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Schockanruf bei Senioren: So läuft die miese Masche

Regelmäßig erbeuten Betrüger mit frei erfundenen Horror-Geschichten Tausende Euro am Telefon. Warum das immer wieder klappt.

Eine ältere Frau telefoniert - mit einem Betrüger? Immer wieder gehen Senioren Tätern auf den Leim, die es nur auf ihr Geld abgesehen haben.
Eine ältere Frau telefoniert - mit einem Betrüger? Immer wieder gehen Senioren Tätern auf den Leim, die es nur auf ihr Geld abgesehen haben. © dpa

Bautzen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Polizei von geglückten oder gescheiterten Schockanrufen Krimineller berichtet. Die Täter rufen meist bei Älteren an und gaukeln ihnen eine Notsituation vor, die nur durch die schnelle Zahlung eines hohen Geldbetrages zu bewältigen ist. Und immer wieder fallen Angerufene darauf ein - obwohl die Polizei eindringlich zu Vorsicht und Misstrauen am Telefon rät. Warum zieht die üble Masche immer noch so oft?

Viele Ältere wissen nicht um die Gefahr

Die eine große Erklärung dafür gibt es nicht, sagt Anja Leuschner von der Pressestelle der Polizeidirektion Görlitz. Aber sie nennt mehrere mögliche Gründe dafür, warum die gewissenlosen Anrufer nach wie vor Erfolg haben.

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Ein Grund: "Nicht jeder liest Zeitung oder hört Radio", weiß die Polizeisprecherin. "Wir erreichen mit unseren Meldungen vermutlich viele Menschen" - viele, aber eben nicht alle. Um aber mehr als bisher zu erreichen, legt die Polizei auch Flyer aus. "Das passiert an Orten, wo sich vornehmlich Ältere aufhalten. Dennoch wird es immer Menschen geben, die die Warnungen nicht gehört oder gelesen haben."

In einem der letzten Fälle haben die Ermittler die Geschädigte gefragt, ob sie denn noch nie etwas von dieser Masche gehört hätte. Doch, sagte die Frau. Aber sie habe nicht geglaubt, dass gerade ihr das passieren könne.

Anrufer machen sich mit Lügenkonstrukt glaubhaft

Die Polizeisprecherin führt das auf die hohe Professionalität der Täter zurück: "Die Anrufer sind offensichtlich geschult in dem, was sie tun. Sie setzen ihre Opfer derart emotional unter Druck, dass sie sie in ihren Bann ziehen und auf jede Rückfrage eine Antwort parat haben."

Fragen die Angerufenen beispielsweise, warum die angebliche Enkelin so anders klingt als sonst, sagt die Anruferin, sie sei erkältet. "Die Betrüger erschaffen ein Lügenkonstrukt, bauen Details ein und machen sich so glaubhaft."

In einem der letzten Fälle erzählte ein vermeintlicher Anwalt, dass die Tochter und der Schwiegersohn der Angerufenen an einem Fußgängerüberweg eine Mutter mit ihrem Sohn überfahren hätten. Sie gaben immer wieder durch, wie viel Prozent Überlebenschance der Neunjährige noch hätte. Dann berichtete der angebliche Anwalt, er hätte sich mit einem Staatsanwalt auf eine Kaution geeinigt.

Als der Geschädigte sagte, wie viel Geld er geben könnte, musste sich der Anwalt angeblich noch mit dem Staatsanwalt besprechen und tat dann so, als ob der Betrag gerade so in Ordnung wäre. "Es wird den Angerufenen vorgetäuscht, dass sie sich geradezu glücklich schätzen können, wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird, eine Kaution zu hinterlegen", berichtet Anja Leuschner.

Die Täter lassen die Senioren zumeist auch über die gesamte Zeit bis zur Geldübergabe nicht vom Telefon weg, damit sie nicht unbemerkt ihre richtigen Verwandten oder bei der Polizei anrufen können. Die Anrufer wirken so überzeugend, dass es in Mecklenburg-Vorpommern sogar zu einem Streit zwischen einer Mutter und ihrer Tochter kam: Die Mutter warf der Tochter vor, ihr eine Enkelin verheimlicht zu haben - obwohl die Tochter gar keine Kinder hat. Doch die Mutter berief sich auf ein Telefonat mit der angeblichen Enkelin - das Mädchen habe die Oma schließlich angerufen und um Geld gebeten.

Mit dem Alter lässt das "Bauchgefühl" nach

Meist agieren die Täter bandenmäßig aus dem Ausland. Als Opfer suchen sie sich Namen aus, die auf eine bestimmte Altersgruppe schließen lassen - also eher Elfriede und Ernst als Nadine und Norman. Denn bei Älteren lässt das sogenannte Bauchgefühl nach, fanden US-amerikanische Wissenschaftler von der Universität Los Angeles schon vor Jahren heraus.

Für dieses warnende Gefühl sorgt eine bestimmte Gehirnregion, deren Aktivität mit den Jahren abnimmt. Viele Ältere sind gutgläubig und vertrauensselig geworden - und das wissen die Anrufer.

Opfer leben oft allein und sozial isoliert

Ebenso wissen sie, dass sich Senioren häufig einsam fühlen - und die soziale Isolation Älterer nimmt immer mehr zu, belegt eine aktuelle Studie des zuständigen Bundesministeriums. Wenn dann das Telefon klingelt und sich am anderen Ende eine freundliche Stimme meldet, ist eine gewisse Vertrautheit schon mal hergestellt. Voller Sehnsucht nach Familie schalten die Opfer alle Alarmsignale aus.

Die Polizei wird in ihren Warnungen nicht nachlassen, versichert Sprecherin Anja Leuschner. "Unsere Warnungen richten sich nicht nur direkt an die älteren Menschen, sondern auch an bestimmte Personen und Stellen, die zum Scheitern der Betrüge beitragen können. Dazu zählt der Taxifahrer, der die Geschädigten zur Bank fährt, die Bankangestellten und auch Verkäuferinnen in Supermärkten." Kinder und Enkel sollten mit ihren älteren Angehörigen sprechen und auf die miesen Tricks der Anrufer hinweisen - bevor es zu spät ist.

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