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Preisverdächtige Winzerin

Anja Fritz hat als erste Frau in Sachsen ein Weingut gegründet. Dafür könnte die Meißnerin sogar ausgezeichnet werden.

Anja Fritz (Mitte) mit der Schöpferin des Adelie-Awards Daniela Kreißig (l.) und Schirmherrin Annett Hofmann (r.). Den Besuch nutzte die Winzerin auch, um bei der Partnerin des sächsischen Ministerpräsidenten ein sehr persönliches Anliegen loszuwerden. © Foto: Claudia Hübschmann

Meißen. Zum Wein kam sie wie Maria zum Kinde, sagt Anja Fritz und lacht. Im schummrig beleuchteten Gewölbekeller ist gemütlich eingeheizt, während draußen eisiger Schneeregen auf die kahlen Reben des Mariabergs fällt. Es duftet süß nach vergorenen Trauben und irgendwie auch nach Lebkuchen. Annett Hofmann, frühere MDR-Journalistin und Lebensgefährtin von Ministerpräsident Michael Kretschmer, greift geistesabwesend ein Stück Käse von der großen Platte und hört dabei weiter aufmerksam der Winzerin zu.

Bei Bombardier habe sie vorher gearbeitet, erzählt Anja Fritz. Aber sie hätte sich auch einen Job als Reiseleiterin vorstellen können. Sie ist auch so gut rumgekommen in der Welt, lebte in Braunschweig, Mexiko, München und Berlin. Nach einer siebenmonatigen Weltreise blieb sie ausgerechnet in Meißen kleben und wurde hier zur ersten Frau, die in Sachsen ein Weingut gründete – mit zwei kleinen Kindern und ohne viel Vorerfahrung im Weinbau.

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Das nötigt Annett Hofmann und Daniela Kreißig einigen Respekt ab. Letztere hat den Adelie-Award, eine Auszeichnung für sächsische Unternehmerinnen, ins Leben gerufen, Hofmann ist deren Schirmherrin. „Unternehmerinnen, die begeistern“ sollen mit dem Preis, der erst zum zweiten Mal verliehen wird, geehrt werden. Er ist nicht dotiert, stattdessen erhält die Gewinnerin 15 Mentoringstunden von Unternehmern und Unternehmerinnen, die auch die Jury bilden.

„Diese Coachings könnte ich total gut gebrauchen“, sagt Anja Fritz. Sie hat es unter die letzten drei im Rennen um den Adelie-Award geschafft und konkurriert nun mit der Gründerin eines verpackungsfreien Supermarkts und der Erfinderin der Dresdner Eismarke „Paupau“ um den ersten Platz. Im Gewölbekeller ihres Winzerhauses erzählt sie die Geschichte ihres eigenen Unternehmens.

Im Jahr 2004 kaufte sie mit ihrem damaligen Mann das noch ziemlich kaputte Haus in der Spaargasse direkt am Weinberg in Niederspaar. Als sie erfuhr, dass dieser zum Verkauf steht, überlegte sie nicht lange. Eine Mischung aus Weinberg und Tourismus schwebte ihr vor. Das Paar begann mit 600 Rebstöcken, ausschließlich Steillage, 2006 kamen die ersten beiden Ferienwohnungen dazu, heute sind es vier.

Zwei Jahre später eröffnete Anja Fritz ihr Weingut, 2012 kaufte sie den benachbarten Reichelberg dazu und hatte nun gut zwei Hektar Anbaufläche – einen „Tutti-Frutti-DDR-Weinberg“, wie sie selbst lachend sagt. Im Jahr 2010/2011 wurde sie sogar zur sächsischen Weinprinzessin gewählt. Mit dem Nachbarwinzer Martin Schwarz tat sie sich 2013 zusammen. Sie gründeten im alten Herrenhaus am Reichelberg die „Weinmanufaktur am Mariaberg“. In der dortigen Kellerei macht Schwarz seitdem den Wein aus den Trauben vom Mariaberg.

Haltung und Hassmails

Anja Fritz will sich von dort nun zurückziehen, sich wieder mehr auf ihre Wurzeln konzentrieren: den Wein. Sie beschränkt sich auf 500 Feriengäste im Jahr, auch Hochzeiten soll es bei ihr höchstens fünf im Jahr geben. Dafür hat sie eine Besenwirtschaft für sich entdeckt. Nun steht ein Schild draußen: „Wer Wein trinken will, bitte klingeln.“

„Es gibt unglaublich erfolgreiche Frauen, die eine Familie gegründet haben und ein Unternehmen führen“, sagt Annett Hofmann. „Das muss man auch mal öffentlich machen.“ Als Kuriosum im Weinbau will Anja Fritz aber nicht gelten, ihr fallen schnell weitere erfolgreiche Weinmacherinnen ein: Antje Härtel vom Paradiesberg in Radebeul, die Küfermeisterin Anke Schüler , die Kellermeisterin der Winzergenossenschaft Natalie Weich oder Sonja Schilg, die das Staatsweingut Schloss Wackerbarth führt.

So streitbar und engagiert wie Anja Fritz sind jedoch wohl die wenigsten. Auf ihrem Weingut beschäftigt sie seit 2016 auch Flüchtlinge aus Syrien, Tschetschenien oder Pakistan. Ihr Mitarbeiter Mustafa war Spieler in der pakistanischen Cricket-Nationalmannschaft, erzählt sie. „Der rennt den Weinberg hoch!“ Er sei der fleißigste Mitarbeiter, den sie je hatte. Obwohl sie ihm eine Lehre besorgt habe, solle er abgeschoben werden. Den Besuch der sächsischen First Lady nutzt Anja Fritz auch, um für sein Bleiberecht zu appellieren.

Für ihr Engagement wird die Winzerin regelmäßig angefeindet. Als sie für ihre internationalen Mitarbeiter die „Edition Frieden“ herausbrachte, erhielt sie reihenweise Hassmails. „Aber ich möchte einfach nicht irgendwann dorthin driften, wo meine Oma als junges Mädchen war“, sagt sie.

Der Adelie-Award wird am 7. März im Dresdner Artótel vergeben.

Lesen Sie dazu:
Die Geschichte des Mariabergs