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Prokon ist abgebrannt

Keine stillen Reserven, dafür eine halbe Milliarde Schulden: Anleger können bis zu 70 Prozent ihres Kapitals verlieren.

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© dpa

Von Eckart Gienke

Der Hamburger Rechtsanwalt Dietmar Penzlin hat drei harte Arbeitsmonate hinter sich. Als vorläufiger Insolvenzverwalter hat er mit einem Team aus 25 Rechtsanwälten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatern die Finanzen und Strukturen der Windenergie-Firma Prokon im schleswig-holsteinischen Itzehoe durchleuchtet. Das Ergebnis ist ein Desaster.

Prokon ist mit fast einer halben Milliarde Euro überschuldet und verdiente zumindest im vergangenen Jahr operativ kein Geld. Ein ordentlicher Jahresabschluss liegt auch für 2012 nicht vor. „Das Rechnungswesen und das Controlling von Prokon befinden sich in einem ausgesprochen mangelhaften Zustand“, teilte Penzlin am Freitag mit. „Das ist darauf zurückzuführen, dass die Geschäftsführung diesen wichtigen Unternehmensbereich über viele Jahre wissentlich vernachlässigt hat.“

Damit rückt die Unternehmensführung von Prokon-Gründer und Geschäftsführer Carsten Rodbertus in den Fokus. Der 52-Jährige hatte Prokon vor fast 20 Jahren gegründet, um die erneuerbaren Energien voranzubringen. Mit großem persönlichem Einsatz, aber auch mit massivem Werbedruck fand Rodbertus mehr als 75 000 Anleger, die seiner Vision folgen wollten – grüne Energieerzeugung mit hoher Rendite. Prokon baute und betrieb Windparks, entwickelte eine eigene Windturbine, investierte direkt oder als Kreditgeber aber auch in Biogas, Holzverarbeitung und rumänische Wälder. Und die Firma zahlte den Inhabern von Genussrechten bis zu acht Prozent Zinsen.

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Noch kurz vor dem Insolvenzantrag am 22. Januar versicherte Rodbertus seinen Anlegern, das Unternehmen verfüge mit den Windkraftanlagen über hohe stille Reserven und sei somit wirtschaftlich gesund. Die Ergebnisse von Penzlin sehen anders aus. „Es gibt keine stillen Reserven“, stellte er knapp fest. Im Gegenteil, etliche der Beteiligungen und der von Prokon vergebenen Kredite sind weniger wert als in der Bilanz steht. Die Werte müssen berichtigt oder abgeschrieben werden. Allein für 2013 kommt so ein Verlust von 478 Millionen Euro zustande – vorläufig.

Mindestens 40 Prozent Verlust

Für die Anleger ist das eine bittere Nachricht: Sie werden mindestens 40 Prozent ihres Kapitals verlieren, möglicherweise aber auch 70 Prozent. Nach vorläufiger Einschätzung sei mit einer Insolvenzquote von 30 bis 60 Prozent zu rechnen, sagte Penzlin. „Wegen des frühen Verfahrensstadiums und der schwierigen Bewertbarkeit vieler Vermögensgegenstände kann die Quote nicht genauer vorhergesagt werden“, erklärte Penzlin. Klar sei aber auch, dass weder ein Totalverlust der Anlage noch eine volle Rückzahlung zu erwarten seien. Einem Vermögen von rund einer Milliarde Euro stünden Verbindlichkeiten von rund 1,5 Milliarden Euro gegenüber.

Die gute Nachricht für die Anleger ist, dass ihre Forderungen aus den Genussrechten – ein Volumen von rund 1,44 Milliarden Euro – nun im Insolvenzverfahren gleichrangig mit Forderungen weiterer Gläubiger wie Banken, Lieferanten und Sozialversicherungen behandelt werden. Ursprünglich waren die Genussrechte nachrangige Forderungen mit sehr geringer Chance auf Rückzahlung gewesen. Das Amtsgericht Itzehoe, das am Donnerstag das Insolvenzverfahren eröffnet hatte, hob die Nachrangigkeit auf. Mit ihr sei gegen das Transparenzgebot verstoßen worden, erklärten die Richter. Diese Frage war juristisch umstritten und musste mithilfe mehrerer Rechtsprofessoren geklärt werden.

Neustart mit 300 Leuten

Neben dem Kassensturz hat Dietmar Penzlin in den vergangenen Monaten bereits an einer Perspektive für Prokon gearbeitet: Er will nun einen Interims-Manager einstellen, die Firma sanieren, ein ordentliches Rechnungswesen aufbauen und sich auf den Kernbereich konzentrieren, die Windkraft. Mit 300 Beschäftigten, ohne Tochterunternehmen – und ohne Prokon-Gründer Rodbertus und Vertriebsleiter Rüdiger Gronau, die er kürzlich vor die Tür gesetzt hat – könnte Prokon aus Penzlins Sicht eine Zukunft haben. Für das laufende Jahr soll zumindest das operative Geschäft einen Gewinn von 30 Millionen Euro abwerfen.

Die Gläubiger müssen nun ihre Forderungen anmelden und bei einer nichtöffentlichen Versammlung am 22. Juli in Hamburg den Insolvenzplan absegnen. Dann haben sie eine Chance, entweder Bargeld oder anstelle ihrer unbesicherten Genussrechte eine besicherte und handelbare Anleihe von Prokon zu erhalten. Die Anleger könnten sie über die Börse verkaufen. Die Zinsen für diese Anleihe werden allerdings „mit großer Sicherheit nicht die Höhe der Genussrechte erreichen“, betonte Penzlin. (dpa)