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Fall Attendorn: Neunjähriges Opfer kann keine Aussage machen

Ein Mädchen war jahrelang in einem Haus in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen eingesperrt. Im September 2022 wurde es befreit. Bis jetzt gibt es keine Aussage von ihr.

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Blick auf das Haus im sauerländischen Attendorn, in dem ein  kleines Mädchen fast sein gesamtes Leben lang festgehalten worden sein soll.
Blick auf das Haus im sauerländischen Attendorn, in dem ein kleines Mädchen fast sein gesamtes Leben lang festgehalten worden sein soll. © Markus Klümper/dpa

Attendorn. Im Fall um ein offenbar jahrelang verstecktes Mädchen aus Attendorn wird die inzwischen Neunjährige im Ermittlungsverfahren keine Aussage machen können. Das bestätigte ein Sprecher der Siegener Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur am Montag.

Laut Staatsanwaltschaft hat der vom Gericht bestellte Ergänzungspfleger - ein Anwalt - mitgeteilt, dass das Mädchen nicht aussagen werde. Es sei schwierig, einen Zugang zu dem Kind zu finden. Eine Vernehmung wäre für das Mädchen zudem sehr belastend. Außerdem könne man laut Staatsanwaltschaft von keiner "Aussagekonstanz" ausgehen. So könnte man in kurzer Zeit auf die gleiche Frage zwei verschiedene Antworten bekommen. Die Ermittlungen liefen nun weiter. Ob die Beweise am Ende für eine Anklage ausreichen werden, sei offen.

Das damals achtjährige Mädchen war am 23. September 2022 aus dem Haus ihrer Großeltern geholt worden, wo es mit seiner Mutter über sieben Jahre versteckt gelebt haben soll. Die Behörden waren davon ausgegangen, dass die Mutter mit dem Kind nach Italien ausgewandert war. Anonyme Schreiben ans Jugendamt hatten von dem Versteck berichtet. Erst Monate später kam durch einen neuerlichen Hinweis Bewegung in die Sache. Die damals zuständige Jugendamtsmitarbeiterin steht ebenfalls im Visier der Justiz. Auch hier liefen die Ermittlungen noch, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Jugendamt im Visier

Demnach hatte das Jugendamt im Herbst 2020 erstmals einen mysteriösen Brief erhalten, der auf das heute achtjährige Kind hinwies: Der Text war aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus Sicht des Mädchens geschrieben. Es folgten weitere anonyme Schreiben, aber erst zwei Jahre später wurde das Kind befreit.

Die Polizei fragte damals, ob das Jugendamt denn schon vor Ort gewesen sei. Antwort: Nein. Die Polizei bat das Jugendamt, erst mal selbst zu recherchieren. Danach habe sich das Amt - so die Polizei - nicht mehr gemeldet.

Tatsächlich schauten nach Aktenlage am 15. Oktober 2021 zwei Mitarbeiter unangekündigt bei der besagten Adresse vorbei. Die Großmutter und der Großvater des Mädchens, die offiziell dort wohnten, öffneten die Tür, ließen das Jugendamt aber nicht herein. Tochter und Enkelin seien auch nicht da. Die Mitarbeiter zogen wieder ab.

Treppensteigen fiel dem Mädchen schwer

Kurz nach Weihnachten 2021 gab es durch einen technischen Defekt einen kleinen Brand in dem Haus, heißt es in den Unterlagen der Ermittler. Als die Retter eintrafen, standen die Großeltern vor der Tür. Von dem Mädchen und seiner Mutter war nichts zu sehen. Ob sie sich in dem verrauchten Haus versteckten, ist unklar.

Erst im Juni 2022, fast zwei Jahre nach dem ersten Brief, kam Bewegung in den Fall: Ein Ehepaar meldete sich beim Jugendamt, das über Umwege von dem Mädchen erfahren hatte und konkrete Hinweise gab. Das Jugendamt fragte nun in Italien nach, ob das Mädchen mit der Mutter wirklich dort lebt. Acht Wochen später die Antwort: Nein. Erst jetzt kontaktierte das Jugendamt laut den Ermittlungen wieder die Polizei. Die rief mehrere Zeugen an, fuhr an der Adresse vorbei, durfte nicht rein - und stürmte das Haus wenige Tage später mit richterlichem Beschluss. Das war am 23. September.

Die damals Achtjährige schlief da mit ihrer Mutter in einem gemeinsamen Zimmer. Sie wirkte laut den Ermittlern normal, ordentlich angezogen und konnte sich gut ausdrücken. Nur das Treppensteigen fiel ihr schwer. Ärzte checkten das Mädchen durch - alles gut. Die Ermittler gehen nach früheren Angaben davon aus, dass die Achtjährige rund sieben Jahre das Haus nicht verlassen durfte. (dpa)