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„Nur wegen einer Gesinnung gendern?"

Streit um Sternchen und Doppelpunkt: Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache warnt Behörden vor dem eigenmächtigen Ändern von Normen.

Beschäftigt sich viel mit Sprachveränderungen: Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache.
Beschäftigt sich viel mit Sprachveränderungen: Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. © GFDS

Von Georg Ismar

Friedrich Merz sieht Versuche einer ideologisch begründeten Verbiegung der deutschen Sprache, Hamburgs CDU-Chef Christoph Ploß will ein "Gender-Verbot" für staatliche Stellen. Peter Schlobinski, geboren 1954 in Berlin, ist seit 2015 Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Er ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Hannover. Im Interview schaltet er sich in die emotionale Debatte um geschlechtergerechte Sprache ein und warnt, dass diese viele Tücken hat und nicht von der Empfehlungen des Rats für Rechtschreibung legitimiert ist.

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Herr Professor Schlobinski, eigentlich ist der Fall ja klar, die Gesellschaft für deutsche Sprache sagt: Gendersternchen und Co. sind mit deutscher Rechtschreibung nicht vereinbar.

Ja, es gibt zwei Extrempole: Die einen, die das verteufeln und von der Verhunzung der deutschen Sprache sprechen. Dann haben wir den anderen Pol, der - ideologisch und emotional aufgeladen - versucht, bestimmte Formen durchzusetzen. Und einen Mittelweg, wie ihn die Gesellschaft für deutsche Sprache geht. Es geht ja im Kern um gesellschaftliche Auseinandersetzungen und dahinter stehen Machtkämpfe. Fangen wir mal bei der Grundprämisse an.

Die da wäre?

In Deutschland ist es zum Glück so, dass jeder so sprechen und schreiben kann, wie er verstanden und gelesen werden will. Das ist zunächst einmal die Grundlage und dann gibt's eine Normierung auf der Ebene der Orthografie. Da ist der Rat für Rechtschreibung zuständig und der regelt, welche Schreibungen zugelassen sind.

Dazu gehört dann auch, ob ich ein Sternchen als orthographische Zeichen einführe, zum Beispiel als Trennzeichen, als Morphemgrenze. Wenn ich so was habe wie Lehrerinnen, dann kann ich das Silben bezogen trennen. Aber dann wird ja nach Lehrer das Sternchen eingefügt. Und da hat auch der Rechtschreibrat kürzlich mitgeteilt, dass die Schreibung mit dem Asterisk oder mit dem Doppelpunkt oder mit Unterstrich oder mit Binnen-I, dass dies nicht gedeckt ist durch das Regelwerk.

Aber trotzdem setzen sich auch Verwaltungen und Behörden darüber hinweg, entsteht da nicht ein Wildwuchs?

Für die offizielle Schreibung, um die geht es hier, also Institutionen, Verwaltungen, Schule, Universitäten, dafür haben wir ja den Rechtschreibrat und das ist die Norm, an die wir uns zu halten haben. Und wir als Gesellschaft für deutsche Sprache halten uns auch da dran. Also wenn jetzt jeder davon abweicht - wir haben in Hannover den Stern, in Lübeck den Doppelpunkt -, dann führt das zu einer nicht vereinheitlichten Rechtschreibung. Und das deckt sich einfach nicht mit dem Auftrag, den die Kultusministerkonferenz dem Rechtschreibrat gegeben hat, und dem ich auch folgen würde. Ansonsten können Sie, zum Beispiel in Ihrer Tageszeitung, letztlich machen, was Sie wollen.

Wettert seit Wochen gegen das zunehmende „Gendern“ in Medien und Verwaltung: Der CDU-Politiker Friedrich Merz
Wettert seit Wochen gegen das zunehmende „Gendern“ in Medien und Verwaltung: Der CDU-Politiker Friedrich Merz © Jonas Güttler/dpa

Kritiker des Gendern betonen, dass sich hier eine Ideologisierung der Sprache schon darin zeige, dass andererseits Begriffe wie Terrorist, Rassist oder Verschwörungstheoretiker nicht „gegendert“ würden.

Ja, es geht hier immer um den Kontext. Soll da wegen einer Gesinnung gegendert werden? Will man da gendern und macht das überhaupt Sinn? Deswegen gibt es keine einheitliche Lösung. Sie werden keine durchgängige Regelung haben, sondern Sie werden also immer sagen können, Sie haben bestimmte Formen.

Man kann unter diesen Formen auswählen. Die Schreibungen wie mit dem Sternchen führen zu vielen sinnlosen und linguistisch widersprüchlichen Formen. Da fällt mir ein, in Berlin gab es doch mal dieses Landesprogramm für Vielfalt in der Verwaltung. Da sollte der Begriff Ausländerin und Ausländer umschrieben werden.

Und man kam auf den Begriff „Einwohnende“. Für Einwohner ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Also ich wohne vielleicht eine Wohnung ein, aber ein Einwohnender ist kein Einwohner und schon gar nicht ein Staatsbürger. Aber es gibt auch Beispiele, wo Sprachveränderung funktioniert: Studierende ist an den Universitäten mittlerweile so stark etabliert, das hat im Prinzip Studenten ersetzt. Es wird heute weitgehend so gelesen wie früher „Studenten“, also generisch.

Hauptkritikpunkt in der Debatte ist: Die deutsche Sprache ist zu männlich…

Das Drei-Genus-System im Deutschen, also Maskulinum, Femininum, Neutrum, hat sich bereits im Spätindogermanischen etabliert, natürlich stark unterschieden vom heutigen Deutsch. Und das steht sozusagen quer zu der Frage, ob ich intersexuelle, queere und andere Personen mitbezeichne oder nicht. Das ist im Genus-System nicht abgebildet. Also Genus auf der einen Seite und Sexus und Gender auf der anderen Seite. Das ist in verschiedenen Punkten nicht miteinander kompatibel.

Wie lösen Sie das denn ganz persönlich für sich?

Wenn, dann bevorzuge ich Doppelformen: Fußgängerinnen und Fußgänger. Ich nehme ansonsten auch oft die generische Lesart. Also ich würde immer reden von Ärzteschaft und nicht von Ärzt*innenschaft oder Ärzte- und Ärztinnenschaft. Ich mache das wirklich nach meinem Sprachgefühl und danach, wo es kontextuell angemessen ist. Zum Beispiel spreche ich bei Vorträgen die Kolleginnen und Kollegen an, da ist es sozusagen respektvoll, wenn ich die Personen korrekt adressiere – da sind ganz konkret Männer und Frauen, die entsprechend anzusprechen sind.

Ein Hauptargument dagegen in der geschriebenen Sprache ist auch, dass es den Lesefluss stört. Mir geht es oft so, dass ich bei zu vielen Gender-Doppelpunkten den Faden verliere…

Also ich kann sagen, bei mir ist das auch so. Es ist ja kein Zufall, dass es in Romanen, in der Literatur relativ wenig auftritt. Wenn ich einen Roman lese und gender den für mich mal so im Kopf durch, geht das vollkommen gegen meine Sprachästhetik. Also von der Intention her soll man ja darüber stolpern. Aber wenn ich jetzt einen spannenden Krimi lese, will ich nicht über sprachliche Formen stolpern.

Und da kommt auch noch ein wichtiger Aspekt hinzu. Diese Veränderung müsste ja auch in der Schule vermittelt werden. Aber da können wir davon ausgehen, dass dies erhebliche Probleme mit sich bringt.

Was meinen Sie konkret?

Wie wollen Sie Formenwidersprüchlichkeiten und die sprachpolitischen Gründe für diese Schreibweisen und die Probleme, die damit verbunden sind, entsprechend in der Schule, im Schriftspracherwerb vermitteln? Und es kommt noch ein Drittes hinzu: die gesprochene Sprache. Ich rede jetzt über diese berühmte „Gender-Pause“, zum Beispiel Wähler (--) innen.

Also von der Silbenstruktur, wenn wir sprechen, dann geht das ja völlig gegen unser Gefühl, wie wir eigentlich trennen, also wenn wir statt Leh-re-rin-nen sagen: Lehrer (--) innen. Ich weiß nicht, ob es gegen jedermann und jeder Frau Sprachgefühl geht; gegen mein Sprachgefühl auf jeden Fall, weil es gegen die prosodischen Grundregularitäten des Deutschen verstößt. Die Silbentrennung ist eine andere, und die Silbe ist eine natürliche Sprecheinheit. Und das führt ja bereits zu paradoxen Entwicklungen im Radio.

Nämlich?

Ich habe das beobachtet im Deutschlandfunk, wenn dort ein bisschen schneller gesprochen wird, so wie ich jetzt hier, ich bin halt Berliner. Wenn ich in einem linguistischen Thema bin, habe ich eine beschleunigte Sprechweise, bei der natürlich Pausen verschwinden. Das heißt, wenn man das zu Ende denkt, dann kommen wir vielleicht irgendwann zum ,generischen Femininum‘, weil die Sprechpausen bei einer schnelleren Sprechweise weggelassen werden. Und das können Sie bereits immer öfter hören.

Bei den Grünen im Wahlprogramm kommt über 300 Mal ein *, bei der SPD 157 Mal. Versuchen die Parteien nicht einen Wandel durchzudrücken, den eine Mehrheit gar nicht will?

Sie haben da natürlich eine bestimmte Klientel im Auge. Also bei den Grünen, glaube ich, funktioniert das schon. Ob das bei der SPD funktioniert, weiß ich nicht, weil mir da mittlerweile ohnehin unklar ist, wen sie als Wählerschaft im Auge hat. Es hängt ein bisschen von den Zielgruppen ab, ob das sinnvoll ist.

Neu sind diese Sprachveränderungsversuche ja nicht…

Genau, dahinter steht ja das Prinzip des sprachlichen Relativismus, diese Idee geht eigentlich zurück auf Humboldt, also Sprache beeinflusst das Denken. Und wenn ich sozusagen die Sprache ändere, ändere ich das Denken. Und der nächste Schritt wäre, wenn ich das Denken ändere, ändere ich die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Das findet sich ja auch bei Orwells 1984: Mit einer neuen Sprache ändere ich die Begrifflichkeiten und das Denken und kann so die Gesellschaftsmitglieder lenken und formen. Nur das funktioniert schon bei Orwell nur bedingt. Nun ja, es ist ein weites Feld.

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