merken

Prozess nach Attacke im Asylheim

Vor Gericht wird ein Überwachungsvideo aus dem Zittauer Asylbewerberheim gezeigt. Der Angeklagte war bereits straffällig.

© dpa

Von Frank Thümmler

Dass sein Landsmann noch lebt, ist pures Glück. Meher N., ein zum Tatzeitpunkt 21-jähriger Tunesier, hat ihn in der Nacht zum 7. Mai dieses Jahres so schwer verletzt, dass er dem Tod schon näher war als dem Leben. Am Freitag wurde das Verfahren gegen den jungen Tunesier vor dem Landgericht Görlitz eröffnet. Dass es um versuchten und nicht um vollendeten Totschlag geht, hat Meher N. der schnellen notärztlichen Versorgung und einer Notoperation des Opfers zu verdanken.

Anzeige
Gemeinsamer Aufruf der sächsischen Krankenhäuser und der Staatsregierung
Gemeinsamer Aufruf der sächsischen Krankenhäuser und der Staatsregierung

Freistaat schaltet Online-Portal zur personellen Unterstützung der sächsischen Krankenhäuser.

In jener Nacht im Mai war Meher N. nach einer Streiterei auf dem Zimmer im Zittauer Asylbewerberheim noch selbst vom späteren Opfer geschlagen worden, vermutlich mit einer Tasse ins Gesicht. Der 21-Jährige blutete stark.

Dann folgte eine regelrechte Gewaltorgie. Meher N. verfolgte den 31-Jährigen mit einer Wodkaflasche hinter dem Rücken auf den Flur des Asylbewerberheims, schlug ihn nieder, traktierte sein Opfer mit Schlägen und Tritten, während andere Mitbewohner versuchten, ihn vom Opfer zu ziehen. Das Geschehen verlagerte sich ins Treppenhaus, später in den Keller. Das Opfer war inzwischen widerstandsunfähig. Meher N. hatte nun den Entschluss gefasst, den 31-Jährigen zu töten. Es gab weitere Tritte, vor allem aber mit dem abgebrochenen Hals einer Wodkaflasche drei Schnitte im Bereich der Wange, wohl mit dem Ziel, große Blutgefäße aufzuschneiden. Danach soll der 21-Jährige zu anderen Asylbewerbern gesagt haben: „Ich habe ihn getötet.“ So steht es in der Anklage. Meher N. bestreitet bezüglich des Tathergangs nichts.

Das würde auch wenig Sinn machen. Das Geschehen auf dem Flur, im Treppenhaus und im Keller wurde durch Überwachungskameras aufgezeichnet. Das Video wurde am Freitag im Landgericht gezeigt. Zuschauer, auch die Presse, durften es allerdings nicht sehen. Verteidiger Christian Penning sagte aber: „Da gibt es nix zu verteidigen. Von zehn Leuten, die die Aufzeichnungen gesehen haben, ist sieben schlecht geworden. So brutal ist das.“ Auch der hartgesottene Ordner, ein 49-jähriger Drei-Zentner-Mann mit Oberarmen wie Oberschenkeln, sagte als Zeuge aus: „Ich konnte ein paar Tage lang nicht schlafen, nachdem ich das gesehen habe.“

Er beschrieb auch die allgemeine Situation im Asylbewerberheim, sprach von fast täglichen Sauforgien der Tunesier, von mehrfachen Schlägereien. Manche wurden angezeigt, manche unter den Tisch gekehrt. N. fast immer mittendrin, mit zunehmender Brutalität. Zwei Tage vor der Tat hatte er der Polizei gegenüber den Angeklagten und zwei weitere Tunesier als „tickende Zeitbomben“ bezeichnet.

Meher N. selbst schilderte vor Gericht auch, wie es zum Streit gekommen war. Das spätere Opfer wollte sein Handy kaufen. Man einigte sich auf 40 Euro. 30 Euro davon legte das Opfer auf den Tisch, testete derweil das Handy. Plötzlich war das Geld weg. Meher N. behauptete, der 31-Jährige wollte Geld und Handy behalten, forderte sein Handy zurück. Der andere behauptete, Meher N. habe das Geld doch schon. Der Streit eskalierte. Der Rest ist schon erzählt. Reichlich Alkohol war auch im Spiel.

Der Angeklagte behauptete, es sei so viel gewesen, dass er von seinem Gewaltausbruch bis zum Aufwachen in der Polizeizelle nichts mehr wisse. Das stellte sich als wenig glaubhaft heraus. Auch sonst bietet der Angeklagte wenig Anlass für Mitleid. Er ist am 5. Juni 2013 aus Belgien nach Deutschland gekommen, beging einen Tag später seine erste Straftat (versuchter Diebstahl eines Motorrollers in Düsseldorf). Vor dem Landgericht wurden drei Anklagen mit insgesamt 15 Straftaten zusammengefasst: vier Fahrten ohne gültigen Fahrschein, mehrere versuchte und vollendete Diebstähle, neben dem herausragenden versuchten Totschlag am 7. Mai in Zittau noch zwei weitere gefährliche Körperverletzungen. Einen Großteil gestand er am Freitag, einen Diebstahl und eine Körperverletzung bestritt er. Und an einige Diebstähle, bei denen er erwischt wurde, konnte er sich nicht mehr erinnern.

Das Gericht muss nun die richtige Strafe für N. finden. Ihm drohen allein wegen des versuchten Totschlages zwei bis 15 Jahre Freiheitsentzug. Das Verfahren wird am 16. November fortgesetzt. Die einzige positive Nachricht kommt vom Ordner im Asylbewerberheim: „Seit fast alle Tunesier weg sind, einer im Gefängnis, einer in Niesky, einer abgeschoben, haben wir Ruhe im Asylbewerberheim. Alles geht gesittet und geordnet zu.“