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Probleme mit Frauchen

© Thorsten Eckert

Radebergs Katzenpopulation wächst und wächst. Schuld sind nicht nur die Vierbeiner.

Von Luise Martha Anter

Radeberg. Zuerst ist Kater Luis dran. Er sitzt in seinem kleinen weißen Transportkäfig und wirkt, wie man eben so wirkt, wenn man gerade von einem Rundum-Checkup beim Tierarzt kommt: nicht gerade wie das blühende Leben. Nur war der Besuch „halt einfach mal nötig.“ Lisa Marquardt lässt sich seufzend auf einen Stuhl in der winzigen Küche des Radeberger Tierheims fallen, die gleichzeitig Aufenthaltsraum, Büro und Stätte einer Futternapfsammlung epischen Ausmaßes ist. Nichts als ein Häufchen Elend sei Luis gewesen, als er Mitte September in Radeberg aufgegriffen wurde. Und damit ist er alles andere, als eine traurige Ausnahme.

33 Katzen leben momentan im Radeberger Tierheim, neben vier Abgabetieren sind ein Großteil Fund- oder herrenlose Tiere. Das aber ist mitunter schwierig zu differenzieren: Nicht jede herrenlose Katze ist ein wandelndes Flohhotel. Und nicht jedem Fundtier sieht man an, dass es eigentlich einen Besitzer hat. Wie Luis waren viele Katzen abgemagert und krank, als sie in das Tierheim kamen. Nicht wenige sind äußerst scheu, andere aggressiv – und somit schwer vermittelbar. „Es fehlt einfach das Bewusstsein für die Tiere“, sagt Anja Schaaf. Auch sie sitzt in der Küche des Tierheims, in dem sie sich wie die Schatzmeisterin mehrmals die Woche ehrenamtlich engagiert und sogar stellvertretende Vorsitzende ist. Und auch sie ist frustriert.

Logisch, könnte man sagen, schließlich hat Radeberg ein Katzenproblem: Es gibt einfach zu viele. Das Tierheim? Mehr als gut gefüllt. Doch Anja Schaaf und Lisa Marquardt sind vor allem deshalb frustriert, weil das Problem ein Fass ohne Boden ist. Das Fass ist die Katzenpopulation – und der fehlende Boden die Vernunft der Halter.

Desinteresse mancher Tierhalter

Für Anja Schaaf ist klar: „Das Elend ist selbst gemacht“. Obwohl in Radeberg eine Kastrationspflicht herrsche, zeigten sich einige Katzenbesitzer völlig uneinsichtig, wenn es darum geht, ihre Tiere kastrieren zu lassen. Aber dann, so Anja Schaaf, „werden es halt immer mehr Katzen.“ Man könne sich das hochrechnen, sagt sie: „Eine Katze wirft zwei- bis dreimal im Jahr , immer so drei oder vier Kätzchen.“

Besonders steil steigt die Wachstumskurve der Katzenpopulation im Gebiet der Pirnaischen Straße an (SZ berichtete mehrfach). Diesem Problem versuchen die Mitarbeiter des Tierheims mit einer „Fangaktion“ Herr zu werden: An verschiedenen Stellen rund um die innerstädtischen Brennpunkte platzieren die Mitarbeiter des Tierschutzvereins Lebendfallen. Die so geköderten Katzen kommen erst in Quarantäne und dann zum Tierarzt, um kastriert zu werden. Zurück im Tierheim werden sie dann aufgepäppelt, sozialisiert und schlussendlich vermittelt oder ausgewildert. Doch all das geht nur, wenn das Tierheim die Kapazitäten für zusätzliche Katzen aufbringen kann – das aber ist oftmals nicht der Fall. Denn auch wenn Anja Schaaf und Lisa Marquardt sich auf keine konkrete Zahl monatlich oder jährlich vermittelter Tiere festlegen können: Mit bahnbrechendem Erfolg sind die Vermittlungsversuche nicht gesegnet.

Vermisste Tiere spät gemeldet

Im Mai und Juni, wenn die Katzen noch niedlich dreinblickende Kätzchen sind, ist das Interesse zwar groß. Ebenso vor Weihnachten: Schleife drum, ab unter den Christbaum, fertig ist das samtpfötige Geschenk. Eine Anschaffung, die häufig unüberlegt ist: Nur allzu schnell landen die Katzen dann wieder im Radeberger Tierheim. „Wir haben deshalb in den Wochen vor Weihnachten sogar einen Vermittlungsstopp verhängt“, erklärt Lisa Marquardt. Diesem wenig nachhaltigen Interesse steht offenbar ein nachhaltiges Desinteresse am Tier auf Seiten mancher Halter gegenüber. Natürlich gingen viele Fundtiere an den Besitzer zurück. Doch Anja Schaaf und Lisa Marquardt wissen auch von Haltern zu berichten, die sich erst Wochen nach dem Verschwinden ihres Vierbeiners beim Tierheim melden – als sei ihnen nur zufällig aufgefallen, dass da jemand fehlt.

Über solche Tierhalter können die beiden jungen Frauen nur den Kopf schütteln. Immer wieder sprechen sie vom „Unverständnis“ der Halter im Umgang mit dem Tier, von der „Unvernunft“, der „fehlenden Einsicht“. Das drückt sich eben nicht nur in der Laissez-faire-Mentalität in Bezug auf die Fortpflanzung der Vierbeiner aus. Sondern auch in einer fehlenden Wertschätzung für das Tier. Soll sie sich doch kümmern, die Katze. Man könnte also auch sagen: Es ist nicht die Stadt, die ein Problem mit den Katzen hat. Es ist die ein oder andere Katze, die ein Problem mit ihrem Halter hat. So wie Kater Luis.