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Prager Minister auf Verbrecherjagd

Martin Stropnicky ist für Tschechiens Verteidigung zuständig, hat aber einen Nebenjob als Schauspieler.

© dpa

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Irgendwie schien Tschechiens Präsident Milos Zeman eine Vorahnung zu haben, dass das mit dem neuen Verteidigungsminister so eine Sache sei. Dieser Martin Stropnicky war ihm von Beginn an nicht geheuer. „Stropnicky hat überhaupt keine Erfahrungen im militärischen Bereich. Wir brauchen hier einen Fachmann“, beklagte sich Zeman, als ihm Premier Bohuslav Sobotka Anfang des Jahres den 57-jährigen Stropnicky als neuen Chef der Armee schmackhaft zu machen versuchte.

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Was haben wir denn hier? Martin Stropnicky in der Rolle des Hauptkommissars Ivan Tomecek (r.) in der tschechischen Krimiserie „Kriminalpolizei Andel“. Foto: TV Nova/CTK
Was haben wir denn hier? Martin Stropnicky in der Rolle des Hauptkommissars Ivan Tomecek (r.) in der tschechischen Krimiserie „Kriminalpolizei Andel“. Foto: TV Nova/CTK © CTK

Stropnicky selbst wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Zu seinem Antrittsbesuch beim Präsidenten brachte er dem Staatsoberhaupt grinsend das Soldbuch aus seiner Armeezeit zur Ansicht mit. Gedient hat er also, der Minister.

Doch jetzt kommen neue Zweifel auf, ob der Minister tatsächlich der richtige Mann am richtigen Ort ist. Martin Stropnicky ist im richtigen Leben nämlich Schauspieler. Noch dazu ein richtig guter. 2002 wurde er als bester Theaterschauspieler des Landes geehrt. In den vergangenen Jahren leitete er die wichtigste Sprechbühne des Landes, das Prager „Theater in den Weinbergen“. Auf seine Künstlerkarriere mag der Minister nicht ganz verzichten.

Seit Monaten jagt er in der Fernseh-Krimi-Serie „Kriminalpolizei Andel“ als Hauptkommissar Ivan Tomecek kleinere und größere Kriminelle auf dem privaten Kanal „TV Nova“. Das von ihm geleitete Kommissariat Andel – der Ort Andel ist eine belebte Kreuzung im Prager Stadtteil Smichov – gibt es in der Wirklichkeit zwar nicht. Die Fälle aber, mit denen sich die Fernseh-Kriminalisten befassen, sind tatsächlichen Begebenheiten nachgestellt.

Da die Krimi-Reihe ansprechende Einschaltquoten hat, haben die Dreharbeiten für weitere Folgen begonnen – mit Hauptkommissar Tomecek alias Martin Stropnicky. Seine Arbeit als Minister werde darunter nicht leiden, versprach Stropnicky. Er werde nur in seiner Freizeit an den Wochenenden drehen.

Präsident Zeman schweigt bislang zum Nebenjob des Ministers. Andere Politiker zerreißen sich dafür die Mäuler: Der Chef der mitregierenden Christdemokraten, Vizepremier Pavel Belobradek, äußerte Bedenken, dass die Nebentätigkeit Stropnickys dessen Arbeit als Minister beeinträchtigen könnte: „Ich würde das nicht schaffen. Ich habe genug zu tun, um die Ämter als Regierungsmitglied und als Abgeordneter zu meistern.“

Bislang hat Stropnicky keine Zweifel aufkommen lassen, dass er die Zweigleisigkeit seiner Jobs beherrscht. Wie lange das aber gut geht, ist offen. Gerade hat Präsident Zeman, der zugleich oberster Heerführer Tschechiens ist, ein Szenario entwickelt, das dem Minister kaum noch Zeit für andere Dinge lassen würde. Zeman sprach sich für eine militärische Reaktion der Nato aus, falls Russland die Ostgrenze der Ukraine überschreiten würde.

„Potemkinsche Armee“

Ein Blick auf die tschechische Armee zeigt, dass da auf Stropnicky einiges zukommen würde. Im kommenden Jahr, so hat sich Prag verpflichtet, sollen 4 500 Soldaten für Nato-Einsätze bereitstehen. Als „verlässlich“ gilt jede Armee, wenn sie dabei mindestens 90 Prozent des geplanten Bestandes an Soldaten aufbringen kann. Das gelingt den Tschechen derzeit nur, wenn Soldaten aus anderen Einheiten die Elitetruppe „auffüllen“. Die Zeitung „Lidove noviny“ sprach von einer „Potemkinschen Armee“.

Ob das den Minister und TV-Hauptkommissar anficht, ist offen. Stropnicky hat sein ganzes Leben auf den verschiedenen Hochzeiten getanzt. Geboren in der Türkei als Sohn eines Handelsdelegierten Prags, hat er schon mehrere Wendungen in seinem Leben hinter sich. Bis 1989 als Schauspieler aktiv, wandte er sich danach der Diplomatie zu. Er war unter anderem Botschafter in Portugal, Italien und dem Vatikan. 1998 war er dann Kulturminister in einer Übergangsregierung. Danach ging er wieder zurück auf die Bühne. Im vergangenen Oktober zog er für die Protestpartei „ANO“ des Milliardärs Andrej Babis ins Abgeordnetenhaus ein und wurde zum Minister ernannt.

In einem Internet-Chat zur TV-Serie wurde Stropnicky gefragt, ob er als Schauspieler nicht die Diplomatie aus vergangenen Jahren vermisse. Seine Antwort darauf klang wie ein Lebensmotto: „Ich vermisse die Leichtigkeit, die ich im Ausland schätzen gelernt habe.“ Ein guter Satz für einen Kulturminister oder Schauspieler. Für einen ernst zu nehmenden Verteidigungsminister wohl eher nicht.