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Kitaplätze nur noch für Radeberger

Ortsfremde müssen sich in ihren Kommunen einen Platz sichern. Eine junge Familie aus Arnsdorf trifft es hart.

Jana Schilling muss für ihre Tochter Lilli einen neuen Kitaplatz suchen. Der jetzige wurde zum 31. August gekündigt.
Jana Schilling muss für ihre Tochter Lilli einen neuen Kitaplatz suchen. Der jetzige wurde zum 31. August gekündigt. © Sven Ellger

Radeberg. Der Brief war für Familie Steudel-Schilling ein Schock. Ab September darf die jüngste Tochter Lilly die Radeberger Kita Max & Moritz nicht mehr besuchen. In dem Schreiben wurde der Betreuungsplatz zum 31. August gekündigt. „Wo sollen wir die Kleine denn jetzt unterbringen?“, fragt sich Jana Schilling. „Mein Mann und ich sind den ganzen Tag über auf Arbeit. Unsere Großeltern können das ebenfalls nicht übernehmen. Wir haben bisher nirgendwo einen Platz gefunden.“

Vor sieben Jahren war die Zusage zum Kitaplatz in Radeberg ein Glücksumstand. „Damals sind wir nach Arnsdorf gezogen und brauchten für unsere ältere Tochter einen Betreuungsplatz“, erinnert sich die junge Mutter. In der Gemeinde Arnsdorf war nichts zu bekommen. Alles voll, hieß es. Die Eltern waren heilfroh, dass es in Radeberg klappte.

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Auch ihre Tochter fühlte sich in der Kita von Anfang an sehr wohl. „Als dann unsere jüngere Tochter Lilli geboren war, griff die Geschwisterregel. Wir konnten sie auch in die Kita Max & Moritz bringen.“ Lilli hat dort viele Freunde. Jetzt soll das zu Ende sein, fragen sich die Eltern. „Für nur ein Jahr soll sie sich in eine neue Kita, in eine neue Gruppe einleben. Dann kommt sie in die Grundschule, wieder ein neues Umfeld. Das ist aus unserer Sicht nicht richtig. Auch weil wir ja damals unverschuldet in Radeberg in die Kita mussten“, sagt Jana Schilling. Schon damals habe die Verwaltung gewusst, dass die Steudel-Schillings „Ortsfremde“ sind.

Starker Zuzug junger Familien nach Radeberg

Seitdem das Schreiben bei ihnen im Briefkasten steckte, hat Jana Schilling alles versucht, um doch noch ein Umdenken zu erreichen. „Ich habe mit Mitarbeitern bei der Stadtverwaltung gesprochen und mich auch an Oberbürgermeister Gerhard Lemm gewandt. Es hat nichts genutzt“, sagt sie. Zuletzt erhielt sie ein Schreiben, in dem die Kündigung bestätigt wird. Die Stadtverwaltung legt noch einmal die Gründe für das Aus dar. Darin heißt es: In der Stadt werden immer mehr Baugebiete ausgewiesen, deshalb kommt es vermehrt zum Zuzug von jungen Familien mit Kindern. Diesen Mädchen und Jungen müssten neben angestammten Radeberger Kindern die Betreuungsplätze zur Verfügung gestellt werden. Kitas in der Stadt sind deshalb angewiesen worden ortsfremden Mädchen und Jungen zum Ende des jeweiligen Betreuungsjahres zu kündigen. Umliegende Gemeinden würden nach demselben Schema verfahren: Unterbringung nur für „eigene“ Kinder.

Die Verwaltung verweist darauf, dass die Stadt einen Verdienstausfall zahlen muss, falls sie keinen Betreuungsplatz zur Verfügung stellen kann. Hintergrund ist eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes von 2016. Danach haben Mütter grundsätzlich das Recht auf Erstattung des Verdienstausfalls, wenn die Kommune keine Kitaplätze anbietet und dadurch Gehaltseinbußen entstehen. Letzter Versuch der Familie Steudel-Schilling ist eine Klage gegen die Kündigung. „Wir haben einen Rechtsanwalt beauftragt. Die Chancen sind gering. Denn die Gesetze sind hier wohl sehr klar. Wir wollen es aber wenigstens versucht haben, unserem Kind zuliebe.“

Dass in Radeberg mehr für die Betreuung der Kinder gemacht werden muss, ist bekannt. Schon im „Siedlungsentwicklungskonzept Wachstumsregion Kamenz-Radeberg“ von 2019, das die Stadt mit in Auftrag gegeben hat, ist davon die Rede. Die Autoren mahnen für Radeberg den Ausbau der Kindergarten-Kapazität an. Auch Radebergs Oberbürgermeister Gerhard Lemm (SPD) schätzt ein, dass die Einwohnerzahl der Stadt bis 2035 leicht zunehmen wird. „Wir haben zwar mehr Sterbefälle in der Stadt als Geburten. Doch der Zuzug von Familien fängt das Defizit wieder auf“, sagt er.

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