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Die Frau, die nach dem Sheriff kommt

Ihr Vorgänger war Kult. Jetzt ist Anja Markus die Bürgerpolizistin von Pirna City. Sie möchte die Dinge auf ihre Art regeln.

„Ich bin ein offener und kontaktfreudiger Mensch“, sagt Anja Markus, die neue Bürgerpolizistin der Pirnaer Altstadt.
„Ich bin ein offener und kontaktfreudiger Mensch“, sagt Anja Markus, die neue Bürgerpolizistin der Pirnaer Altstadt. © Norbert Millauer

Wo ist denn die Tasche? Bürgerpolizisten haben doch immer eine Tasche. Oder? Anja Markus lacht. Eine Tasche benutzt sie zum Einkaufen, aber nicht für die Streife. Notizbuch, Dienstausweis, Knöllchenblock und Handy passen in die Hosentaschen. Sie findet es frischer und offener und außerdem viel angenehmer am Hals, wenn sie nicht das ganze Büro umhängen hat. „Und das, was ich wissen muss, habe ich hoffentlich im Kopf.“

Anja Markus, 43, aus Heidenau, ist das neue Gesicht der Polizei in Pirnas City. Ein Gesicht, das die Leute anspricht. Nicht nur mit der markanten, blonden Bürstenfrisur, die leider meistens unter der Dienstmütze steckt. Anja Markus nennt sich einen offenen und kontaktfreudigen Menschen. „Ich rede gern.“ Egal ob Oma oder frecher Rotzer – sie findet den Draht, sagt sie. „Ich kann mich auf jeden einlassen.“

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Wissen für Stadtführungen fehlt noch

Keine zwei Wochen ist es her, dass Anja Markus ihren Dienst in der Altstadt begonnen hat. Viele Leute haben sie deswegen angesprochen. Anja Markus beerbt einen Beamten mit Kultstatus. 23 Jahre lang hatte Andreas Hutzel als Bürgerpolizist die Pflastersteine der City getreten. Ihn sah man stets mit Kartentasche, wo tatsächlich auch eine Karte drin war, ein Plan von Pirna, mit dem er den Touristen auf die Sprünge half. „Er war auch immer ein bisschen Stadtführer“, sagt Anja Markus. Dieses Wissen, gibt sie zu, muss sie sich erst noch aneignen.

„Auf gute Zusammenarbeit.“ Pirnas Vizebürgermeister Markus Dressler (l.) begrüßt die Neue am Rathaus.
„Auf gute Zusammenarbeit.“ Pirnas Vizebürgermeister Markus Dressler (l.) begrüßt die Neue am Rathaus. © Norbert Millauer

Vorgänger und Nachfolgerin unterscheiden sich auch durch ihre Knöllchenblöcke. Der von Anja Markus ist praktisch jungfräulich. Sie ist ein Freund der mündlichen Verwarnung, sagt sie. Bei Andreas Hutzel waren Verwarnblöcke schneller aufgebraucht. Hatte er sich einmal zum Ahnden einer Ordnungswidrigkeit entschlossen, und das tat er oft, ließ er sich kaum noch erweichen. Konsequent sein, schafft Respekt – das war sein Credo.

Ein Knöllchen für den Olympiasieger

In diesem Sinne schonte er auch nicht die Limousine des Pirnaer Oberbürgermeisters Klaus-Peter Hanke, wenn sie falsch geparkt war. Selbst Bob-Olympiasieger Francesco Friedrich bekam ein Knöllchen an den BMW gesteckt, während seiner eigenen Titelfeier. Ende Juni ging Andreas Hutzel nach 41 Jahren im Polizeidienst in den Ruhestand. OB Hanke schenkte ihm zum Abschied einen Räuchermann, den Napoleon. Der Feldherr hatte 1813 in der Stadt campiert.

Auch Anja Markus war schon einmal in Pirna. 1998 hat sie hier ihre erste Revierstelle als Streifenbeamtin angetreten, in der Schicht von Andreas Hutzel. Sie schätzt ihren Kollegen für seine Geradlinigkeit. Man kann nicht den einen abstrafen und den anderen lässt man laufen, sagt sie. Für sie steht jedoch fest, dass sie vieles anders machen wird, auf ihre Art. „Ich hoffe, die Leute kommen damit klar.“

"Wo geht's denn hier zur Schmiedestraße?" Radtourist Thomas Ruck aus Heidelberg sucht das Tetzelhaus.
"Wo geht's denn hier zur Schmiedestraße?" Radtourist Thomas Ruck aus Heidelberg sucht das Tetzelhaus. © Norbert Millauer

Anja Markus stammt aus Annaberg-Buchholz. Dass sie einmal zur Polizei gehen würde, stand für sie schon immer fest. Seit sie sechs war, hatte sie diese fixe Idee. „Ich wollte den Menschen helfen und ihre Probleme lösen.“ Vielleicht kommt das daher, weil es in ihrer Kindheit auch viele Probleme gab. Das Elternhaus war zerrüttet, durch Alkohol und Gewalt. Von der Telefonzelle aus wählte sie die 110, wenn es wieder einmal ganz schlimm war. Sie lernte auch früh, für ihre vier Brüder zu sorgen, von denen einer älter war als sie selbst. „Aber ich hab’ die Ansagen gemacht.“

Nach der Schule begann Anja Markus eine Lehre als Kfz-Mechanikerin. Aber nur pro forma. Immerhin besitzt sie dadurch ein Schweißer-Zertifikat, für autogen und elektrisch. Sie weiß es noch wie heute: Zwei Tage vor Weihnachten kam der Bescheid, dass sie im nächsten Frühling auf die Polizeischule gehen wird. „Es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk.“

Andreas Hutzel war der Inbegriff des Schutzmanns und 23 Jahre Bürgerpolizist in Pirnas Altstadt. Hier betätigt er sich mal wieder als Reiseführer.
Andreas Hutzel war der Inbegriff des Schutzmanns und 23 Jahre Bürgerpolizist in Pirnas Altstadt. Hier betätigt er sich mal wieder als Reiseführer. © Marko Förster

Mit „zarten siebzehn“, wie sie sagt, fing sie dort an. Zweieinhalb Jahre Ausbildung, dann ging’s zur Einsatzhundertschaft. Demonstrationen, Fußballspiele. Doch die geschlossene Einheit war nicht ihr Ding. Heute wäre sie es noch viel weniger. Die Gewaltexzesse, wie neulich erst beim Dynamo-Aufstieg, schockieren sie. „Da weißt du nicht, ob du abends gesund wieder nach Hause kommst.“

Anja Markus will ran an die Menschen. Deswegen hat sie den Streifendienst für den Job des Bürgerpolizisten getauscht. Auf Streife kommt man zu den Leuten in der Not, wenn schon irgendwas passiert ist. Oder man ertappt jemanden mit der Laserpistole beim zu schnell Fahren. Für zwangloses Reden fehlt in solchen Momenten die Zeit.

Diese Zeit hat Anja Markus jetzt. Zeit auch für die alltäglichen, die vielleicht banal klingenden Probleme der Leute, die manchmal schon eine nette Unterhaltung viel weniger schlimm werden lässt. Freilich, das sind keine Dinge, die man abrechnen kann. Aber die braucht Anja Markus auch gar nicht. „Am Ende des Tages will ich sagen: Du hast heute was Gutes bewirkt.“

Die Neue von der Altstadt hat sich vorgenommen, täglich unterwegs zu sein. Die Schutzweste lässt sie in der Wache. So eine Panzerung würde die Leute bloß abschrecken, denkt sie. „Dafür bin ich nicht der Typ.“ Ob das leichtsinnig ist? Kann sein, sagt sie. Aber passiert ist ihr in all den Jahren noch nie etwas. „Wenn ich mit Angst raus gehen würde, dann könnte ich auch gleich drin bleiben.“

Bürgerpolizist Hutzel ist nun pensioniert. Im offiziellen Pirnaer Wimmelbild des Cartoonisten Axel Bierwolf sorgt er weiter für Ordnung.
Bürgerpolizist Hutzel ist nun pensioniert. Im offiziellen Pirnaer Wimmelbild des Cartoonisten Axel Bierwolf sorgt er weiter für Ordnung. © Daniel Schäfer

26 Jahre ist Anja Markus jetzt bei der Polizei. Sie hat viel erlebt. Gutes und weniger Gutes. Auch das gibt ihr Sicherheit für ihre neue Aufgabe. Sie hat etwas anzubieten, sagt sie, Erfahrung, Menschenkenntnis, Coolness, wenn man so will. Sie muss sich nicht auf die Uniform verlassen, um gehört zu werden. Und sie kann auch mal einen Schritt zurückgehen. „Das tut mir gar nicht weh.“ Was sie keinesfalls zurücknehmen würde, das ist die Entscheidung, die Uniform anzuziehen. Sie hat damals alles richtig gemacht, davon ist sie überzeugt. „Ich würde es wieder tun.“

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