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Betrugsmasche: Wertlose Bücher als Geldanlage

Wie Menschen bei Haustürgeschäften um ihre Ersparnisse gebracht werden sollen, zeigt ein Fall aus dem Erzgebirge.

Ulli Mann aus dem Erzgebirge und seine Brockhaus-Enzyklopädie, die er vor Jahren erworben hat.
Ulli Mann aus dem Erzgebirge und seine Brockhaus-Enzyklopädie, die er vor Jahren erworben hat. © Ronny Küttner

Vorsicht ist immer geboten, wenn Fremde vor der Haustür klingeln oder telefonisch einen Termin für die Präsentation eines bestimmten Produktes vereinbaren. Auch Ulli Mann aus Sehmatal-Cranzahl, einem kleinen Ort im Erzgebirgskreis, war überrascht, als eine Dame ohne Vorankündigung plötzlich vor seiner Haustür stand. Sie stellte sich als Mitarbeiterin einer Nachfolgefirma des Bertelsmann-Verlages vor und hätte da ein unschlagbares Angebot für eine Wertanlage.

Als ehemaliger Kunde von Bertelsmann habe Mann rund 9.800 sogenannte Scoring-Punkte gesammelt, sagte die Dame. Dafür könne er sich nun eine Prämie aussuchen. Er habe die Wahl zwischen historischen Büchern oder einem Faksimile, einer originalgetreuen Nachbildung eines uralten Schriftstückes. Ein Scoring-Punkt sei dabei einen Euro wert. Das wäre die Chance für ihn auf eine echte Investition, betonte die Vertreterin, schließlich würde es diese Manuskripte nur in sehr geringer Auflage geben.

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„Im ersten Moment klang das für mich gar nicht mal so abwegig, denn ich wusste, dass Bertelsmann früher Faksimile vertrieben hat“, sagt Ulli Mann im Rückblick. Tatsächlich war er auch mal Kunde des Verlags gewesen, hat die berühmte Brockhaus-Enzyklopädie und andere Werke noch im Bücherregal stehen. „Von Scoring-Punkten, die ich gesammelt haben soll, hatte ich allerdings noch nie zuvor gehört“, sagt der 52-Jährige. Und nun sollte er ein Geschenk erhalten? Einfach so? Um ihm das Angebot schmackhaft zu machen, zeigte die Dame ihm noch schicke Hochglanz-Flyer. Einen Firmennamen habe er darauf aber nicht finden können.

„Und auf einmal hieß es dann, ich müsse lediglich die Herstellungskosten für die Reproduktionen zahlen. Da war mir sofort klar, dass die ganze wilde Story eine plumpe Abzocke ist“, sagt Mann.

Genau wie Ulli Mann haben schon viele Sachsen Besuch von Vertretern bekommen, die sich gern als ehemalige Bertelsmann-Mitarbeiter ausgeben. Im vergangenen Sommer hatten sich etwa in der Leipziger Gegend Fälle gehäuft, bei denen vorwiegend ältere Menschen zum Kauf überteuerter Werke überredet werden sollten: „Meisterwerke“ der Welt und der Kunst oder religiöse oder historische Nachdrucke. Es würde sich um eine sichere Geldanlage handeln, hieß es dann. Und die Bücher könnten in absehbarer Zeit mit hohem Gewinn wiederverkauft werden. Ins Zwielicht geraten sind etwa zwei Firmen aus Gütersloh.

Tausende Euro versenkt

„Zugegeben, die Bücher sehen schick aus, sind meist in Leder gebunden. Aber sie sind nur einen Bruchteil von dem wert, was dafür verlangt wird“, sagt Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen. Obwohl die Masche schon länger bekannt sei, würden nicht alle Betroffenen so besonnen reagieren. 7.000 Euro für einen Bildband, 11.000 Euro für die Nachbildung einer historischen Psalter-Sammlung – einige Senioren haben für angeblich seltene Bücher richtig tief in die Tasche gegriffen. Dem Verbraucherzentrale Bundesverband liegt der Fall einer 90-Jährigen vor, die über mehrere Jahre insgesamt 100.000 Euro für verschiedene Werke ausgegeben hat.

Und die Betrüger gehen noch weiter. Fehlt das nötige Kleingeld, können die Opfer einen Finanzierungsvertrag gleich mit unterschreiben. Oder jemand weiß nicht, wie er seine Schriften gewinnbringend verkaufen soll? Kein Problem, organisiert der Vertreter alles mit, allerdings nur gegen Vorkasse. So berichtet die Verbraucherzentrale von einer Leipzigerin, die sich Bücher angeschafft hatte, um eine Sammlung für einen Weiterverkauf zu komplettieren. Vorab müsse sie jedoch einen Betrag von 2.000 Euro an einen Rechtsanwalt zahlen, sagte man ihr, damit der Verkauf abgewickelt werden könne. Die alte Dame schloss daraufhin verschiedene Verträge ab. Ein anderes Rentnerpaar schilderte, dass es fast die Hälfte seines monatlichen Einkommens für die Kredite aufwenden muss, die es zum Kauf der Bücher abgeschlossen hat.

Tragisch ist, dass besonders häufig Menschen mit geringem Einkommen betroffen sind. „Vor allem Ältere möchten ihre niedrige Rente etwas aufbessern oder Geld für ihre Enkel anlegen“, sagt Neumerkel. Das Geld sei aber in der Regel verloren, denn zu einem Verkauf komme es in den meisten Fällen nicht. Und wenn doch, würde man nicht die Summe zurückbekommen, die man investiert habe.

In der Regel sind die Haustür-Banditen psychologisch geschult und äußerst wortgewandt. Was also tun, wenn ein Vertreter einen an der Haustür überrumpelt und man vorschnell einen Vertrag unterschrieben hat? „Bloß keine falsche Scheu an den Tag legen und zügig handeln“, rät Claudia Neumerkel. Die Chancen für eine Rückabwicklung des Kaufs seien oft sehr gut, und die Erfahrung zeige, dass Betroffene, die sich wehren, ihr Geld zurückbekommen. „Verträge aus Haustürgeschäften können innerhalb von 14 Tagen widerrufen werden, am besten schriftlich mittels Einschreiben“, erklärt die Verbraucherschützerin. Begründen muss man den Widerruf nicht.

Doch Vorsicht: Die Vertreter wissen gut, diese Hürde zu umgehen. „Sie reden den Käufern ein, dass sie die Bücher doch zusätzlich mit einem Goldaufdruck, etwa einer Widmung, personalisieren lassen können“, erklärt Neumerkel. Durch diese Individualisierung bestehe am Ende jedoch kein Widerrufsrecht mehr. „Das ist genau so, als wenn ich ein T-Shirt mit persönlicher Aufschrift bedrucken lasse. Das kann ich auch nicht mehr zurückgeben.“

In den vergangenen Monaten haben die Verbraucherschützer weitere Ableger der Masche beobachtet. Die Idee mit den zu Bertelsmann-Zeiten gesammelten Scoring-Punkten, so wie sie Ulli Mann aus dem Erzgebirge erlebt hat, scheint noch nicht so bekannt zu sein. „Der neueste Trick ist, Kunden eine Art persönliche Online-Bibliothek zu verkaufen, in der alle erworbenen Bücher archiviert werden“, sagt Neumerkel. Ein Beispiel sei das Portal buecherregister.de. Es habe Fälle gegeben, da hätten Kunden bis zu 20.000 Euro für die Registrierung gezahlt. Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass es dafür auch kostenfreie Alternativen im Netz gibt.

Bertelsmann warnte sich selbst

Ulli Mann sagt, er sei es gewohnt gewesen, als früherer Bertelsmann-Kunde dubiose Anrufe zu bekommen. Zehnmal hätten Fremde in den vergangenen drei Jahren versucht, ihm am Telefon Echtheitszertifikate aufzuschwatzen. Vor der Haustür gestanden hätte aber bisher niemand. Er erinnert sich zudem an einen Info-Brief, den er damals nach der Auflösung des Bertelsmann-Nachfolgers InmediaOne erhalten hatte. Darin habe sinngemäß gestanden, dass niemand mehr mit ihm Kontakt aufnehmen werde. Er sei sogar vor möglichen Betrügern gewarnt worden, die im Namen der Firma unterwegs sein könnten.

Auf das Angebot seiner Besucherin ist Ulli Mann freilich nicht eingegangen. Obwohl sie ihn am Ende ordentlich unter Druck gesetzt habe und ihn zu einem Vertragsabschluss drängen wollte. „Sie sagte, wenn ich mich nicht sofort für eine Prämie entscheide, verfallen meine Scoring-Punkte“, sagt Mann. Das sei ihm dann zu viel gewesen. Er tat genau das, was man in dem Moment am besten tun sollte: Er setzte die Dame vor die Tür.

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