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Die zwei vom Boot

Trotz weißer Hemden und Sonnenbrillen: Der Dienst bei der Wasserschutzpolizei ist kein Urlaub. Höchstens ein bisschen.

Verdächtig gute Jobs: Die Wasserschutzpolizisten Thomas Zill (l.) und Tino Sachse starten vom Pirnaer Anleger aus mit ihrem Boot "Europa" zur Streifenfahrt auf der Elbe.
Verdächtig gute Jobs: Die Wasserschutzpolizisten Thomas Zill (l.) und Tino Sachse starten vom Pirnaer Anleger aus mit ihrem Boot "Europa" zur Streifenfahrt auf der Elbe. © Daniel Schäfer

Die Wolkesuppe über Pirna zerfließt. Schon spiegelt sich der erste Streif Blau in der Elbe. Die Besatzung der "Europa" wird heute ihre Sonnenbrillen brauchen. Dann sieht dieser Job noch ein wenig mehr nach Erholung aus. Thomas Zill hört das immer wieder: So wie ihr arbeitet, möchte ich mal Urlaub machen. Doch der Job kann auch belastend sein. Etwa dann, wenn ein toter Mensch aus dem Wasser gezogen wird. Wasserleichen sehen furchtbar aus, sagt der Polizist. "Dann möchte plötzlich keiner mehr mit uns tauschen."

Wasserschutzpolizisten sind keine Seeleute

Unter den mehr als 15.000 Bediensteten der sächsischen Polizei gibt es 45 Beamte, deren Streifenwagen schwimmen können - die Wasserschutzpolizisten. Sie tragen weiße Hemden und auf den Schulterklappen goldene Streifen. Thomas Zill und sein Kollege Tino Sachse haben jeweils vier davon. Ein bisschen sehen sie damit aus wie Kapitäne. Aber sie verstehen sich keineswegs als Seeleute. Hauptmeister Zill drückt es nüchtern aus: "Wir sind Polizisten mit Zusatzqualifikation, um die Schifffahrt zu kontrollieren."

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Beim Aufklaren: Bevor die Streifenfahrt beginnt, wird das Boot durchgecheckt. Hier sorgt Bootsführer Thomas Zill für Durchblick.
Beim Aufklaren: Bevor die Streifenfahrt beginnt, wird das Boot durchgecheckt. Hier sorgt Bootsführer Thomas Zill für Durchblick. © Daniel Schäfer

Das mit dem Urlaubsfeeling ist trotzdem nicht so weit hergeholt, das gibt Thomas Zill gern zu. "Wir haben den schönsten Abschnitt auf der Elbe." Er reicht von Meißen bis an die Tschechengrenze. Gut achtzig Flusskilometer. Heute geht es von Pirna aus auf Streife in die Sächsische Schweiz. Thomas Zill putzt seiner "Europa" noch mal gründlich die Scheiben. Ein Paddelboot ist schnell übersehen. "Ich will über nichts drüberfahren."

Auch ein Einkaufswagen kann Schaden machen

Leinen los! Langsam manövriert Zill das vierzehn Meter lange Streifenboot vom Anleger weg, ohne Steuerrad, nur mit einem Hebelchen, das er sachte hin und her schwenkt. Die andere Hand liegt auf den Gashebeln. Zwei Volvo-Aggregate brummen unten im Maschinenraum. 575 PS. "Das ist reichlich", sagt der Polizist. Reichlich ist auch das Wasser unterm Kiel. Etwa einen Meter fünfzig misst das Echolot. Nervös wird Thomas Zill erst ab etwa siebzig Zentimetern. Da reicht ein versenkter Einkaufswagen, um die Schrauben zu demolieren.

Auf dem Fluss läuft vieles entspannter als an Land, sagt Polizeihauptmeister Zill. Hier passiert er mit dem Streifenboot gerade Kurort Rathen.
Auf dem Fluss läuft vieles entspannter als an Land, sagt Polizeihauptmeister Zill. Hier passiert er mit dem Streifenboot gerade Kurort Rathen. © Daniel Schäfer

Durch den Bogen der Pirnaer Stadtbrücke muss der Bootsführer zirkeln, denn er fährt im "Päckchen". An der "Europa" ist seitlich das Einsatzboot vertäut. Damit lassen sich kleinere Wasserfahrzeuge besser ansteuern und, dank Bugklappe, sogar Angler am Ufer. Ja, die Wasserschutzpolizei ist nicht nur für das Wasser da, sondern auch für das Land, jedenfalls bis zur nächsten Straße. Schwarz angeln, schwarz zelten, schwarz bauen - all das fällt in ihren Amtsbereich.

Frachtschiffe sind zur Rarität geworden

Hauptsächlich überwacht die Wasserschutzpolizei den Schiffsverkehr. Die Beamten steigen auf Frachter und Personenschiffe, prüfen Zustand und Ausrüstung der Fahrzeuge, Zahl und Qualifikation der Mannschaft, Patente und Atteste. Doch Frachtschiffe sind selten geworden auf der Elbe. Wegen des Niedrigwasserproblems. Thomas Zill glaubt nicht, dass wir einen Frachter treffen. "Es würde mich wundern."

Die elektronische Navigationskarte der "Europa". Die Polizisten müssen ihr Revier aber auch ohne diese Hilfe aus dem Effeff kennen.
Die elektronische Navigationskarte der "Europa". Die Polizisten müssen ihr Revier aber auch ohne diese Hilfe aus dem Effeff kennen. © Daniel Schäfer

Ungebrochen ist die Begeisterung der Freizeitschiffer für die Elbe. Vielleicht, sagt Tino Sachse, ist sie seit Corona noch gewachsen. Es war zu spüren, sagt er, wie die Leute nach dem Shutdown das Wasser neu entdeckten. "Hier ist man für sich, und frei." Nicht aber frei von Regeln. Abstand zu Hindernissen ist eine der wichtigsten. Im Juni kenterte eine Familie aus Tschechien, als ihr Boot vor Bad Schandau mit einem Dampfer kollidierte. Wie das zuging, kann sich Sachse bis heute nicht erklären. Er war an dem Tag im Einsatz, hat noch die Rucksäcke und Paddel aufgefischt.

Mit der Blechwanne zum Segelboot

Die Elbe liegt glatt und leer. Für Bootsmieter ist es noch zu früh. Auch Angler lassen sich nicht blicken. Doch dann, hinter einer Flussbiegung, erscheint plötzlich ein Fahrzeug im Fernglas, ein kleiner Jollenkreuzer. Hauptmeister Sachse steigt ins Einsatzboot und pflügt los. Knapp sechzig Sachen schafft der Alublech-Katamaran stromauf. Die Dienstmütze muss sicherheitshalber hinter die Windschutzscheibe. 

Auf zur Kontrolle: Das Einsatzboot hat sich vom Mutterschiff gelöst und hält mit knapp 60 km/h auf eine Segeljolle zu.
Auf zur Kontrolle: Das Einsatzboot hat sich vom Mutterschiff gelöst und hält mit knapp 60 km/h auf eine Segeljolle zu. © SZ/Jörg Stock

Blaulicht und Hupe machen den Seglern klar, dass die Polizei Interesse an ihnen hat. "Kommen Sie bitte längsseits", ruft Tino Sachse. Er beobachtet, was der Skipper macht. Verfällt er in Hektik? Wie sicher sind seine Manöver? Erste Hinweise auf die körperliche und fachliche Eignung können sich ergeben, vielleicht sogar darauf, ob Alkohol im Spiel ist. Das Schifflein, das "Shanty" heißt, scheint gut in Schuss. Ein Boot, das geliebt wird, vermutet der Polizist.

Rudergänger müssen nüchtern bleiben

Und das stimmt auch. Klaus und Christine Lucke fahren die "Shanty", die ein Eigenbau ist, seit 1980. Heute kommen sie von Rathen, wo sie nach einer Wandertour die Nacht verbracht haben. "Ich mag die Romantik und vor allem, dass man staufrei unterwegs ist", sagt Christine Lucke. Ihr Mann wundert sich: Zum ersten Mal seit Jahren eine Kontrolle. Stören tut ihn das nicht weiter. Seelenruhig reicht er die Papiere herüber. Alles in Ordnung.

Skipper Klaus Lucke reicht Tino Sachse seine Papiere. Er kehrt mit seinem Boot "Shanty" gerade von einem Ausflug zum Dresdner Heimathafen zurück.
Skipper Klaus Lucke reicht Tino Sachse seine Papiere. Er kehrt mit seinem Boot "Shanty" gerade von einem Ausflug zum Dresdner Heimathafen zurück. © Daniel Schäfer

Dann werden auch die Bootsvermieter munter. Die ersten Paddler kommen. Die Polizisten beobachten die Kanus, prüfen, ob die Kennzeichen - jedes Boot braucht einen Namen oder eine Devise - gut lesbar und ausreichend groß angebracht sind. Als eine Zweierflotte Schlauchboote heranschwimmt, entschließt sich Tino Sachse erneut zu einem Besuch. Solche Gesellschaften, speziell Junggesellen, trinken gern mal ein Bier zu viel. Ab einem halben Promille ist das auch auf dem Fluss eine Ordnungswidrigkeit, nicht nur beim Bootsführer, sondern bei jedem, der ein Paddel in der Hand hat.

Ein Schlauchboot voller Streifenpolizisten

Auf dem Schlauchboot herrscht tatsächlich Heiterkeit. Aber nicht infolge alkoholischer Getränke, sondern weil die Ruderer selbst Polizisten sind, Streifenbeamte aus Aue auf Betriebsausflug. Trotzdem fühlt Tino Sachse den Kollegen auf den Zahn, ob sie auch Bescheid wissen über die Gefahren der Elbe. Die Antworten machen ihn zufrieden. So trennen sich bald die Wege.

Da haben die Polizisten ein Auge drauf: Ein halbes Dutzend Schlauchboote mit Sechstklässlern kommt den Fluss hinab geschippert.
Da haben die Polizisten ein Auge drauf: Ein halbes Dutzend Schlauchboote mit Sechstklässlern kommt den Fluss hinab geschippert. © Daniel Schäfer

Auf dem Fluss für Sicherheit zu sorgen ist ein Spagat, sagt Tino Sachse. Die Leute haben frei und gute Laune. Da muss man nicht gleich die große Keule rausholen, wenn mal was nicht passt. Aber es gibt Grenzen. "Dann müssen wir die Spielverderber sein." Zurück auf dem Mutterschiff hat Thomas Zill die Sonnenbrille aufgesetzt. Backbords ragt die Bastei in den Postkartenhimmel. Den Anblick findet er immer wieder schön. Genau wie seinen Beruf. "Es ist ein geiler Job."

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