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Landkreis SOE: Kampf dem Fahrradklau

Pirna ist der Hotspot für Zweiraddiebe. Die Polizei hält dagegen. Bei einigen Tätern klickten die Handschellen.

Ende eines Fahrraddiebstahls: Als eine Bande aus Tschechien am Pirnaer Bahnhof mit der Akku-Flex hantierte, wurde sie auf frischer Tat gestellt.
Ende eines Fahrraddiebstahls: Als eine Bande aus Tschechien am Pirnaer Bahnhof mit der Akku-Flex hantierte, wurde sie auf frischer Tat gestellt. © Daniel Schäfer

Grau und unscheinbar sieht diese Garage aus, Marke Volkspolizei-Kreisamt. Drinnen wähnt man sich in einem Fahrradladen: Große Marken stehen in Reih und Glied: Cube, Cannondale, Specialized, Ghost. Mit Abstand das teuerste Stück dürfte ein E-Bike von Scott sein, sicher mehr als 5.000 Euro wert. Jedes Rad trägt einen Strichcode. Das ist aber kein Preisschild, sondern die Asservaten-ID. Die Räder stehen unter polizeilicher Bewachung. Sie sind konfisziertes Diebesgut.

Diese Garage liegt in Pirna und dient als Asservatenstelle des örtlichen Polizeireviers. Momentan ist das Lager mit knapp 50 beschlagnahmten Fahrrädern eher durchschnittlich gefüllt. Doch je mehr die Saison in Fahrt kommt, umso mehr Räder werden hier eintrudeln. Die Spitzenzahl, sagen die Polizisten, lag schon mal bei weit über hundert.

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"Den Verfolgungsdruck hoch halten." Pirnas Polizeichef Candy Sommer mit sichergestellten Fahrrädern in der Asservatenkammer.
"Den Verfolgungsdruck hoch halten." Pirnas Polizeichef Candy Sommer mit sichergestellten Fahrrädern in der Asservatenkammer. © Daniel Schäfer

Gelegenheit macht Diebe, sagt Daniel Szenes, Polizeihauptmeister, scherzhaft die "Soko Speiche" genannt, weil er sich im Pirnaer Revier ausschließlich ums Thema Fahrrad kümmert. Und er ist sicher: Das Angebot für Zweiraddiebe wird auch dieses Jahr wieder verlockend sein. An schönen Wochenenden kann man es auf dem Elberadweg besichtigen. "Was da an hochpreisigen Rädern unterwegs ist - der pure Wahnsinn."

Geklaute Räder werden immer teurer

Der Wert geklauter Bikes hat sich, bedingt durch den E-Bike-Boom, immer mehr erhöht. Im Pirnaer Revier betrug der durchschnittliche Stehlschaden zuletzt etwa tausend Euro. Der Fahrradklau selbst nahm tendenziell auch zu, bewegte sich in den Jahren 2016 bis 2019 im Landkreis zwischen 353 und 387 Delikten. 2020 ging die Zahl jedoch deutlich zurück, auf 293 Fälle. Damit entfielen, bezogen auf alle Raddiebstähle in der Polizeidirektion Dresden, lediglich sechs Prozent auf die hiesige Region.

So hat sich der Fahrradklau im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge entwickelt.
So hat sich der Fahrradklau im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge entwickelt. © SZ Grafik

Allerdings ist der Trend in den Revieren nicht einheitlich. Während 2020 in Freital-Dippoldiswalde sogar 25 Räder mehr geklaut wurden als 2019, schrumpfte in Pirna die Zahl der Diebstähle um beinahe hundert Fälle. Allerdings bleibt die Kreishauptstadt der Hotspot des Radklaus. Etwa jedes zweite Bike wurde 2020 im Pirnaer Gebiet gestohlen.

Candy Sommer, Pirnas Polizeichef, ist mit der Lage nicht unzufrieden. Die Schrumpfung des Raddiebstahls führt er auf seine "Ermittlungsgruppe Fahrrad" zurück. Von Sommer 2019 bis Frühling 2020 habe die Einheit "mit verstärkt operativen Maßnahmen" den Verfolgungsdruck auf die Täter erhöht. Mehrere Verhaftungen seien erfolgt. Dass die Diebe pandemiebedingt weniger Chancen zum Klauen hatten, ist dem Polizeichef bewusst. Jedoch, sagt er, könne man den "Corona-Effekt" nicht beziffern.

Eindeutig manipuliert: An diesem Haibike in Pirnas Asservatenstelle hat der mutmaßliche Dieb die Rahmennummer abgeschliffen.
Eindeutig manipuliert: An diesem Haibike in Pirnas Asservatenstelle hat der mutmaßliche Dieb die Rahmennummer abgeschliffen. © Daniel Schäfer

Wer mehr wissen will über den Raddiebstahl, muss Ermittler Daniel Szenes zum Pirnaer Bahnhof folgen. Wenn Pirna die Lupe der Diebe ist, so ist der Bahnhof der Punkt, wo es brennt. Etwa 4.000 Pendler besteigen hier täglich ihre Züge. Viele kommen mit dem Rad. Die mehr als 200 Stellplätze im Vorfeld sind meistens sehr gut ausgelastet.

Daniel Szenes inspiziert regelmäßig den Radparkplatz. Er schaut sich die Schlösser an, spricht mit den Leuten, gibt Tipps. Der letzte Diebstahl ist erst drei Tage her. Ein Damenrad, 500 Euro. Das mag nicht teuer klingen. Aber teuer ist relativ, sagt Szenes. Für viele sind 500 Euro viel Geld. "Und wenn man keine Versicherung hat, ist es umso schlimmer."

"Büchsenblech und Klingeldraht." Schlösser wie dieses aus der Sammlung der Pirnaer Polizei knackt jeder Bolzenschneider.
"Büchsenblech und Klingeldraht." Schlösser wie dieses aus der Sammlung der Pirnaer Polizei knackt jeder Bolzenschneider. © Daniel Schäfer

Wenn der Fahrradpolizist die Räderparade abnimmt, hat er zu fast jedem Stück einen Kommentar. Vor allem zu den Schlössern. "Hier", er deutet auf eine Kette aus dicken Metallhülsen. Spezialgehärtet, denkt man. Aber nein. "Das ist Büchsenblech, und in der Mitte ist Klingeldraht", sagt er. "Das ist der letzte Mist."

Nie das Rad an sich selbst anschließen

Ein Stevens-Damenrad samt Helm verfügt über ein stabiles Faltschloss, das bestimmt seine fünfzig Euro kostet. Angeschlossen ist es aber nicht am Fahrradständer, sondern nur an sich selbst. Leichtes Spiel für Langfinger: nehmen, ins Auto laden, und weg. Szenes schüttelt den Kopf. "Das muss ich nicht verstehen."

Sekundensache: Auch wenn ein Faltschloss noch so stabil anmutet: Gegen den mobilen Trennschleifer hat es keine Chance.
Sekundensache: Auch wenn ein Faltschloss noch so stabil anmutet: Gegen den mobilen Trennschleifer hat es keine Chance. © Daniel Schäfer

Während die Radfahrer, entweder hektisch oder gedankenlos oder beides, ihren Besitz abstellen und zum Zug eilen, haben andere viel Zeit. Für Daniel Szenes gibt es keinen Zweifel: Die Diebe liegen auf der Lauer, mindestens zu zweit, und beobachten das Angebot am Fahrradständer. Sind ein, zwei interessante Räder angekommen, geht es zur Sache. "Der eine sichert, der andere handelt."

Es gibt aber nicht wenige Räder, meist die teureren, die durchaus gewissenhaft angeschlossen sind. Doch in Zeiten der Akku-Flex nützt das nicht viel, sagt Szenes. So ein Schneidwerkzeug trägt der Dieb unauffällig unter der Jacke. Sobald er sich sicher fühlt, fliegen die Funken. Sekundensache. Das geknackte Schloss wird eingesteckt, um keine Spuren zurückzulassen, und der Dieb radelt davon, zum Fluchtfahrzeug.

"Gelegenheit macht Diebe." Pirnas Fahrradermittler Daniel Szenes demonstriert, wie leicht sich dieses Bike am Pirnaer Bahnhof wegtragen lässt.
"Gelegenheit macht Diebe." Pirnas Fahrradermittler Daniel Szenes demonstriert, wie leicht sich dieses Bike am Pirnaer Bahnhof wegtragen lässt. © Daniel Schäfer

Ein Dieb handelt erst dann, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Das ist Daniel Szenes' Dauerpredigt. Das Fatale am Pirnaer Bahnhof: Regelmäßig ergeben sich Lücken im Publikumsverkehr. Sind die Züge erst mal abgefahren, wird es oft leer wie in der Wüste, für zehn Minuten und länger. "Diese Zeit nutzen die Täter, das Fahrrad zu entwenden."

So hatte sich das auch eine Bande aus Tschechien gedacht, die im Januar 2020 in aller Frühe auf dem Bahnhofsvorplatz zuschlug. Drei gestohlene Räder waren bereits zerlegt und am nahen P+R-Parkplatz ins Auto gepackt. Beim vierten jedoch sahen Passanten den Funkenschweif des Bosch-Akku-Schleifers leuchten und riefen die Polizei. Einer der Ertappten räumte im Nachgang ein, insgesamt siebzig Räder geklaut zu haben.

So ärgert man Diebe: Tuncay Özlek vom türkischen Imbiss am Bahnhof entfernt gleich den Akku seines E-Bikes, bevor er zur Arbeit geht.
So ärgert man Diebe: Tuncay Özlek vom türkischen Imbiss am Bahnhof entfernt gleich den Akku seines E-Bikes, bevor er zur Arbeit geht. © Daniel Schäfer

Der organisierte Klau erfolgt nach Erkenntnissen der Polizei entweder auf Vorrat oder direkt nach Kundenwunsch. Besonders beliebt sind die deutschen Marken Cube und Haibike. Bedient werden vornehmlich Abnehmer in Tschechien, in der Slowakei oder auch in der Ukraine, mitunter sogar ohne riskanten Autotransport per Postversand.

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Die Ertappten vom Pirnaer Bahnhof erhielten zum Teil hohe Haftstrafen, wenn auch auf Bewährung. Für Revierleiter Candy Sommer und seine Polizisten war es ein schöner Erfolg. Zugleich weiß er um die kriminelle Energie solcher Banden. "Es sind wenige, die viel Schaden anrichten", sagt er. "Um die werden wir uns weiter konsequent kümmern."

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