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Politkarrieristen „rund geschliffen wie Eierkohle“

Ex-Minister Peer Steinbrück beklagt Qualität der heutigen Politikergeneration.

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Berlin. Der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat keine sonderlich hohe Meinung vom aktuellen politischen Personal. „Der Auswahlmechanismus politischen Personals bringt heute eine schlechtere Qualität mit sich“, sagte Steinbrück in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“.

„Vielleicht ist die Profession des Politikers auch so wenig attraktiv, dass die besten Köpfe sich woanders engagieren.“ Es gebe die Erwartung, ein Politiker müsse herausragende Leistungen bringen, solle aber schlecht ausgestattet arbeiten und leben. „Das ist bigott, grotesk und idiotisch.“

Das politische Personal der 50-er, 60-er, 70-er Jahre sei markanter als heute gewesen, meinte Steinbrück. „Es gab bei ihnen fast eine Pflicht, Deutschland wieder auf die Beine zu bringen. Es gab gebrochene Biografien, die aber Profil bildend waren. Die freie parlamentarische Rede war eine durchgängige Qualität dieser Politiker und zwar in allen Parteien. Wir hingen doch an den Fernsehern, um Bundestagsdebatten zu verfolgen.“

Heute planten in der Jungen Union und bei den Jusos „Leute mit 20 bis 25 ihre politische Karriere und sind auf dem Karriereweg nachher rund geschliffen wie Eierkohle“. Seine eigene Partei werde vor allem von den „Zeitreichen“ geprägt, nicht von den „Zeitarmen“: Die „Zeitreichen“ hätten die Zeit, sich in der sogenannten Ochsentour durch die Parteihierarchie nach oben zu arbeiten. Leider hätten sie am wenigsten mit sich ändernden Lebensrealitäten und Wirtschaftsverhältnissen zu tun.

„Dieser Auswahlmechanismus ist ein Problem“, sagte Steinbrück. „Die Zeitarmen haben die direktere Fühlungnahme mit dem Wandel, haben aber leider keine Zeit, sich auf Parteitagen durchzusetzen. Das führt dazu, dass in der SPD Angehörige des öffentlichen Dienstes überproportional vertreten sind.“

Gleichzeitig übte der Ex-Minister drei Monate nach der Bundestagswahl herbe Kritik am damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Mit Blick auf dessen Wahlkampfaussage, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) könne „die Umzugskisten packen“, nörgelte Steinbrück: „Ich wusste, dass dieses Bild nicht ankommt. Weil es keiner glaubt.“ Die Aussage sei eine „völlige Verzeichnung“ gewesen und „kontraproduktiv“. (dpa/ddp)