Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Radeberg
Merken

Was Alfred Nobel und Dynamit mit Radeberg und Dresden zu tun haben

Im Karswald zwischen Dresden und Radeberg sieht die Landschaft spektakulär aus. Welche Rolle das Dynamit und Alfred Nobel dabei mal spielten.

Von Verena Belzer
 4 Min.
Teilen
Folgen
NEU!
Was hat es mit den alten Tunnelsystemen im Karswald auf sich? Sie sind Spuren der ehemaligen Dynamitfabrik.
Was hat es mit den alten Tunnelsystemen im Karswald auf sich? Sie sind Spuren der ehemaligen Dynamitfabrik. © René Meinig

Radeberg. Meterhohe Erdwälle, verfallene Brunnen, Tunnelsysteme - wer im Karswald spazieren geht, stößt auf eine Landschaft, die so ganz anders aussieht, als das Gewohnte. Auf einmal ist da ein Waldgebiet, das ein bisschen wie eine Mondlandschaft daherkommt, nur mit Bäumen. Geheimnisvoll, verwildert, reich an Geschichte. Was war hier einst? Wurde hier etwas versteckt? So manch Spaziergänger mag sich diese Fragen schon gestellt haben.

In der Öffentlichkeit kursieren immer mal wieder Begriffe für dieses Areal: Pulverbude, Pulvermühle, Munitionsfabrik - im Grunde sind sie alle falsch.

Denn: Hier, im Karswald, an der heutigen B6 gegenüber des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf, wurde seit 1883 Dynamit hergestellt. Allerdings niemals für militärische Zwecke, sondern hauptsächlich für den Bergbau - im 19. Jahrhundert löste Steinkohle Holz zur Wärmeerzeugung in den Haushalten ab. Der Bedarf stieg - und mit der Erfindung von Dynamit konnte der neue Brennstoff deutlich einfacher abgebaut werden.

Dynamit war 1866 von Alfred Nobel erfunden worden. Es sollte die Welt verändern. Hochexplosiv. Die Landschaft im Karswald änderte es auch.

Ein Teil des Nobel-Imperiums

Zur Einweihung der "Dresdner Dynamitfabrik" 1882 soll Alfred Nobel sogar persönlich anwesend gewesen sein - zweifelsfrei belegen lässt sich dies jedoch nicht. Fest steht, dass dem weltberühmten schwedischen Erfinder und Chemiker, Stifter und Namensgeber des Nobelpreises, die Dynamitfabrik gehörte. Damit war sie eine von 93 Dynamitfabriken des Nobel'schen Sprengstoff-Imperiums.

Warum das alles auch heute noch spannend ist? Weil der Karswald auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik immer noch deutliche Zeichen dessen trägt, was einst hier produziert wurde. Und das, obwohl die Fabrik lediglich zehn Jahre lang existierte. "Die Infrastruktur war damals einfach zu schlecht", erklärt Reiner Schwenke, Mitglied im Radeberger Lions-Club. "Danach verlagerte sich die Dynamitherstellung nach Freiberg."

Schwenke wohnt in Ullersdorf und ist oft hier spazieren gegangen. Vor ein paar Jahren kam ihm die Idee, den Wanderern die außergewöhnliche und spannende Geschichte dieses besonderen Fleckchens Wald mithilfe einer Infotafel näherzubringen. Seine Lions-Kollegen konnte er schnell begeistern. Und nicht nur die.

Heimatforscher Dieter Rettig erläutert die Besonderheiten der Radeberger Dynamitfabrik.
Heimatforscher Dieter Rettig erläutert die Besonderheiten der Radeberger Dynamitfabrik. © René Meinig
Ein verfallener Brunnen auf dem Gelände.
Ein verfallener Brunnen auf dem Gelände. © René Meinig
Der ehemals explosive Produktionsbereich wurde mithilfe von Erdwallanlagen geschützt - sie sich noch heute sichtbar.
Der ehemals explosive Produktionsbereich wurde mithilfe von Erdwallanlagen geschützt - sie sich noch heute sichtbar. © René Meinig
Spuren der Geschichte im Karswald. Hier wurde zehn Jahre lang Dynamit hergestellt.
Spuren der Geschichte im Karswald. Hier wurde zehn Jahre lang Dynamit hergestellt. © René Meinig

Er holte sich auch den Sachsenforst ins Boot - seit Kurzem steht nun die Infotafel mit allerlei Details rund um die Dynamitfabrik. "Wir begrüßen diese Information sehr", sagt auch Kerstin Rödiger vom Sachsenforst. "Das ist eine Bereicherung für die Waldbesucher. Das Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik zeichnet sich deutlich durch Erdwälle und Trichter vom umliegenden ebenen Waldgebiet ab. Was hier einmal war, konnten Waldbesucher bislang eher nur erahnen und anhand einiger laminierter Zeitungsartikel erfahren."

Inhaltlich konnte sich Reiner Schwenke vor allem auf das Wissen eines Mannes verlassen: Dieter Rettig. Der Heimatforscher aus Großerkmannsdorf weiß alles über das Gelände und die Geschichte der ehemaligen Dynamitfabrik, hat darüber bereits mehrfach geschrieben und Vorträge gehalten. Zusammen mit seiner Tochter Heike Vogel war er für die Inhalte der Tafeln verantwortlich.

Handwerklich umgesetzt hat die Tafel der Großerkmannsdorfer Dachdeckermeister Andreas Henker - als Spende an den Radeberger Lions Club. Die Firma SLH Hochmann hat die Tafeln beschriftet, ebenfalls als Spende.

"Heute holt sich die Natur das Gelände zurück"

Doch woher kommen denn nun die Erdwälle? Der ehemals explosive Produktionsbereich wurde mithilfe dieser Erdwallanlagen geschützt - und sogar Brunnen und Tunnelsysteme lassen sich heutzutage noch entdecken. "Es gab auch einen Wassergraben rund um das Areal", sagt Reiner Schwenke. "Damit ein möglicher Waldbrand ringsherum nicht auf die Dynamitfabrik übergreifen kann."

Was man heute nicht mehr sehen kann, sind die zahlreichen alten Ruinen der Fabrik. Sie wurden 2010 mit Fördermitteln des Freistaats abgerissen. "Das wurde zu gefährlich", sagt Reiner Schwenke. "Heute holt sich die Natur das Gelände zurück."

Die Besonderheit der Radeberger Anlage hat Heimatforscher Rettig in einer Publikation so beschrieben: "Während andere Dynamitfabriken später mehrmals in die Luft flogen, bombardiert, gesprengt, demontiert und modern überbaut wurden, blieben die Erdwallanlagen bei Radeberg weitgehend unbeschadet erhalten - so offenbaren sie noch heute in einzigartiger Weise den strukturellen Aufbau einer Dynamitfabrik zu Alfred Nobels Zeiten."


Nähere Informationen sowie Termine für Führungen durch die ehemalige Dynamitfabrik sind erhältlich im Heimatverein Großerkmannsdorf, telefonisch erreichbar unter (03528) 418 619 oder per E-Mail an [email protected].