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Vom Hilfsarbeiter zum Klinikchef

In der DDR durfte Martin Wallmann kein Abitur machen. 2020 geht er als Chef eines Epilepsiezentrums in den Ruhestand.

Martin Wallmann, der Direktor des Epilepsiezentrum Kleinwachau geht in den Ruhestand
Foto: Marion Doering
Martin Wallmann, der Direktor des Epilepsiezentrum Kleinwachau geht in den Ruhestand Foto: Marion Doering © Marion Doering

Radeberg. Etwas wehmütig fühle er sich, aber auch entspannt. Trotz des großen Einschnitts, der gerade stattfindet, sagt Martin Wallmann. Nach zwölf Jahren hört er als Geschäftsführer des Epilepsiezentrums Kleinwachau auf. „65 Jahre, das muss reichen. Die Leistungsfähigkeit lässt nach“, sagt er. 

Entspannt – diesen Zustand nimmt man ihm ab. Hat er doch eine Menge Erfolge vorzuweisen. In den zurückliegenden Jahren ist die Einrichtung zu einem führenden Zentrum bei der Betreuung und Behandlung von Epilepsiekranken geworden. Er konnte unter anderem ein Krankenhaus-Neubau einweihen, ein neues Wohnheim steht vor der Fertigstellung. 

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Fast 600 Mitarbeiter sind heute hier beschäftigt. 250 Menschen mit Behinderung arbeiten in den Werkstätten, 1.000 Patienten werden pro Jahr stationär im Fachkrankenhaus für Neurologie behandelt.

Als Schüler am Abitur gehindert

Anfangs sah es gar nicht danach aus, dass Martin Wallmann eines Tages derartige Verantwortung übernehmen könnte. In der neunten oder zehnten Klasse muss es gewesen sein. Da wurde der Pfarrerssohn zum Schuldirektor zitiert. „Ihm gefielen meine pazifistischen Ansichten nicht."

Mit dieser Einstellung kann ich kein Abi machen, habe der Direktor gesagt. "So habe ich die Erweiterte Oberschule schon nach zehn Jahren verlassen müssen.“ Eine Lehre als Elektriker folgte. „Das war das Einzige, was ich machen durfte.“ Gleich nach der Ausbildung war auch hier Schluss. „Ich bin dann als Hilfskraft in die Nervenklinik nach Rostock gegangen. Dort zu helfen hat mir mehr gelegen.“

 In der Klinik machte er seinen Abschluss als Krankenpfleger. „Vier Jahre blieb ich in Rostock bis 1978, dann sind wir in die Hohwald-Klinik bei Sebnitz umgezogen“, zählt er. Aus einfachem Grund. Mit seiner Familie brauchte er eine vernünftige Wohnung. „Hohwald hatte das beste Angebot. So sind wir von der Küste in den Süden der DDR gezogen. Das war je eine Rückkehr in die Heimat. Ich bin in Dresden geboren.“ 

Die Wende: Eine berufliche Befreiung für Wallmann

1988 dann der nächste Umzug nach Dresden. Der Grund: eine Stelle als Sozialarbeiter bei der Poliklinik in Strehlen: Suchtberatung und ambulante Psychiatrie. „Die Wende war für mich dann beruflich eine Befreiung. Beim Verein Suchthilfe konnte ich die Beratung dieser Menschen mit aufbauen. Später wurde ich dann vom damaligen Dresdner AWO-Chef gefragt, ob ich nicht die Betreuung einer Gruppe junge Rollstuhlfahrer übernehmen will.“ Eine wunderbare Zeit, erinnert er sich.

 „Um Erfahrungen zu sammeln sind wir in der ganzen Republik herumgefahren und haben uns andere Projekte angesehen. Mit unserem AWO-Bus waren wir sogar auf der Reeperbahn“, erinnert sich Martin Wallmann. Alles war im Aufbruch. Kompetente Mitarbeiter wurden gebraucht. Martin Wallmann sollte Leiter eines neuen Wohnheims werden. Doch er zögerte.

„Nur noch Wohnheim verwalten. Ich wollte das Übergreifende, wollte was Neues entwickeln, deshalb habe ich abgelehnt.“ Gestalten konnte er dann bei seiner nächsten Tätigkeit zur Genüge. Bei der AWO Sonnenstein in Pirna wurde er Geschäftsführer, leitete die Behindertenhilfe und die psychosozialen Dienste. „Werkstätten wurden aufgebaut, mehrere Wohnheime. Viel haben wir dem damaligen Sozialminister Hans Geißler zu verdanken.“

"Typisch für diese Generation"

Daneben setzte sich Martin Wallmann immer wieder auf die Schulbank, machte ein Fachschulstudium zum Sozialfürsorger, später seinen Abschluss als Diplom-Sozialarbeiter. 2008 kam dann das Angebot, das Epilepsiezentrum Kleinwachau als Geschäftsführer zu leiten.

„Ich habe überlegt, ob ich das wirklich machen soll. Den Ausschlag gab die Tatsache, dass ich dort auch für ein Krankenhaus und für eine Schule verantwortlich war. Das hat mich gereizt.“ Warum er sich immer wieder reingekniet hat, in neue Aufgaben? „Vielleicht ist das typisch für diese Generation. Im Osten groß geworden und dann nachgeholt, was in der DDR nicht umgesetzt werden konnte.“

Bei seiner Arbeit hat sich Martin Wallmanns Arbeit immer von einer Frage leiten lassen, sagt er: Wie können wir es schaffen, dass die Menschen, die bei uns wohnen, noch mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen? „Die Zäune rings um Kleinwachau hatte ja schon Pfarrer Taut wegreißen lassen. Unsere Aufgabe war es jetzt, die Bindungen in Liegau und nach Radeberg zu stärken.“

"Mitleid ist fehl am Platze"

Er kann sich noch gut erinnern, wie er im Radeberger Rathaus über mögliche Wohnprojekte für Menschen mit Behinderung gesprochen hat. „Die Zustimmung war groß. Die Bewohner wurden dann auch gut in der Stadt aufgenommen. Ein Riesenkompliment an die Radeberger.“ 

Auch für das Epilepsiezentrum waren die Wohnprojekte ein Erfolg. „Die Bewohner waren glücklich, selbstbestimmter leben zu können, eine eigene Wohnung zu haben. Kaum einer wollte zurück.“ In Liegau-Augustusbad spielen inzwischen Bewohner des Epilepsiezentrums gemeinsam mit anderen Liegauern Fußball. Im Chor Liederlust treten sie gemeinsam auf, Martin Wallmann inklusive.

„Mitleid ist bei unseren Bewohnern im Epilepsiezentrum fehl am Platze, wir sollten sie so nehmen, wie sie sind, mit ihren Macken.“ Inzwischen wird nur noch vom „Epi“ gesprochen, wenn von Kleinwachau die Rede ist. „Das freut mich. Das zeigt, dass unsere Einrichtung ein selbstverständlicher Teil des Ortes ist.“ 

Wallmann will weiterhin mitmischen

Und jetzt, nach der großen Feierstunde vor dem Brunnenhaus mit Staatssekretärin, Landrat, Radeberger OB und vielen weiteren Gästen? Er mischt weiter mit. Anders als vorher, aber ohne geht es wohl nicht. Bei der Wahl im vergangenen Jahr hat er für den Ortschaftsrat kandidiert. 

Jetzt sitzt er für das Bündnis „Wir für Liegau“ dort drin. Er will weiter „Türen öffnen“, für die nächsten Projekte, von denen eins ihm sehr wichtig ist der Schulcampus mit Grund- und Förderschule sowie Turnhalle. „In diesem Jahr hat es nicht geklappt mit Fördermitteln, ein neuer Antrag ist aber eingereicht.“ 

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Im Epilepsiezentrum übernimmt Sandra Stöhr. Das ist nur eine Veränderung von mehreren in der Einrichtung.

Natürlich wird er auch seine Nachfolgerin Sandra Stöhr weiter unterstützen. Allerdings kennt sie Kleinwachau bereits jetzt schon wie kaum eine Zweite. Seit 2008 arbeitet sie hier als Kaufmännische Leiterin. Ein weiterer Grund für Martin Wallmann, ganz entspannt auf seiner Terrasse zu sitzen.

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