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Radeberg braucht mehr Kitaplätze

Laut Prognosen steigt der Bedarf deutlich an. Eventuell werden Container aufgestellt.

Von Thomas Drendel
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In Radeberg haben sich die Statistiker verrechnet. Es kommen mehr Familien in die Stadt , als vor Jahren prognostiziert.
In Radeberg haben sich die Statistiker verrechnet. Es kommen mehr Familien in die Stadt , als vor Jahren prognostiziert. © Symbolfoto/dpa

Radeberg. In Radeberg fehlen Kitaplätze und auch in den Schulen geht eng zu. Dass die Situation so ist, hat sich erst im Sommer gezeigt. Im Juli berichtete eine junge Familie aus Arnsdorf, dass sie die Kündigung für ihre jüngste Tochter Lilly bekommen hat. Das Mädchen darf ab September die Radeberger Kita Max & Moritz nicht mehr besuchen, wurde ihr in dem Schreiben mitgeteilt. „Wo sollen wir die Kleine denn jetzt unterbringen“, fragte sich Jana Schilling damals. „Mein Mann und ich sind den ganzen Tag über auf Arbeit.“

Lilli musste ihr gewohntes Umfeld verlassen, dort wo sie sich immer wohlgefühlt und viele Freunde hatte. Der Grund: Um Radeberger Eltern den gesetzlich zustehenden Betreuungsplatz anbieten zu können, wurde Fremdkindern gekündigt. Die Stadt hatte die Betreiber der Kitas zu Beginn des Jahres dazu aufgefordert. 20 Betreuungsplätze wurden so „freigelenkt“, wie es heißt. Doch das Platzproblem wird damit nicht gelöst, das zeigen neue Statistiken.

Was sagen die Prognosen?

Laut neuen Berechnungen von Stadt und Landratsamt fällt die Zahl der Kinder in den nächsten Jahren höher aus, als bisher angenommen. Unter Einbeziehung der bisher beschlossenen und noch vorgesehenen Wohngebiete gibt es ein erhebliches Defizit. Danach fehlen in diesem Jahr in der Krippe 39, in den Kindergärten 175 und in den Horten 177 Plätze, ähnlich dürfte es 2022 aussehen. Für das Jahr 2025 prognostizieren die Statistiker ein Defizit von 13 Krippen- und 92 Kindergartenplätzen. 2030 soll es nur noch an Kindergartenplätzen mangeln. 69 Kinder würden keinen Platz finden. Für 2035 würde es mehr Plätze geben als Kinder. Ohne diese neuen Wohngebiete würde die Zahl der Betreuungsplätze in den nächsten Jahren ausreichen.

Wie ist die Situation in den Kitas?

Rechnerisch gibt es in den Kitas und Horten der Stadt derzeit noch freie Plätze. So sind nach Angaben der Stadtverwaltung inklusive der christlichen Einrichtungen 1.806 Plätze vorhanden. Es werden jedoch nur 1.680 Kinder betreut. Nach Angaben von OB Gerhard Lemm (SPD) liegt die Ursache in der gestaffelten Eingewöhnung der neuen Kinder. „Sie werden nach und nach aufgenommen. Spätestens im April werden alle Plätze belegt sein.“ Laut der Prognose dürften ab 2022 Plätze fehlen.

Wie ist die Lage in den Schulen?

In den Schulen ist schon jetzt der Platz knapp. So lernen in der Grundschule Stadtmitte so viele Kinder, dass erstmals in diesem Schuljahr 13 Klassen gebildet werden mussten. Nach Angaben der Stadt wird die Zahl auf 16 Klassen im Schuljahr 2024/25 ansteigen und danach wieder abnehmen.

Ähnlich seht es an der Grundschule Ullersdorf aus. Hier gibt es in diesem Jahr erstmals insgesamt sechs Klassen. Der Höhepunkt liegt im Schuljahr 2024/25 mit acht Klassen. An der Grundschule Süd wird der Scheitel mit 13 Klassen im Jahr 2027/28 erwartet. An der Ludwig-Richter-Oberschule rechnen die Statistiker 2028/29 erstmals 16 Klassen. In der Pestalozzi-Oberschule wird der Höhepunkt 2029/30 mit 17 Klassen erwartet. Wobei hier schon ab diesem Schuljahr ohne Arnsdorfer Kinder gerechnet wird. Bekanntlich soll es eine Vorgründung der neuen Oberschule Arnsdorf geben.

Wie reagiert die Stadt auf die hohen Kinderzahlen?

Laut OB Lemm ist in den vergangenen neun Jahren die Zahl der Betreuungsplätze bereits um 261 gestiegen. „Das hätte nach den früheren Prognosen auch ausgereicht. Doch die haben sich als falsch herausgestellt. Beispielsweise ist der Zuzug größer als vorhergesagt.“ In den nächsten Jahren bis 2028 ist nach seinen Worten die Schaffung 374 neuer Plätze geplant. So sollen durch die Sanierung der „Silberdiele“ in Liegau 57 Plätze geschaffen werden. Die Sanierung der Grundschule Süd mit der Erweiterung des Hortes und der Kita bringt noch einmal 298 Plätze. Allerdings wird das erst 2028 der Fall sein.

Dass es bis dahin eng wird, weiß die Stadtverwaltung. „Wir müssen sehen, wie genau die Nachfrage ist. Das werden wir im Februar oder März 2022 sehen. Eventuell müssen wir dann eine Lösung mit Containern finden“, sagt Gerhard Lemm. Die Doppelbelegung von Klassenräumen, in denen vormittags Unterricht stattfindet und am Nachmittag Hortbetreuung, wird nach seiner Einschätzung vorerst bleiben. „Ein schnelle Erweiterung von Kitas, beispielsweise mit Anbauten, bekommen wir nicht hin. Dazu dauern Genehmigungen und der Bau viel zu lange.“

Im Hinblick auf die Grundschulen brachte der OB auch eine Neuordnung der Schulbezirke ins Gespräch. So könnten Kinder nach besser zugeordnet und die Überlastung von Schulen eher verhindert werden.

Was sagen Stadträte zu der Situation?

Frank Höhme, Fraktionsvorsitzender von SPD, Linke und Grüne, drängt aufs Tempo. „Wir haben schon so viel Zeit verloren. Die Zahlen, die wir jetzt haben, sind gut. Wir sollten auf dieser Basis handeln“, sagte er. Die geplante Arbeitsgruppe von Stadt und Landratsamt würde zu lange brauchen, um zu Ergebnissen zu kommen.

CDU-Stadtrat Matthias Hänsel ist über den „Rausschmiss der Fremdkinder“, wie er sagt, verärgert. „Wir hätten uns jeden einzelnen Fall genau ansehen müssen.“ Auch was die Erweiterung bestehender Kapazitäten in den Kitas angeht, sieht er Gesprächsbedarf. „Es wird gesagt, in den Kitas sind mitunter die Außengelände zu klein, um mehr Kinder aufzunehmen. Am Sandberg ist nebenan ein öffentlicher Platz. Wir brauchen Lösungen“, sagt er.