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Betrugsmasche: Dresdnerin verliert 85.000 Euro

Wenig Konsum, viel freie Zeit: Telefonbetrüger werben mit irrsinnigen Renditen für Anlagen. Im Lockdown nehmen die Fälle zu. Die Polizei warnt.

Internetbetrug: "Persönliche Betreuer" geben am Telefon vor, gemeinsam Geschäfte zu entwickeln.
Internetbetrug: "Persönliche Betreuer" geben am Telefon vor, gemeinsam Geschäfte zu entwickeln. © dpa

Dresden. Innerhalb eines Monats hat eine Rentnerin aus Dresden mit rund 85.000 Euro sehr viel Geld verloren. Sie ist auf Betrüger hereingefallen, die ihren Opfern traumhafte Renditen versprechen und ihnen seriöse Plattformen für Wertpapier- und Devisengeschäfte vorgaukeln. So „erzielen“ die Menschen zunächst hohe Beträge, damit die letzten Hemmungen fallen und sie richtig Geld investieren. Dann werden aus Gewinnen Verluste – und die freundlichen Berater sind nicht mehr erreichbar. Am Ende, das ist die neueste Variante, schwatzen die Telefonbetrüger ihren Opfern Darlehen auf, um die Verluste auszugleichen. Das geliehene Geld ist dann auch weg, die Tilgungsraten aber bleiben.

„Cybertrading“ nennt die Polizei diese vergleichsweise neue Betrugsmasche, „trading“ ist das englische Wort für „handeln“. In den Regalen im Dresdner Betrugskommissariat 31 stapeln sich die Akten der Geschädigten. Hauptkommissar Torsten Schönberg bearbeitet die Fälle und was er sagt, klingt nicht gut. Sowohl die Anzahl der Geschädigten nimmt kontinuierlich zu, als auch die Höhe des Schadens.

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Die Tätergruppen säßen meist im Ausland, so dass einer zügigen Strafverfolgung Grenzen gesetzt seien: gefälschte Handelsplattformen, unerreichbare Callcenter, falsche Telefonnummern, Auslandsüberweisungen, Firmenanschriften in Steueroasen der Karibik und anderswo. Der Supergau für einen Dresdner Ermittler. Bis er einer Spur im Ausland verfolgen lassen kann, sind wichtige Internet- und Telefonverbindungsdaten längst gelöscht.

Mindesteinsatz von 250 Euro mit Kreditkarte

Die Rentnerin aus Dresden ist ein typisches Beispiel. Sie berichtet, sie interessiere sich für Wertpapierhandel und sei erst im Januar im Internet zufällig auf eine Annonce gestoßen. „Wollen Sie ihr Geld vermehren?“, hieß es da. Wer will das nicht? Klick. Die Frau landet auf einer neuen Seite, gibt ein paar Daten ein, am nächsten Tag klingelt das Telefon. Eine freundliche Frauenstimme informiert über gute Geschäfte, fragt, wie viel sie denn investieren möchte.

„Die küssen einem die Füße“, sagt die Rentnerin ernüchtert. Den Mindesteinsatz von 250 Euro könne sie mit Kreditkarte zahlen. Weil das nicht klappt, überweist sie das Geld von ihrem Girokonto nach Ungarn. Schon einen Tag später klingelt es wieder. Ein junger Mann stellt sich als ihr „persönlicher Betreuer“ vor, Broker einer Firma namens „Investing State“. Gemeinsam wickeln sie erste Geschäfte ab.

Schnell ist ein Teil investiert, dem Mann habe sie per Fernwartungssoftware auch Zugriff auf ihren Computer erlaubt, sagt die Frau, „ich kannte das“, sie sei froh gewesen, von dem Broker etwas lernen zu können. Auf der am PC sichtbaren Handelsplattform verfolgt die Dresdnerin, wie sich ihr Geld vermehrt. Es sei auch um Devisengeschäfte mit Bitcoins, einer virtuellen Währung, gegangen.

„Tag für Tag hoch positiv“, sagt die Frau. Dann sagt ihr Betreuer, das seien doch alles Peanuts. „Überweisen Sie doch mal 5.000 Euro!“ Gesagt, getan. Auch das läuft gut, sie investiert weiter. Dann schwatzt der Betreuer ihr auf, noch mehr zu investieren. Nach drei Wochen hat die Frau eine kleine fünfstellige Summe bezahlt, und noch immer scheinen die Renditen zu sprudeln.

Der Broker überredet sie, einen Kredit über 70.000 Euro aufzunehmen: „Ich habe Dinge getan, von denen mir über Jahrzehnte klar war, dass ich das niemals tun würde“, sagt die Frau heute. Es habe keine zwei Stunden gedauert, und sie habe das Darlehen erhalten: „Es ist unglaublich.“ Wenig später kam der Absturz an einem Sonntag im Februar, am Ende der vierten Woche.

Mehr als 160 Opfer und über vier Millionen Euro Schaden

Ermittler Schönberg kennt diese Fälle gut. Seit zwei Jahren sammelt er die Anzeigen von Cybertrading-Opfern. 2019 wurden 76 Geschädigte registriert, die um rund 1,5 Millionen Euro gebracht wurden, vergangenes Jahr waren es schon 85 Opfer mit einem Schaden von 2,6 Millionen Euro. „Es sind auch alle Altersgruppen betroffen“, sagt Schönberg. Etwa zehn Prozent seien unter 30 Jahre alt, ein Drittel über 65, die übrigen gut 50 Prozent dazwischen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit größer sein. Die Betrugsermittler gehen davon aus, dass viele keine Anzeige erstatten. Es sei ihnen peinlich, auf diese unrealistischen Renditeversprechen hereingefallen zu sein. Und natürlich, spielt auch die Gier der Geschädigten Tätern in die Hände.

Der coronabedingte Lockdown seit dem Herbst habe die Lage verschärft, beobachtet die Kripo. Viele haben mehr Geld auf der hohen Kante, weil sie nicht verreisen, shoppen oder ausgehen konnten. Stattdessen sitzen sie zu Hause, haben mehr Zeit und suchten attraktive Anlagen für ihr Erspartes.

Neben Online-Annoncen werden laut Schönberg viele über Werbemails angelockt. „Höhle der Löwen System macht Deutsche Bürger reich!“ heißt es da etwa in einer gefälschten Schlagzeile der Bild-Zeitung. In der TV-Show „Höhle der Löwen“ bewerben bekannte Investoren neue Geschäftsideen. Angeblich sei eine Sendung über diese lukrative Anlageform nicht ausgestrahlt worden. Dazu gibt es gefälschte Interviews mit Prominenten aus der „Höhle der Löwen“ oder Thomas Gottschalk.

So lange die Opfer Geld einzahlten, sei alles freundlich. Will man jedoch seinen Gewinn ausgezahlt haben, beginnen die Probleme. Dann fordern die Betrüger die Überweisung der fälligen Steuer, ehe der Betrag ausgezahlt werden könne. Oder es werde eine „Wartungsgebühr“ erhoben – immer soll neues Geld nachgeschossen werden, bis hin zum Darlehensabschluss.

Schützen kann man sich am einfachsten, indem man angeblichen Traumrenditen nicht nachgeht. Werbemails lassen sich meist mit einer schnellen Google-Recherche überprüfen. Firmen mit Sitz in Steueroasen sind mit Vorsicht zu genießen. Seriöse Firmen haben ein Impressum und sich erreichbar. So lassen sich auch gefälschte Firmen erkennen. Die Dresdner Rentnerin hatte auch nach „Investing State“ geforscht – und nichts gefunden. Erst Mitte Februar fand sie Hinweise und gleichzeitig auch Warnungen. Da war es für sie wohl schon zu spät. Doch die Frau ging zur Polizei.

Die Polizei rät: Seien Sie misstrauisch bei Angeboten im Internet, die hohe Gewinne mit Geldanlagen versprechen.

- Hinterfragen Sie die angebotenen Geldanlagen gründlich und informieren Sie sich über unabhängige Quellen, vor allem im Hinblick auf die Seriosität der Anbieter und das angebotene Produkt.

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Weitere Hinweise zum Thema Anlagebetrug finden Sie auf den Seiten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (www.bafin.de) und der Verbraucherzentralen (www.verbraucherzentrale.de).

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