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Amtsleiter wegen früherem Vergehen zurückgetreten?

Erst vor wenigen Wochen fing der Chef des Bürgeramtes in Ottendorf-Okrilla, Thilo Richter, an. Jetzt ist sein Stuhl leer. Was hinter dem Rücktritt steckt.

Die Gemeindeverwaltung Ottendorf-Okrilla muss derzeit ohne Leiter des Bürgeramtes auskommen.
Die Gemeindeverwaltung Ottendorf-Okrilla muss derzeit ohne Leiter des Bürgeramtes auskommen. © Archivfoto: Steffen Unger

Ottendorf-Okrilla. Mit viel Vorschusslorbeeren fing Thilo Richter im April im Ottendorfer Rathaus an: Er ist hoch qualifiziert und verfügt über jahrelange Verwaltungserfahrung, hieß es. Folgerichtig wurde er Leiter des neu geschaffenen Bürgeramtes mit Standesamt, Meldeamt und Gewerbeamt. Jetzt, nur wenige Wochen später, ist der Amtsleiter im Ottendorfer Rathaus nicht mehr zu erreichen. Er arbeitet nicht mehr im Haus, ist zu hören.

Was war passiert? Nach und nach werden Details der ungewöhnlichen Personalie bekannt. Zunächst fing alles unspektakulär an. Thilo Richter hatte sich wie andere auch auf die Stellenausschreibung der Gemeindeverwaltung beworben. Seit langem suchte sie einen Haupt- beziehungsweise Bürgeramtsleiter. Mehrere Ausschreibungen hatten nichts gebracht. Keine qualifizierten Bewerber.

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Mit Thilo Richter meldete sich ein studierter Diplomverwaltungswirt, der seinen Abschluss an der Verwaltungshochschule in Meißen gemacht hatte, dann Hauptamtsleiter in Thiendorf und später in Bad Gottleuba-Berggießhübel war. Danach arbeitete er von 2008 bis 2020 als Amtsdirektor in Amt Schradenland, einer Kommune mit vier Gemeinden in Südbrandenburg.

Gemeinderäten fehlten Informationen zum Bewerber

Die Ottendorfer waren froh über den Bewerber. In einer Auswahlkommission, in der neben Bürgermeister Rico Pfeiffer (parteilos) auch Gemeinderäte aller Fraktionen saßen, stellte sich Thilo Richter vor. Die Kommission gab grünes Licht. Am 29. März stimmte der Gemeinderat der Personalie in einem Beschluss zu. Es gab acht Ja-Stimmen, drei Nein-Stimmen und zwei Stimmenthaltungen. Am 1. April konnte Thilo Richter sein Amt antreten.

Dann legte Gemeinderat Stefan Zänker (Die Linke) Beschwerde gegen den Beschluss beim Landratsamt Bautzen ein. „Ich hatte den Eindruck, dass die Wahl nicht ganz regelkonform verlaufen war. Mir haben Informationen zum Bewerber gefehlt. Deshalb wollten wir den Beschluss überprüfen lassen.“

Inzwischen war auch bekanntgeworden, dass sich Thilo Richter bei seiner vorherigen Tätigkeit eines Vergehens schuldig gemacht hat. Nach Recherchen der Lausitzer Rundschau verurteilte ihn das Amtsgericht Bad Liebenwerda zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 100 Euro. Bei Reisekostenabrechnungen hat es Unregelmäßigkeiten gegeben. Außerdem soll es in Amt Schraden Unstimmigkeiten mit Mitarbeitern gegeben haben, weshalb er vorzeitig abgewählt wurde, berichtet die Lausitzer Rundschau.

"Der ehemalige Amtsleiter gilt nicht als vorbestraft"

Hatte der Dresdner bei der Bewerbung seine Vergehen verschwiegen und war so ins Amt gekommen? „Nein, er hat uns darüber informiert. Alle, die in der Auswahlkommission saßen, wussten Bescheid“, sagt Bürgermeister Rico Pfeiffer. „Ich und auch andere waren der Meinung, dass Thilo Richter eine zweite Chance bekommen soll. Er hat seine Strafe erhalten. Ich bin der Meinung, dass er nicht sein Leben lang darunter leiden muss.“ Rico Pfeiffer widerspricht der Darstellung, dass der ehemalige Amtsleiter als vorbestraft galt. „Das ist erst bei einer Verurteilung von 90 und mehr Tagessätzen der Fall. Bei ihm waren es 60.“

Auch CDU-Gemeinderat Mirko Thomas bestätigt, dass die Fakten vor der Bestätigung des neuen Amtsleiters auf dem Tisch lagen. „Das ist in der Auswahlkommission besprochen worden, jede Fraktion wusste also Bescheid. Wer danach noch Fragen an Thilo Richter hatte, konnte sie im Hauptausschuss stellen, dort war er vor der Amtsübernahme auch zu Gast“, sagt er.

Auch für Mirko Thomas war die Strafe durch die Zahlung der Tagessätze abgegolten. „Er sollte die Chance auf einen Neuanfang haben.“ Wenige Wochen nachdem der Dresdner in sein Amt gekommen war, hatte das Landratsamt den Ottendorfer Gemeinderats-Beschluss geprüft und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er nicht korrekt zustande kam. Die Begründung: Nicht allen Gemeinderäten hätten alle notwendigen Informationen zur Verfügung gestanden.

Auf der Sitzung am Montag wurde der Beschluss wie vom Landratsamt vorgesehen vom Ottendorfer Gemeinderat wieder aufgehoben. Laut Mirko Thomas berät in der Gemeinde seit Jahren die Auswahlkommission über Bewerber. „Wir haben sie geschaffen, um persönliche Details über die Bewerber im kleineren Kreis zu besprechen, einfach um ihre Privatsphäre zu schützen. Da ja von jeder Fraktion Gemeinderäte in der Kommission saßen, waren bisher auch alle damit einverstanden. Diesmal offenbar nicht. Rein formal hat derjenige dann ja auch recht bekommen.“

Allerdings war der Aufhebungsbeschluss Formsache. Thilo Richter war bereits nicht mehr im Amt. „Er hatte um Aufhebung seines Vertrages gebeten. Aus gesundheitlichen Gründen. Er hat mir mitgeteilt, welche Diagnose er bekommen hat. Sie verändert ein Leben komplett. Mit den Diskussionen um seine Vergangenheit und seine Arbeit hier in der Gemeinde hat das nichts zu tun. Mit seiner Tätigkeit im Rathaus war ich die ganze Zeit auch sehr zufrieden“, sagt Rico Pfeiffer.

Er ist dankbar, dass Thilo Richter um eine Aufhebung des Vertrages gebeten hat. „Er hätte sich auch krankmelden können. So haben wir Handlungsspielraum.“ Ob die Stelle nachbesetzt wird, ist noch unklar. „Eventuell werden wir die Ämter umstrukturieren. Das werden wir in den nächsten Tagen diskutieren.“

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