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Wenn der Ast vom Nachbarn stört

Bei Streitigkeiten überm Gartenzaun kann Regine Wolff helfen. Sie ist Friedensrichterin in Ottendorf-Okrilla. Doch wann lohnt ein Gang zu ihr?

Von Rainer Könen
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Regine Wolff ist Friedensrichterin in Ottendorf-Okrilla. Ihre Amtszeit läuft Ende des Jahres ab. Eine weitere kann sie sich gut vorstellen. Aber das entscheide die Gemeinde, so die 57-Jährige.
Regine Wolff ist Friedensrichterin in Ottendorf-Okrilla. Ihre Amtszeit läuft Ende des Jahres ab. Eine weitere kann sie sich gut vorstellen. Aber das entscheide die Gemeinde, so die 57-Jährige. © René Meinig

Ottendorf-Okrilla. Wie sagt der Volksmund so schön: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Dieses bekannte Zitat wird immer dann bemüht, wenn die Ungewissheit des Ausgangs einer Gerichtsverhandlung verdeutlicht werden soll. Damit nicht genug. So eine Verhandlung kann auch eine teure Angelegenheit sein.

Die Ottendorferin Regine Wolff vertritt eine Instanz, mit deren Hilfe sich dieses Risiko allerdings vermindern lässt. „Schlichten statt Richten“ - so lautet auch im Bautzener Landkreis das Motto der Friedensrichter. Die 57-Jährige ist seit fünf Jahren als Friedensrichterin in der Großgemeinde tätig.

Als sie dieses Ehrenamt antrat, wusste sie, worauf es vor allem ankommt: aufs Zuhören. Zuhören und darauf, im gemeinsamen Gespräch Lösungen für einen Streitfall zu finden. Das seien die Grundprinzipien des Friedensrichters, beschreibt es die Ottendorferin, deren Amtszeit Ende dieses Jahres ausläuft. Wer wie sie im Job mit Moderation, Mediation und Konfliktverarbeitung zu tun hat, der hat per se gute Voraussetzungen für eine solch ehrenamtliche Funktion.

Regine Wolff arbeitet im Landesamt für Schule und Bildung, ist dort Koordinatorin für Inklusion. In ihrer Sprechstunde, die sie allmonatlich im Rathaus abhält, werden Nachbarschaftsstreitigkeiten verhandelt. Wolff betont, „dass da keine Urteile gefällt, sondern Lösungen gesucht werden“. Lösungen, mit denen beide Parteien leben können. Eine verträgliche Einigung halt.

Ab wann ist der Rasenmäher zu laut?

Da ist Einfühlungsvermögen und Lebenserfahrung gefragt, wenn sich beispielsweise ein Zwist darum dreht, ob und wie störend Äste eines Baumes sein können, die aufs eigene Grundstück hineinragen oder ab wie viel Dezibel man von ruhestörendem Krach bei einem Rasenmäher sprechen kann. Was Regine Wolff seit Beginn der Pandemie registriert hat, ist, dass das Home-Office-Dasein manchen für Probleme im nachbarschaftlichen Umfeld sensibilisiert hat. Denn, so Wolff: „Da fallen einem Dinge auf, die man sonst nicht mitbekommen hat, weil man im Büro arbeitete.“

Eine Hand voll Fälle seien es in Ottendorf-Okrilla jährlich, die sie schlichte. Schlichten heißt in dem Falle, dass auch ein Protokoll verfasst wird. Das ist dann der Punkt, an dem ein Friedensrichter wie Regine Wolff sagen kann: Geschafft. Einen Vergleich herzustellen, den sie gemeinsam mit den zerstrittenen Parteien vereinbart hat, ist das Ziel. Klar hat sie auch schon erlebt, dass so ein Schlichtungsverlauf ohne Ergebnis endet. Dann wird weiter gestritten, womöglich vor Gericht.

Was viele ebenfalls nicht wissen, ist, dass ein getroffener Vergleich „für beide Parteien bindend ist“. Heißt: Eine Schlichtung beim Friedensrichter gilt 30 Jahre lang, hat eine vollstreckbare Wirkung. Woran man erkennt, dass das Friedensrichter-Ehrenamt ein fester Bestandteil der Rechtsordnung ist, zu den Pflichtaufgaben der Städte und Gemeinden in Sachsen gehört.

Allerdings findet sich für diese Aufgabe nicht immer jemand. So müssen sich im Bautzener Landkreis einige Kommunen einen Friedensrichter teilen, erzählt Bernhard Toffel. Der 72-Jährige war 15 Jahre Friedensrichter in Göda, ist Mitglied im Bund Deutscher Schiedsmänner und -frauen (BDS) und Vorsitzender der Bautzener BDS-Bezirksvereinigung. Toffel weist darauf hin, dass viele immer noch nicht wüssten, welche Aufgaben ein Friedensrichter überhaupt habe. Da herrsche, so Toffel weiter, mancherorts Aufklärungsbedarf.

In der Gemeinde Ottendorf-Okrilla habe man bisher immer genug getan, um dieses Ehrenamt für die Bevölkerung transparent zu machen, findet Regine Wolff, die aber auch davon erzählt, dass dennoch manch einer nicht wisse, ob und wann ein Gang zum Friedensrichter ratsam sei. So schreibt der Gesetzgeber bei manchen Delikten wie Sachbeschädigung oder Beleidigung erst einmal eine Schlichtung vor, bevor es vor den Kadi geht.

Die Ottendorferin erzählt von „Tür-und-Angel-Gesprächen“, den sogenannten „Gartenzaungesprächen“. Beratungsgespräche, die im Übrigen unentgeltlich seien. Bei Streitigkeiten unter Nachbarn könne ein klärendes Gespräch in ruhiger Atmosphäre mit einer neutralen Schiedsperson einiges unkomplizierter klären als eine straff-organisierte Gerichtsverhandlung. Kommt es zu einer Schlichtung, sind die Kosten überschaubar. Rund 60 Euro seien das, so Bernhard Toffel. Wie die geteilt werden, handeln die Parteien aus.

Ihre Tätigkeit als Friedensrichterin betrachtet Regine Wolff auf jeden Fall als Zugewinn für ihre Persönlichkeit. Und ja, eine weitere Amtszeit könne sie sich gut vorstellen. Aber das entscheide die Gemeinde, so die 57-Jährige. Und es hängt auch davon ab, wie viele sich noch für dieses Ehrenamt in Ottendorf-Okrilla interessieren. Die nächste Sprechstunde von Friedensrichterin Regine Wolff findet am Dienstag, 19. Oktober, von 17 bis 18 Uhr im Ratssaal des Rathauses in Ottendorf-Okrilla statt.