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Aussetzer hinterm Steuer

Ein 88-Jähriger brachte sich und andere in Radeberg in Gefahr. Sind Senioren tatsächlich häufiger an Unfällen beteiligt - und sollten den Führerschein abgeben?

Viele ältere Menschen sind gerade in ländlichen Regionen auf das Auto angewiesen. Wegen unsicherer Fahrweise ist jetzt in Radeberg ein 88-Jähriger aufgefallen.
Viele ältere Menschen sind gerade in ländlichen Regionen auf das Auto angewiesen. Wegen unsicherer Fahrweise ist jetzt in Radeberg ein 88-Jähriger aufgefallen. © Symbolbild: Steffen Unger

Radeberg. Diese Tour hätte für den Fahrer und für Unbeteiligte schlimm enden können. Vor einigen Tagen beobachteten Autofahrer, wie auf der Rathenaustraße in Radeberg ein Opel mal rechts, mal links ausscherte, mehrfach über Bordsteine fuhr und auch eine rote Ampel ignorierte. Der Wagen muss zu der Zeit schon mehrfach gegen Hindernisse gekracht sein. Die Polizei berichtet von einem „stark ramponierten“ Fahrzeug. Der Vorfall ereignete sich mitten am Tag. Auch hatte sich der Fahrer nicht im Alkoholrausch hinters Steuer gesetzt. 

Die unsichere Fahrweise lag offenbar am Alter: Der Mann war 88 Jahre alt. Die Polizei nahm ihm die Autoschlüssel ab und übergab sie an Angehörige. Die Führerscheinstelle überprüft jetzt, ob der Senior sich je wieder hinter das Steuer eines Autos setzen darf. Glücklicherweise blieb diese Fahrt für den Rentner und auch für Fußgänger oder andere Autofahrer ohne Folgen. Immer wieder ist von Unfällen zu hören, bei denen ältere Fahrer beteiligt sind. Doch sind Senioren wirklich für mehr Unfälle verantwortlich als andere Altersgruppen? 

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Leichter Anstieg bei Unfallzahlen

„Nein“, sagt Anja Leuschner, Sprecherin der Polizeidirektion Görlitz. „Diesen Schluss lassen die Zahlen nicht zu.“ Nach ihren Angaben betrug der Anteil der über 65-Jährigen Bewohner in Sachsen im vergangenen Jahr 26,5 Prozent. „Ihr Anteil bei der Unfallbeteiligung, gleich, ob als Verursacher oder Beteiligter, betrug im selben Jahr im Bereich der Polizeidirektion Görlitz 22,41 Prozent. Das heißt, Senioren sind im Wesentlichen entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil am Unfallgeschehen beteiligt“, sagt die Beamtin. 

Für 2020 ist zumindest eine Tendenz erkennbar: Der Anteil der Unfallbeteiligten über 65 Jahren lag mit Stand 25. September bei 22,8 Prozent. „Er bewegt sich also auf Vorjahresniveau.“ Allerdings räumt sie ein, dass das ein leichter Anstieg gegenüber früheren Jahren ist. „Noch im Jahr 2015 betrug der Anteil Unfallbeteiligter über 65 Jahren knapp 21 Prozent.“ Grund für den leichten Anstieg ist aus ihrer Sicht die höhere Mobilität der älteren Generation. „Sie sind sowohl motorisiert als auch zu Fuß oder mit Fahrrad vermehrt unterwegs. Alltagstaugliche und erschwingliche Elektrofahrräder unterstützen diesen Mobilitätstrend“, sagt die Beamtin.

Einschätzungsfahrt statt Fahrverbot

Der Einschätzung, dass Senioren nicht öfter bei Unfällen beteiligt sind als andere Altersgruppen, kann Siegfried Brockmann nicht zustimmen. „Nimmt man noch die gefahrenen Kilometer für die jeweilige Altersgruppe dazu, verschiebt sich das Bild“, sagt der Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Nach seinen Angaben fahren Senioren im Schnitt 3.000 Kilometer im Jahr, Menschen, die jünger sind, fahren 14.000 Kilometer, Berufspendler oft noch mehr. „Daran ist ersichtlich, dass mit höherem Alter das Risiko pro Kilometer steigt, bei einem Unfall dabei zu sein. Ab einem Alter von 75 Jahren geht die Kurve steil nach oben.“

Also doch die immer wieder geforderten Fahreignungstests für Senioren? Für den Experten ist ein Fahrverbot rechtlich nicht durchsetzbar. Er schlägt vor, dass Senioren eine Art Einschätzungsfahrt mit einem geschulten Experten unternehmen und sie von ihm dann eine Rückmeldung über ihre Fähigkeiten im Straßenverkehr erhalten. „Diese Einschätzungsfahrt sollte verpflichtend sein. Sie erfahren so etwas über ihre Fähigkeiten“, sagt er. Ein Fahrverbot für Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten soll es nach dem Vorschlag des Experten nicht geben. „Die Betreffenden müssen dann selbst entscheiden, ob sie wie bisher weiterfahren, nur noch kurze Fahrten unternehmen oder sich nicht mehr ans Steuer setzen. Aber die Einschätzung eines Experten dürfte ihnen zu denken geben.“ 

"Ich plädiere für Reaktionstests"

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Immer wieder gibt es auch Vorschläge, freiwillige Fahrstunden bei der Fahrschule um die Ecke zu nehmen, um so mehr über die eigenen Fahrkünste zu erfahren. Fahrlehrer in Radeberg und der Umgebung sind allerdings zurückhaltend. Michael Kiel von der gleichnamigen Fahrschule in Radeberg schlägt vor, dass sich Senioren, die sich unsicher sind, an ihren Hausarzt wenden. "Er kann besser einschätzen, ob die gesundheitlichen Voraussetzungen für das Fahren eines Autos gegeben sind und eventuell empfehlen, sich noch einmal an eine Fahrschule zu wenden.“ Ein anderer Radeberger Fahrlehrer hält  wenig von Fahrten und anschließender Einschätzung von Senioren. „Die eine Stunde Fahrtzeit ist zu kurz. Ich plädiere für Reaktionstests. Sie sind objektiver als die Einschätzung eines Fahrlehrers.“

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