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Putins Schatten an der Elbe

Als Wladimir Putin 1985 in die KGB-Außenstelle nach Dresden kam, hatte er eine Dolmetscherin an seiner Seite: Lenchen Sch. spionierte für den BND.

Von Andreas Försterund Erich Schmidt-Eenboom

Die Erfolge des Bundesnachrichtendienstes an der unsichtbaren Front des Kalten Krieges sind relativ dünn gesät. Nach dem Mauerfall mussten die Schlapphüte aus Pullach zudem erkennen, dass viele ihrer vermeintlichen DDR-Agenten von der Stasi abgeworben und fremdgesteuert waren. Eine der wichtigsten BND-Quellen, die jahrelang Interna über die Dresdner Aktivitäten des sowjetischen Geheimdienstes KGB an den Westen lieferte, blieb unenttarnt– bis heute. Es ist eine Dresdnerin, die als Dolmetscherin in der KGB-Residentur an der Angelikastraße tätig war.

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Lena oder Lenchen Sch., wie sie genannt wurde, stammte aus einer baltendeutschen Familie und sprach ein perfektes Russisch. Sie schien geradezu prädestiniert für den Posten der Chefdolmetscherin in der Dresdner KGB-Residentur. Die Außenstelle des sowjetischen Geheimdienstes in Dresden war – verglichen mit der 1000 Mitarbeiter großen ostdeutschen KGB-Zentrale in Berlin-Karlshorst – sehr klein. Nur sieben bis acht sowjetische Geheimdienstler arbeiteten hier und hielten mehr oder weniger engen Kontakt zu den Kollegen aus der nur ein paar hundert Meter entfernt liegenden Stasi-Bezirksverwaltung an der Bautzener Straße.

Wie der BND auf „Lenchen“ – so lautet der offizielle Deckname der Quelle – aufmerksam wurde, ist nicht verbürgt. Fest steht, dass Lena Sch. Anfang der 1980er-Jahre angeworben werden konnte. Ein Volltreffer für Pullach: Denn als Dolmetscherin hatte Sch. vor allem mit dem Leiter der Residentur zu tun, einem Oberst, und dessen Adjutanten. Sie war bei Gesprächen dabei, die etwa mit MfS-Mitarbeitern geführt wurden, oder übersetzte Dokumente für die Russen.

Beschwerde des Stasi-Generals

Mitte der 80er-Jahre freundete sich „Lenchen“, die BND-intern wegen ihrer üppigen Oberweite nur „Balkon“ genannt wurde, mit einer aus Leningrad nach Dresden übergesiedelten Familie an. Eine Bekanntschaft mit Folgen, denn die Familie sollte Jahre später die mächtigste in Russland sein: Es waren die Putins. Damals ahnten weder „Lenchen“ noch ihre Auftraggeber in Bayern, welche Bedeutung diese Freundschaft einmal haben könnte.

Wladimir Putin, der frühere und wohl auch künftige Präsident Russlands, war 1985 als 33-jähriger KGB-Hauptmann in die Dresdner Außenstelle des Geheimdienstes versetzt worden. Offiziell war er zuständig für das deutsch-sowjetische Freundschaftshaus in Leipzig. Doch das war nur Tarnung für eine Reihe nachrichtendienstlicher Aufgaben. Worum es sich dabei konkret handelte, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der „Washington Post“ zufolge, die sich vor einigen Jahren auf Angaben von Mitarbeitern ost- und westdeutscher Nachrichtendienste berief, hatte Putin DDR-Bürger als Funkagenten angeworben. Sie wurden von den Russen ausgebildet und sollten mit Sonderaufgaben betraut werden. Allerdings geriet Putin wegen dieser Aktion mit dem MfS über Kreuz. Am 29. März 1989 schrieb der Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Dresden, Generalmajor Horst Böhm, einen empörten Brief an Putins Vorgesetzten General Wladimir Schirokow. Darin beschwerte sich Böhm darüber, dass der KGB ostdeutsche Reservisten zu Funkagenten ausbilde, zumal einer von ihnen bereits vom MfS rekrutiert worden war. Der Zorn des MfS-Generals dürfte umso größer gewesen sein, da es um die Anwerbung von Perspektivagenten ging für den Fall des Zusammenbruchs der DDR. Dann sollten sie dem KGB aus dem wiedervereinigten Deutschland berichten.

Westdeutsche Geheimdienstspezialisten hingegen sahen Putins Kernaufgabe woanders. Unter der Legende von Geschäftsreisen nahm Putin ihnen zufolge Verbindung zu Agenten auf, die im Westen stationiert waren. Diese KGB-Spione arbeiteten auf zwei militärischen Feldern: Zum einen spähten sie westliche Rüstungstechnologie aus, zum anderen waren sie auf NATO-Geheimnisse angesetzt.

Der Anwerber vom KGB

Das passt zu den Angaben von Wladimir Ussolzew, der sich mit Putin in Dresden ein Büro geteilt hatte. In seinem 2003 erschienenen Buch „Soslushhivez“ (Dienstkollege) erinnerte sich der KGB-Offizier daran, dass Putin Informationen über die amerikanischen Special Forces in Bad Tölz und über die Aktivitäten auf den großen Truppenübungsplätzen Wildflecken und Munsterlager sammeln sollte. Es sei jedoch nicht gelungen, wirklich erfolgreiche Nahbeobachter an diesen Objekten zu gewinnen. Erfolgreicher sei der Versuch verlaufen, ausreisewillige DDR-Bürger als Quellen zu gewinnen, die zwar mit der DDR unzufrieden waren, jedoch Sympathien für Michail Gorbatschow hegten. Doch die Anzahl der KGB-Agenten in Westdeutschland sei kaum größer als zwanzig gewesen, darunter waren – so Ussolzew – auch Doppelagenten des BND und des Verfassungsschutzes.

Die zweite Hauptaufgabe Putins sei die Anwerbung von Spionen unter den ausländischen Studenten an der Technischen Universität in Dresden gewesen. Ins Visier genommen wurden die Söhne und Töchter aus der politischen Elite ihres Heimatlandes, von denen sich der KGB nach ihrer Rückkehr wichtige Informationen versprach. Dazu setzte Putin zwei der vier ostdeutschen KGB-Agenten in Dresden ein, die auf dem Papier Angehörige der Dresdner Kriminalpolizei waren. Einer von ihnen sei nach dem Fall der Mauer verhaftet worden. Er hatte unter den Studenten aus Lateinamerika Quellen rekrutiert, die extrem wertvolle Informationen über Menschen im Umfeld des kubanischen Staatschefs Fidel Castro lieferten.

Kummerkasten der Frau Putina

An die Elbe war Putin 1985 nicht allein gekommen. Begleitet wurde er von seiner Frau Ljudmilla und ihrer kleinen Tochter Mascha. Die zweite Tochter, Katja, wurde 1986 in Dresden geboren. Als russische First Lady verklärte Frau Putina im Jahr 2000 die Zeit in der Zweieinhalb-Zimmerwohnung in der Radeberger Straße 101: „Die Jahre in Dresden werden immer zu den glücklichsten unseres Lebens zählen“, sagte sie in einem Interview. Morgens habe ihr Wolodja die Kinder in die Krippe und in den Kindergarten gebracht; zum Mittagessen sei er oft in die gemeinsame Wohnung gekommen. „An Feiertagen fuhren wir manchmal mit der ganzen Familie ins Grüne“, erinnerte sich Ljudmilla Putina. „Es gibt sehr viele hübsche Plätze in der Gegend um Dresden, wie zum Beispiel die Sächsische Schweiz, etwa 20 bis 30 Minuten von der Stadt entfernt. Mit unserem grauen ‚Lada‘ waren wir schnell da.“

So heil aber, wie es in diesen Erinnerungen scheint, war das Familienleben der Putins offenbar nicht. Das erfuhr vor allem „Lenchen“, mit der sich Frau Putina in Dresden angefreundet hatte. Die BND-Agentin wurde zu einer Art Kummerkasten für Putins Frau – und Pullach notierte eifrig alles mit, was „Lenchen“ berichtete. So habe sich Frau Putina, wie sich ehemalige BND-Mitarbeiter heute erinnern, bei ihrer Vertrauten über häusliche Gewalt und zahlreiche Affären ihres Mannes ausgeweint. Angeblich habe Wladimir Putin seine Frau sogar geschlagen und sei ein unverbesserlicher Schürzenjäger gewesen. Der BND leitete seine Erkenntnisse auch an den Verfassungsschutz und einige Partner in den NATO-Staaten weiter.

Mit neuer Identität in den Süden

Die Meldungen über das gestörte Familienleben der Putins wären wohl in den Archiven des BND als Randerkenntnisse in Vergessenheit geraten, hätte Boris Jelzin nicht völlig überraschend am 9. August 1999 Wladimir Putin zu seinem Nachfolger erhoben. Spätestens damit aber war der Zeitpunkt gekommen, aus den Geheimdienstarchiven all das ans Licht zu befördern, was man je über den neuen russischen Präsidenten zusammengetragen hatte.

Auch Lena Sch. dürfte sich ein wenig gewundert haben, als der Mann ihrer einstigen Freundin plötzlich in den Kreml einzog. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie schon viele Jahre in Süddeutschland. 1989 war sie von Putins Dresdner Chef, dem KGB-Oberst, den sie eigentlich ausspionieren sollte, schwanger geworden. Sie schützte eine komplizierte Schwangerschaft vor und durfte sich in West-Berlin behandeln lassen. Das wäre eigentlich ein Glücksfall für den BND gewesen, der nun einen persönlichen Kontakt zu seiner Quelle hätte pflegen können. Bis dahin war die Verbindung über Funk und Kuriere gehalten worden. Aber die werdende Mutter war den Belastungen ihres Doppellebens nervlich nicht länger gewachsen. Als sie wieder einmal zum Arztbesuch in den Westen reiste, bat sie um Hilfe. Der BND flog sie in die Bundesrepublik aus, versorgte sie mit einer neuen Identität und einer Pension in Süddeutschland. Dort soll „Lenchen“ heute noch leben. Von dem geheimen Doppelleben, das sie vor vielen Jahren in Dresden führte, wissen bis heute nur wenige.