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Sport

Heftige Kritik nach Jakobsens Horrorcrash

Nach dem fatalen Sturz des Niederländers attackieren Radprofis und Verantwortliche die Ausrichter der Polen-Rundfahrt und den Unfall-Verursacher.

Dylan Groenewegen (Zweiter von links) drängt Fabio Jakobsen (links) beim Zielsprint ab.
Dylan Groenewegen (Zweiter von links) drängt Fabio Jakobsen (links) beim Zielsprint ab. © dpa/Tomasz Markowski

Von Christoph Sicars, Annette Birschel und Doris Heimann

Katowice. Patrick Lefevere wählte drastische Worte. "Ich werfe ihm einen Mordanschlag vor, nichts mehr und nichts weniger", sagte der Teamchef des belgischen Rad-Teams Deceuninck-Quick Step, am Donnerstag. Er meinte den niederländischen Profi Dylan Groenewegen, der am Mittwoch auf der 1. Etappe der Polen-Rundfahrt seinen Landsmann Fabio Jakobsen von Deceuninck-Quick Step beim Zielsprint in Katowice (Kattowitz) abgedrängt und dadurch einen folgenschweren Crash ausgelöst hatte.

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Der Zustand sei "sehr schlimm. Wir beten weiter, dass er überlebt", sagte Lefevere. "Alle Knochen in seinem Gesicht sind gebrochen", sagte der Belgier, nachdem Jakobsen zuvor fünf Stunden operiert worden war. Der 23-jährige Straßenmeister, der in ein künstliches Koma versetzt wurde, war nach dem Fahrmanöver Groenewegens bei sehr hoher Geschwindigkeit direkt in die Absperrgitter gekracht und reglos liegengeblieben.

Rennärztin Barbara Jerschena gab nach der Operation zumindest erste Entwarnung und sagte, Jacobsen habe die Operation gut überstanden und sei nicht mehr in Lebensgefahr. Dass Groenewegen sich auch verletzt haben soll, konnte sie nicht bestätigen. "Darüber weiß ich nichts."

Bis Freitag soll Jakobsen schrittweise aus dem künstlichen Koma geholt werden. "Die Versuche, den Patienten auf dem künstlichen Koma zu holen, erfolgt schrittweise. Daher ist das vermutlich erst morgen in den frühen Morgenstunden der Fall, und erst dann können wir neue Informationen über seinen Gesundheitszustand geben", sagte ein Sprecher des Krankenhauses in Sosnowiec.

Bereits am Vorabend hatte Lefevere gesagt, dass Groenewegen eine Gefängnisstrafe verdiene. Diese Worte bedauere er nicht: "Wir unternehmen Schritte, um bei der UCI und der Polizei Anzeige zu erstatten." Trotz des schweren Sturzes kündigte Lefevere an, dass sein Team die Tour de Pologne fortsetze.

Der Radsportweltverband UCI hatte am Mittwochabend mitgeteilt, dass er den Fall an die Disziplinarkommission weitergeleitet habe, um Sanktionen gegen Groenewegen zu beantragen. "Die UCI verurteilt das gefährliche Verhalten auf das Schärfste", stand in dem Statement.

"Ich finde es schrecklich, was gestern passiert ist. Ich kann nicht beschreiben, wie schlimm ich es finde für Fabio und die anderen, die gestürzt oder betroffen sind. Im Moment ist die Gesundheit von Fabio das Wichtigste. Ich denke ständig an ihn", twitterte Groenewegen. Auch er kam nicht unbeschadet davon. Der Sturzverursacher musste sich am Donnerstag in Opole am Schlüsselbein operieren lassen.

Fabio Jakobsens Zustand ist nach dem schweren Unfall stabil. Er schwebt nicht mehr in Lebensgefahr.
Fabio Jakobsens Zustand ist nach dem schweren Unfall stabil. Er schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. © dpa/Yuzuru Sunada

Heftige Kritik an den Veranstaltern der fünftägigen World-Tour-Rundfahrt übten CCC-Profi Simon Geschke und andere Radprofis. "Jedes Jahr derselbe dumme Bergab-Sprint bei der Polen-Rundfahrt. Jedes Jahr frage ich mich, warum die Organisatoren denken, das sei eine gute Idee", schrieb der 34-jährige gebürtige Berliner auf Twitter. "Massensprints sind gefährlich genug. Man braucht kein Bergab-Finale mit 80 km/h", ergänzte der Tour-de-France-Etappensieger von 2015.

"Ich habe mir das Finale und den Crash bestimmt 30-mal angeguckt, und die Brutalität des Crashs schockiert mich noch immer", twitterte der ehemalige Weltklassesprinter Marcel Kittel. "Ich will da jetzt niemanden angreifen. Ich bin die Polen-Rundfahrt noch nie gefahren, aber ich habe von anderen Rennfahrern gehört, dass sie eh schon sehr berühmt-berüchtigt ist. Ein Bergab-Sprint, bei dem man bis zu 85 km/h erreicht, da fragt man sich schon: Muss das sein?", sagte Rick Zabel, der nicht mitfährt. "Ein normaler Sprint mit 50, 60 km/h ist schon schnell genug. Da muss man es nicht noch riskanter machen und sollte solche Zielankünfte verbieten. Es ist immer schade, dass erst was passieren muss, bevor solche Diskussionen entstehen." Kittel hofft, dass man die Frage jetzt ernsthaft debattiere, ob es Bergab-Sprints mit Geschwindigkeiten von 80 km/h geben müsse, sagte der 14-fache Tour-de-France-Etappensieger.

Auch Lotto-Soudal-Profi Roger Kluge stellte die Streckenführung in Frage und kritisierte zugleich das Verhalten einiger Kollegen. "Es ist ja schon seit Jahren die Frage, ob man an dieser Stelle das Ziel machen muss", sagte er. "So etwas muss nicht sein. Einige Sprinter verlassen immer wieder ihre Linie. Wenn sie geradeaus fahren würden, dann würde es besser ausgehen."

Kluge war, wie auch Deutschlands bester Sprinter Pascal Ackermann, in den fatalen Sturz nicht involviert. "Mir geht es gut. Ich hatte mega Glück im Zielsprint, dass ich die richtige Seite gewählt habe. Dort bin ich einigermaßen gut durchgekommen. Ich bin zwar 30 Kilometer vor dem Ziel auch gestürzt, aber letztlich kamen dabei nur ein paar Kratzer raus", sagte er.

"Ich hatte verdammtes Glück, dass ich etwas zurück war mit meinem Sprint und die letzten 100 Meter habe rollen lassen. Sonst wäre ich auch dabei gewesen", sagte Ackermann.

Der bei dem Unfall auch schwer am Kopf verletzte Angestellte sei wieder bei Bewusstsein und ebenfalls in einem "stabilen Zustand", teilten die Renn-Veranstalter mit. Außerdem würden noch drei weitere Radprofis in Krankenhäusern behandelt.

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