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Jetzt schäumen die Rad-Profis vor Wut

Die Rundfahrten am Wochenende werden von heftigen Stürzen überschattet. Fahrer kritisieren groteske Sicherheitsmängel.

Remco Evenepoel liegt nach dem Crash von einer Brücke bei der Lombardei-Rundfahrt am Boden.
Remco Evenepoel liegt nach dem Crash von einer Brücke bei der Lombardei-Rundfahrt am Boden. © dpa/Fabio Ferrari

Von Christoph Leuchtenberg

Como/Megève. Der belgische Senkrechtstarter Remco Evenepoel flog bei der Lombardei-Rundfahrt kopfüber von einer Brücke. Ein Auto fuhr Maximilian Schachmann über den Haufen. Emanuel Buchmann landete nach einem Massencrash bei der Dauphiné-Rundfahrt im Hospital. Zehn Tage nach dem Horrorsturz von Fabio Jakobsen erschüttern erneut schlimme Unfälle die Radprofiszene. Sie schlitterte im Fall von Jakobsens Teamkollegen Evenepoel wieder an einer Tragödie vorbei. Der erste Profierfolg des Buchmann-Helfers Lennard Kämna bei der Tour-de-France-Generalprobe geriet dadurch in den Hintergrund.

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„Durch seinen Sturz ist das ein bittersüßer Sieg für mich“, sagte Kämna. Er sprang bei der schweren Bergankunft in Megève in den französischen Alpen für seinen Kapitän Buchmann ein und gewann als Solist. „Hoffentlich ist er okay. Wir brauchen ihn auf der großen Schleife. Eigentlich sollte er am vorletzten Anstieg angreifen.“Dazu kam es nicht. Buchmann stürzte nach 29 Kilometern bei der grenzwertigen Abfahrt vom Col de Plain Bois und musste aufgeben. Im Krankenhaus gab es für ihn Entwarnung: nichts gebrochen. „Doch Emanuel hat starke Prellungen am Rücken und Gesäß. Er kann kaum laufen“, sagte der sportliche Leiter Enrico Poitschke.

Bei der Frankreich-Rundfahrt ab 29. August muss Buchmann eventuell auf einen seiner besten Helfer verzichten: Der zuletzt bärenstarke Schachmann erlitt bei der vom Dänen Jakub Fuglsang gewonnenen Lombardei-Rundfahrt einen Schlüsselbeinbruch. Der Tour-de-France-Start ist für Schachmann in großer Gefahr, auch wenn er sich nicht operieren lassen muss. „Zum Glück ist es ‚nur‘ das Schlüsselbein“, sagte der Paris-Nizza-Sieger und kritisierte groteske Sicherheitsmängel beim Traditionsrennen. „Es gibt Tage, da hat man sein Schicksal nicht in der Hand.“ Eine Autofahrerin fuhr kurz vor dem Ziel vor Schachmann auf die Strecke und räumte ihn rücksichtslos ab. Er quälte sich schimpfend und als Siebenter ins Ziel. Die Polizei ermittelt.

Noch schlimmer erwischte es Evenepoel. Ihm standen bei seinem lebensgefährlichen Abflug alle Schutzengel bei. Der 20-Jährige, der sein erstes Monument bestritt, rammte auf der tückischen Abfahrt von der Muro di Sormano den ungesicherten Vorsprung einer Brückenmauer und stürzte beinahe zehn Meter in die Tiefe. Nach bangen Minuten bargen ihn Helfer. Mit einem Beckenbruch kam er noch glimpflich und vor allem lebendig davon.

Emanuel Buchmann liegt nach dem Sturz auf der Abfahrt bei der Dauphiné-Rundfahrt an der Strecke.
Emanuel Buchmann liegt nach dem Sturz auf der Abfahrt bei der Dauphiné-Rundfahrt an der Strecke. © dpa/Anne-Christine Poujoulat

„Remco hat sich bei mir entschuldigt. Ich sagte: Halt die Klappe! Du bist am Leben. Nur das zählt“, sagte Quick-Step-Teamchef Patrick Lefevere: „Ich habe dem Weltverband mehrfach klarmachen wollen, dass solche Abfahrten einfach nicht möglich sind, aber nichts ändert sich.“

Der Schock nach dem Zielsprint-Drama um den Niederländer Jakobsen, der bei der Polen-Rundfahrt in die Absperrung knallte, steckte Lefevere noch in den Knochen: „Wir hätten zwei tote Fahrer haben können. Da denkst du nicht mehr über Rennen und Siege nach.“ Am Sonntag teilte das Team mit, Evenepoels Zustand entwickle sich „gut“. Er solle so schnell wie möglich in seine Heimat zurückkehren.

Die Geschehnisse lassen alle Alarmglocken schrillen. Bei der Dauphiné-Abfahrt, auf der Buchmann hinfiel, stürzte auch Steven Kruijswijk schwer. Wenig später erwischte es Primoz Roglic heftig. Kruijswijk gab mit ausgekugelter Schulter auf, Tour-de-France-Favorit Roglic trat trotz Gesamtführung am Sonntag nicht mehr an.

Ihre Teamkollegen schäumten angesichts der Sicherheitsmängel bei der vom Tour-de-France-Ausrichter Aso organisierten Dauphiné-Rundfahrt vor Wut. „Die Abfahrt war lebensgefährlich, ein Ziegenpfad mit Schotter – eine Schande, dass so was im modernen Radsport möglich ist“, schimpfte der ehemalige Giro-d’Italia-Triumphator Tom Dumoulin. Und Tony Martin fragte: „Was muss noch alles passieren, bis sich etwas ändert?“

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