jahr später lässt Russland bei Interpol die Fahndung löschen. Zwei Monate danach taucht „Wadim Sokolow“ erstmals auf der Bildfläche auf, für ihn wird in Russland ein Ausweis ausgestellt. Doch eine normale Existenz scheint er nicht zu führen. Erst im Juli 2019 – in dem Monat, in dem er für das Visum Angaben über seine Arbeit machen muss – erhält er eine Steuernummer. Sollte er etwa bis zum Alter von 49 Jahren nie einer bezahlten Tätigkeit nachgegangen sein?

Auf dem Antrag für das Visum gibt „Sokolow“ an, in St. Petersburg zu wohnen, doch in seiner Steuerakte steht eine Adresse in Brjansk. In der russischen Passdatenbank sind keine Daten über ihn abrufbar, wer nach seinem Namen sucht, bekommt den Vermerk „geschützte Person“ zu sehen.

Diese für die Ermittlung wichtigen Details haben nicht die Experten des Bundeskriminalamts herausgefunden, sondern ein Mitarbeiter der Rechercheplattform „Bellingcat“. Er hat über Informanten in Russland Zugang zu russischen Melderegistern und verfügt auch über weitere Datenbanken. Auf diesem Weg kam Bellingcat zu dem Ergebnis, dass der in Berlin gefasste Mann in Wirklichkeit Wadim Krasikow sein muss.

Beamte der Spurensicherung sichern in einem Faltpavillon Spuren am Tatort im Kleinen Tiergarten
Beamte der Spurensicherung sichern in einem Faltpavillon Spuren am Tatort im Kleinen Tiergarten © dpa

Gefahndet wurde nach ihm im Zusammenhang mit einem Mord in Moskau 2013. Der Täter näherte sich damals seinem Opfer auf einem Mountainbike und schoss ihm in den Oberkörper und in den Kopf. Doch das Verfahren wurde ebenso eingestellt wie in einem anderen Mordfall in Russland, bei dem Krasikows Name aufgetaucht war. Die Täter hatten 2007 in Karelien einen Mann mit Schüssen in die Brust und den Kopf getötet und anschließend Gegenstände in einen Fluss geworfen. Einer der anderen Tatverdächtigen war ehemaliger Angehöriger einer Spezialeinheit des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Auch über Krasikow findet sich in russischen Registern wenig. Es gibt zwar eine Strafakte, doch der Inhalt wurde nach Bellingcat-Recherchen gelöscht. In seiner Steuerakte stehen offenbar erfundene Beschäftigungsverhältnisse.

Krasikow und Sokolow haben denselben Vornamen, der eine hat am 10. August Geburtstag, der andere am 20. August, der eine ist fünf Jahre älter als der andere und in Sokolows angeblichem Geburtsort Irkutsk hat Krasikow früher gelebt. Dass die persönlichen Daten Parallelen aufweisen, ist nach Auffassung der Ermittler typisch für falsche Identitäten, die von Nachrichtendiensten angelegt werden.

Die Spur nach Moskau

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass die falsche Identität „Sokolow“ nur mit Hilfe staatlicher Stellen geschaffen werden konnte. So wurden in offiziellen Registern Daten gelöscht oder gesperrt, die Fahndung bei Interpol wurde zurückgezogen. All das können nichtstaatliche Akteure nicht erreichen. Der fiktive Sokolow hätte beim Beantragen des echten Passes ebenso auffliegen müssen wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen.

Auf seinem Visumsantrag schrieb der falsche Sokolow, er arbeite für die Firma ZAO Rust als Bauingenieur. Doch auch diese Angabe stimmte nicht, das Unternehmen ist praktisch nicht mehr aktiv. Früher arbeitete die Firma nur für staatliche Kunden, darunter eine Einheit des FSB. Zudem hat Sokolows angeblicher Arbeitgeber dieselbe Faxnummer wie zwei Firmen, die dem russischen Verteidigungsministerium gehören.

In den Monaten vor dem Mord in Berlin stand Krasikow in regelmäßigem Kontakt mit Veteranen der FSB-Spezialeinheit „Wympel“. Als er Anfang Juli 2019 von Moskau nach Brjansk fährt, wohl um den Pass für „Sokolow“ zu beantragen, telefoniert er in zwei Tagen gleich neun Mal mit ehemaligen Wympel-Mitgliedern. Außerdem besucht er in Moskau das Büro einer Veteranenorganisation sowie einer Sicherheitsfirma, in der Ex-Angehörige der Spezialeinheit tätig sind. Im April 2019 hat Krasikow einen Ort bei Moskau besucht, in dem sich ein Trainingszentrum der Einheit befindet.

Die deutschen Ermittler glauben, dass Krasikow selbst einer Spezialeinheit des FSB oder des Innenministeriums angehört haben könnte. Am linken Oberarm trägt der Angeklagte ein Raubkatzen-Tattoo, das dem Emblem der Spezialeinheit „SOBR Rys“ ähnelt – das Wappentier dieser früheren Einheit des Innenministeriums war der Luchs.

Experten sehen Parallelen zu vergleichbaren Fällen im Ausland, für die Russland verantwortlich gemacht wird, beispielsweise dem Mord an einem Tschetschenen in Istanbul 2015. Der FSB hatte deutsche Behörden 2012 darüber informiert, dass Changoschwili ein Terrorist sei, ein Mitglied der Organisation „Kaukasisches Emirat“. Zu diesem Zeitpunkt war er noch gar nicht in Deutschland.

Der Georgier Selimchan Changoschwili hatte im zweiten Tschetschenienkrieg von 2000 bis 2004 eine Miliz geführt, die gegen den russischen Staat kämpfte
Der Georgier Selimchan Changoschwili hatte im zweiten Tschetschenienkrieg von 2000 bis 2004 eine Miliz geführt, die gegen den russischen Staat kämpfte © Screenshot: Palitra News / Tsp

Der aus Georgien stammende Angehörige einer mit den Tschetschenen verwandten Minderheit hatte im zweiten Tschetschenienkrieg von 2000 bis 2004 eine Miliz geführt, die gegen den russischen Staat kämpfte. In Russland gab es Ermittlungen gegen ihn wegen eines Überfalls auf Sicherheitskräfte in Inguschetien 2004. Dabei wurden 78 Menschen getötet.

Jahre später wurde Changoschwili in seinem Heimatland Georgien bei einer Geiselnahme als Vermittler zwischen der Regierung und tschetschenischen Entführern eingesetzt. Zudem soll er zeitweise für georgische und indirekt wohl auch für amerikanische Nachrichtendienste tätig gewesen sein.

In der Ukraine arbeitete er 2015 und 2016 als Berater des Polizeichefs von Odessa, als Georgiens Ex-Präsident Michail Saakaschwili dort Gouverneur war. 2016 reiste er nach Deutschland und beantragte Asyl. In seiner Heimat, wo inzwischen eine russlandfreundliche Regierung an der Macht war, sah er sein Leben in Gefahr. Bereits einmal war in Tiflis ein Anschlag auf ihn verübt worden.

Der Pass ist echt.

Auf der Liste, die der FSB 2012 an das Bundeskriminalamt schickte, standen neben Changoschwili 18 weitere Namen von Personen, die der FSB als Terroristen einstufte. Mindestens vier von ihnen sind nach Recherchen der deutschen Ermittler gewaltsam ums Leben gekommen.

Knapp zwei Monate nach dem Mord kam eine Antwort aus Moskau auf ein deutsches Rechtshilfeersuchen. Das Innenministerium teilte mit, Sokolows Pass sei echt, das Foto zeige ihn, er wohne in der Stadt Brjansk. Im Mai dieses Jahres – die Nachricht von der wahren Identität des in Berlin festgenommenen Mannes war längst öffentlich geworden – bekamen die Deutschen zudem Post vom russischen Ermittlungskomitee, der obersten Strafverfolgungsbehörde.

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Darin wurde noch einmal Sokolows Adresse in Brjansk mitgeteilt. Dort sei er gemeldet, und dort wohne er auch. Deutsche Sicherheitsbehörden hätten sich das gern vor Ort angesehen. Doch ihren Antrag, Sokolows angebliche Adresse selbst aufsuchen zu dürfen, lehnten die russischen Behörden ab.

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