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Polizei ermittelt nach Großbrand in Pirna

Warum am Mittwoch eine Lagerhalle brannte, weiß noch niemand. Großes Glück hatten Anwohner – und ein Zirkus.

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© Daniel Förster

Von Thomas Möckel und Daniel Förster

Als Jutta Kaden am Mittwochnachmittag ins Nachbargrundstück schaute, sah sie nur dicken schwarzen Rauch. „Ich hörte Menschen brüllen: Alle raus“, berichtet die Pirnaerin. Kurz darauf schlugen Flammen meterhoch aus dem Dach der Lagerhalle nebenan. Am Wohnhaus von Jutta Kaden schmolz ein Teil der Plastik-Jalousie am Fenster, einige Rahmen färbten sich braungelb. „Wir hatten Glück, dass der Wind die Flammen nicht zu uns herübergeweht hat“, sagt sie. Größeren Schaden nahm ihr Haus nicht.

Sämtliches in der Halle gelagerte Material ist verbrannt – oder Schrott.
Sämtliches in der Halle gelagerte Material ist verbrannt – oder Schrott. © Marko Förster
Die Rauchsäule am Mittwochnachmittag über Pirna. Foto: Günter Eckoldt
Die Rauchsäule am Mittwochnachmittag über Pirna. Foto: Günter Eckoldt

Kaum zehn Meter von Jutta Kadens Wohnung entfernt war vorgestern Nachmittag in der Lagerhalle der Einkaufs- und Liefergenossenschaft (ELG) des Metall-Handwerks Pirna ein Feuer ausgebrochen. Die Rauchsäule war bis Dresden zu sehen, die Halle brannte vollständig aus. Am Tag danach sieht das Gebäude aus wie nach einer Explosion. Verbogene Blechwände ragen empor, starke Stahlträger haben sich verformt, Wellblechdächer sind geschmolzen, Wände verrußt, Rauch kriecht aus den Trümmern. Verkohlte Teile hat der Wind bis auf die Zehistaer Straße getragen, es stinkt nach verbranntem Plastik. Alles, was in der Halle lagerte – beispielsweise Toilettenbecken, Badewannen und Kabel – vernichteten die Flammen.

Für die Pirnaer Feuerwehr waren die Löscharbeiten ein Kraftakt. Ungewöhnlich war aus Sicht der Einsatzkräfte, dass die Halle in kurzer Zeit so heftig brannte. „Unsere Kameraden waren drei Minuten nach dem Alarm an der Halle. Da war bereits das komplette Dach durchgebrannt“, sagt Pirnas Feuerwehrchef Peter Kammel. Er vermutet, dass als Wärmedämmung eingesetzter PU-Schaum sowie zusätzlich brennende Kunststoffteile den enormen Rauch und die Hitze verursachten. „Da erreichen die Temperaturen schnell bis zu tausend Grad“, sagt Kammel.

Da wegen des heftigen Brandes ein Löschangriff an der Vorderseite der Halle zunächst wenig erfolgreich schien, bekämpften die Einsatzkräfte die Flammen von der Seite aus. Sie löschten einerseits an der Halle, bewässerten aber auch die benachbarten Wohnhäuser, damit das Feuer nicht übergriff. Beim Haus von Jutta Kaden hält sich der Schaden in Grenzen, am Gebäude dahinter gingen aufgrund der Hitze Fensterscheiben zu Bruch. Gegen 22 Uhr waren die Löscharbeiten am Mittwoch weitgehend beendet.

Explodierende Sprayflaschen

Ganz bekämpft war das Feuer allerdings nicht. Kurz nach Mitternacht hatten aufgeregte Nachbarn erneut die Feuerwehr alarmiert, die daraufhin mit vier Fahrzeugen ausrückte und mit C-Rohr sowie Kübelspritze weitere Brandherde löschte. Auch gestern Vormittag waren noch zwei Feuerwehrautos vor Ort. Die Kameraden mussten nochmals nachlöschen, weil aus einigen Glutnestern immer wieder Flammen züngelten.

Trotz des Infernos war es den Einsatzkräften am Mittwoch gelungen, zwei Lkws der ELG aus der Gefahrenzone zu fahren, sie wurden nur leicht beschädigt. Für den dienstältesten Transporter der Genossenschaft aber war eine Rettung nicht mehr möglich, er wurde ein Raub der Flammen.

Obwohl der Brandherd so immens qualmte, sind laut Peter Kammel keine gefährlichen chemischen Dämpfe ausgetreten. Zwar lagerten seiner Kenntnis nach in der Halle Chlorgranulat für Swimmingpools und Rohrreiniger – allerdings in geringer Menge. Gefährlicher waren für die Einsatzkräfte kleinere Sprayflaschen, die während des Feuers explodierten. Ihre Reste flogen wie Geschosse meterweit durch die Luft. „Dank Helmen und schwerer Jacken sind die Feuerwehrleute aber recht gut geschützt“, sagt Kammel. Verletzt wurde von den Einsatzkräften niemand. Auch alle 25 Mitarbeiter der ELG in Pirna überstanden das Großfeuer unversehrt. Christian Mühle (37), geschäftsführender Vorstand der Genossenschaft, war am Mittwoch als Letzter aus dem direkt an die Halle grenzenden Büro ins Freie geflüchtet. „Ich saß am Schreibtisch, habe die Rauchwolke unter der Zimmerdecke bemerkt.“

Eine Brandschutz- und Löschanlage war in der Lagerhalle nicht installiert. „So etwas ist bei dieser Hallengröße auch nicht zwingend erforderlich und vorgesehen“, sagt Feuerwehrchef Peter Kammel.

Neben der Feuerwehr waren Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks aus Pirna und Dippoldiswalde, zwei Rettungswagen nebst Notarzt sowie die Polizei am Mittwoch vor Ort – zusammen rund 90 Männer und Frauen. Grund für die hohe Zahl der Einsatzkräfte war, dass anfangs Unklarheit herrschte, ob sich noch Menschen in dem Gebäude aufhielten. Dieser Verdacht bestätigte sich allerdings nicht.

ELG arbeitet wieder

Gestern waren die Kriminalpolizei sowie spezielle Ermittler vor Ort, um in der Halle nach der Brandursache zu suchen. Über Ermittlungsergebnisse wurde bis zum Abend noch nichts bekannt; wo das Feuer seinen Ursprung hatte, bleibt vorerst unklar.

Rings um die zerstörte Halle hat sich die Aufregung wieder gelegt. Am Mittwoch waren die beiden Nachbarhäuser evakuiert worden, auch der Freibad-Bereich im Geibeltbad wurde wegen des Rauches vorsichtshalber geräumt. Großes Glück hatte der Zirkus Renz, der auf einer Freifläche nahe der Lagerhalle zurzeit für ein Gastspiel residiert. Die Mitarbeiter des Zirkus hatten während des Feuers für drei Stunden Zelt und Wohnwagen verlassen müssen. „Wir sind mit einem riesigen Schrecken davongekommen“, sagt Jeremy Schmidt vom Zirkus. Als die Rauchwolken aufstiegen, hatten die Zirkusleute den Tieren – darunter Kamele, Araber-Hengste und Ponys – umgehend Halfter umgelegt, um sie schnell aus der Gefahrenzone führen zu können. Die größte Sorge der Artisten war, dass das Zelt Feuer fangen könnte. „Wäre das Feuer hergekommen, wäre das Zelt nicht zu retten gewesen. So schnell können wir das nicht abbauen“, sagt Jeremy Schmidt. Unterstützt wurden die Zirkusleute bei der Evakuierung von etwa 30 Anwohnern, die sich spontan bereiterklärten, die Tiere im Ernstfall wegzuführen und den Artisten sogar Unterkünfte anboten. „Das hat uns sehr gefreut“, sagt Schmidt. Nachdem Schäden ausblieben und alle unversehrt sind, kann er Entwarnung geben: „Alle unsere Vorstellungen können wie geplant stattfinden.“

Auch die Einkaufs- und Liefergenossenschaft arbeitet trotz des Feuers. Der Verkauf geht aus einem Behelfslager auf dem Firmengelände weiter. Für die Kunden, sagt Geschäftsführer Christian Mühle, werde man trotz allem da sein.