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Putin macht’s möglich

Schalke-Profi Roman Neustädter spielt bei der EM für Russland – Sticheleien inklusive.

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© dpa

Von Jörg Soldwisch

Wladimir Putin höchstpersönlich hat ihn zum russischen Staatsbürger ernannt, von daher weiß Roman Neustädter, was sich gehört. Nachdem der Schalke-Profi im Trainingscamp in Paris die Frage eines deutschen Journalisten über sein Befinden beantwortet hatte, übersetzte er sich selbst auf russisch – für die vielen Pressevertreter seiner neuen sportlichen Heimat.

Was der polyglotte Neustädter vor seinem möglichen Pflichtspieldebüt für die russische Fußball-Nationalmannschaft im EM-Duell am Samstag in Marseille gegen England von sich gab, dürfte auch den Kremlchef gefreut haben. „Die Jungs haben mich super aufgenommen. Ich fühle mich so, als wäre ich schon viel länger dabei als nur zwei Wochen“, sagte der Sohn einer Russin und eines Ukrainers. Kleine Sticheleien nimmt Neustädter mit Humor. „Da wird mir auch mal gerne der Ball aus zwei Metern halbhoch ans Knie gespielt, mit der Begründung: Das ist Russland, hier werden die Pässe nicht so sauber gespielt wie in Deutschland“, schrieb der 28 Jahre alte Defensivspieler in seinem EM-Tagebuch für Vice Sports.

Wäre seine Karriere in den vergangenen Jahren nicht ein wenig ins Stocken geraten, würde sich Neustädter vielleicht gerade in Evian mit der deutschen Nationalmannschaft auf die EM vorbereiten. Zwei Testspiele bestritt er 2012 und 2013 für das DFB-Team, danach hatte Bundestrainer Joachim Löw für den Defensivallrounder keine Verwendung mehr. Doch wie für jeden anderen Profifußballer auch sei es für ihn „das Größte, bei einer Welt- oder Europameisterschaft dabei zu sein“, sagt Neustädter. Er trägt das russische Trikot mit Stolz. „Mit Russland bin ich seit meiner Kindheit tief verbunden. Meine Mutter ist Russin, meine Oma wohnt noch dort, viele Freunde wie Verwandte auch“, sagt er.

Russlands Nationaltrainer Leonid Sluzki hat lange um den gebürtigen Dnipropetrovsker gekämpft, Ende Mai stimmte Putin per Präsidialerlass dem Einbürgerungsantrag zu. Seinen deutschen Pass musste Neustädter abgeben. Sportlich hat sich der „Querpass“ durch die EM-Teilnahme schon gelohnt, auch wenn er noch keinen Stammplatz sicher hat. Durch die Verletzung von Igor Denissow haben sich seine Chancen erhöht, gegen England im defensiven Mittelfeld auflaufen zu dürfen.

In Frankreich spielt Neustädter, seit Kurzem mit knackigem Kurzhaarschnitt unterwegs, auch für seine Zukunft auf Vereinsebene. Sein Vertrag auf Schalke läuft Ende Juni aus. Ein Wechsel zu einem russischen Topklub scheint naheliegend. (sid)