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Wie kann ich helfen, ohne mich in Gefahr zu bringen?

In Erfurt ist es wieder passiert: Ein Mensch wird angegriffen, andere schauen nur zu. Eine Kommisarin gibt Tipps, wie man sich richtig verhält.

Bis hier und nicht weiter.
Bis hier und nicht weiter. © Unsplash.com; Montage: SZ

Dresden. In Erfurt ist ein junger Syrer in einer Straßenbahn von einem Deutschen rassistisch beleidigt und brutal getreten worden. Neben der Polizeimeldung, die den Vorfall schildert, existiert auch ein Video, das den Angriff zeigt. Es wird derzeit von vielen Personen auf den sozialen Medien geteilt.

Der mutmaßliche Täter konnte laut Polizei bereits nach kurzer Zeit identifiziert werden. Entscheidend hierfür seien die am Tatort gewonnenen Zeugenhinweise gewesen.

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In den Kommentaren zu dem Video, dass den brutalen Angriff zeigt, wird auch immer wieder kritisiert, dass keiner der Zeugen eingeschritten ist. Doch wie verhält man sich in einer solchen Situation?

Eine Verpflichtung zu helfen hat laut Polizeihauptkommissarin Kirstin Ilga nämlich jeder, der mitbekommt, wie eine andere Person in eine Notlage gerät. „Wer helfen könnte und dies nicht tut, hat neben einem schlechten Gefühl mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe zu rechnen.“ Die Hilfe müsse dem Helfer aber zumutbar sein. „Wir sollen uns dabei nicht selbst in Gefahr bringen“, so Ilga.

Täter nicht duzen

Die Polizeihauptkommissarin empfiehlt, auf jeden Fall die 110 anzurufen. „Je schneller die Polizei informiert wird, desto besser können die Täter ermittelt werden.“ Dabei sei es wichtig, den Vorfall kurz aber präzise zu schildern. Außerdem sollten Zeugen versuchen sich so viel wie möglich zu merken.

Wer mehr tun will, sollte auf eine räumliche Distanz zum Täter achten. Außerdem ist es laut Ilga wichtig, den Täter nicht zu duzen. „Sonst könnten umstehende Passanten von einem persönlichen Streit ausgehen.“ Zeugen sollten den Täter außerdem auf keinen Fall provozieren und sich selbst auch nicht provozieren lassen.

Einzuschätzen, ob ein Täter gewaltbereit ist, kann schwierig sein. „Natürlich kann niemand in den Kopf eines anderen Menschen schauen“, so die Kriminalhauptkommissarin. Allerdings gebe es Warnzeichen, wie ein lautes und aggressives Auftreten.

Ilga erklärt: „Es geht aber nicht allein darum, ob eine Person gewalttätig sein könnte, sondern darum, ob man gemeinsam einschreiten kann.“ Manchmal reiche es schon laut zu sprechen, um den Täter einzuschüchtern oder von der Tat abzuhalten. „Zivilcourage bedeutet ja nicht sich selbst in den Kampf zu werfen, sondern dass man nicht wegschaut.“

Kontakt zum Personal suchen

Zeugen sollten deshalb andere aktiv zur Mithilfe auffordern, denn ein gemeinsames einschreiten sei erfolgreicher und sicherer. Dabei hilft es, einzelne Personen direkt anzusprechen. Ilga empfiehlt Sätze wie: „Sie im weißen Hemd, helfen Sie mir!“

Wenn eine Tat sich in öffentlichen Verkehrsmitteln ereignet, dann können Zeugen auch Kontakt zum Personal suchen. Kirstin Ilga: „Viele Wagen haben eine direkte Sprechverbindung zum Fahrer, die meistens neben der Tür ist und mit einem Knopfdruck aktiviert werden kann. Der Zugführer kann ebenfalls zügig den Notruf aktivieren.“

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Helfen bedeutet zudem nicht nur, den Täter von seiner Tat abzuhalten, sondern auch, sich um das Opfer zu kümmern. Dabei ist es beispielsweise möglich das Opfer anzusprechen und es aufzufordern zu einem zu kommen. Ist die Gefahr gebannt, sollte man umgehend erste Hilfe leisten und Trost spenden. „Sind Opfer versorgt und man ist kein aktiver Helfer, dann Unfallstelle oder Tatort meiden. Rettungsdienste und Polizei verlieren nicht selten wertvolle Minuten, weil Schaulustige die Zufahrtswege blockieren“, so Ilga.

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