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Ottendorfer Waldbesetzer bleiben hartnäckig

Die jungen Leute wollen über den Winter in ihrem Camp bei Ottendorf ausharren. Sie fordern einen Stopp der Rodungen.

Mehrere junge Leute leben derzeit in einem Camp in der Lausnitzer Heide bei Würschnitz. Sie protestieren gegen die Erweiterung des Kiesabbaus in der Region.
Mehrere junge Leute leben derzeit in einem Camp in der Lausnitzer Heide bei Würschnitz. Sie protestieren gegen die Erweiterung des Kiesabbaus in der Region. © Archiv: Norbert Millauer

Ottendorf-Okrilla. Graue Wolken, in den vergangenen Tagen Nieselregen, dazu Temperaturen um zehn Grad. Kein Wetter, um im Freien zu übernachten. Doch die rund 20 jungen Leute, die in der Laußnitzer Heide, in der Nähe des Kiestagebaus Würschnitz I, in provisorischen Baumhäusern leben, wollen sich von der Kälte nicht vertreiben lassen. Seit Mitte August wohnen sie in Baumhäusern, nur mit Planen gegen Regen und Wind geschützt. „Nein ans Aufgeben denken wir nicht“, sagt eine junge Frau, die sich Esche nennt. „Wir bleiben, auch über den Winter“, sagt sie.

Heizen? Nein, das sei in den provisorischen Hütten nicht möglich. Jeder müsse darauf achten, dass es nicht reinregnet und es möglichst winddicht ist, fügt eine weitere junge Frau hinzu, die sich Erle nennt. „Gegen die Kälte helfen nur dicker Schlafsack und viel heißer Tee.“

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Die jungen Leute haben ein Waldstück besetzt, um damit gegen den Ausbau der Kiestagebaue im Waldgebiet zwischen Ottendorf und Würschnitz zu protestieren. „Wir wollen nicht, dass der Wald hier gerodet, ein intaktes Ökosystem zerstört wird“, sagt ein junger Waldbesetzer. Darüber hinaus gehe es ihnen darum, auf die schädlichen Auswirkungen des Baubooms und die zunehmende Versiegelung von Flächen generell aufmerksam zu machen. „Wir müssen mehr gegen den Klimawandel tun. Es muss beispielsweise eine Bauwende geben, hin zu ökologischerem Bauen. Die kleinen Maßnahmen bringen zu wenig“, sagt er.

Um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen und mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, hatten sie am Montag zum Runden Tisch in der Nähe ihres Camps eingeladen. Mit dabei waren neben einigen Waldbesetzern der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und die Bürgerinitiative „Contra Kiesabbau“. Sachsenforst als Waldeigentümer und das Kieswerk Ottendorf waren ebenfalls eingeladen, fehlten aber.

Das Kieswerk plant, den bestehenden Tagebau Würschnitz I um rund 129 Hektar zu erweitern. Außerdem soll später der neue Tagebau Würschnitz II eröffnet werden. Dem würden noch einmal 134 Hektar Wald zum Opfer fallen. Allein das entspräche einer Fläche von 187 Fußballfeldern.

Elisabeth Lesche von der Bürgerinitiative „Contra Kiesabbau“ im Gespräch mit Waldbesetzern und Anwohnern. Das Treffen fand in der Nähe des Besetzercamps statt.
Elisabeth Lesche von der Bürgerinitiative „Contra Kiesabbau“ im Gespräch mit Waldbesetzern und Anwohnern. Das Treffen fand in der Nähe des Besetzercamps statt. © Kristin Richter

Laut Holger Oertel vom Nabu ist bei der Genehmigung der Tagebauerweiterung gegen geltende Vorschriften verstoßen worden. „Die Auffüllung des alten Kiestagebaus mit Bauschutt hat gravierende Auswirkungen auf das Wasser in Bächen und Flüssen. Es wird unter anderem mit Salzen belastet. Das bringt Tier- und Pflanzenarten in Gefahr“ sagt er. Aus dem Grund hatte der Nabu Sachsen Beschwerde bei der Europäischen Kommission wegen angeblichen Verstoßes gegen EU-Recht eingereicht. „Eine Antwort liegt uns noch nicht vor. Wir werden erneut nachfragen.“

Außerdem befürchten die Naturschützer, dass durch die geplanten Tagebauerweiterungen alte Wälder sowie Quell- und Moorgebiete durch den großflächigen Kiesabbau in der Radeburg-Laußnitzer Heide in Gefahr sind. „Derzeit wird vom Kieswerk Ottendorf ein hydrologisches Gutachten erarbeitet, das die Auswirkungen auf die gesamte Region untersucht. Sobald es fertig ist, werden wir uns das Papier genau ansehen und gegebenenfalls reagieren.“

Einen weiteren Ansatzpunkt sieht der Nabu im laufenden Planfeststellungsverfahren für Würschnitz II, das wegen Verfahrensfehlern neu aufgerollt werden musste. Die Pläne sollen noch in diesem Jahr oder 2022 ausgelegt werden. Dann können Verbände, Institutionen und Privatleute ihre Hinweise und Einwände abgeben.

„Auch hier werden wir genau hinschauen.“ Anders als die Waldbesetzer will der Nabu den neuen Tagebau Würschnitz II nicht komplett verhindert. „Wir könnten mit einem kleineren Abbaugebiet mit einer Größe von 44 Hektar leben, so wie es die Landesdirektion vorgeschlagen hat. Jetzt sind 134 Hektar geplant. Das ist völlig überdimensioniert.“

Der Tagebau Würschnitz I soll erweitert werden. Das wollen die Waldbesetzer verhindern.
Der Tagebau Würschnitz I soll erweitert werden. Das wollen die Waldbesetzer verhindern. © Kristin Richter

Gravierende Mängel im Genehmigungsverfahren, Ungenauigkeiten und Verstöße sieht auch Elisabeth Lesche von der Bürgerinitiative „Contra Kiesabbau“. „Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, beispielsweise wichtige Angaben zum Grundwasser herauszubekommen. Wie tief liegt die Sole im Bereich des neuen Tagebaus? Wer hat die Daten erhoben? Bis zu welcher Tiefe soll Kies abgebaut werden? Bürgerbeteiligung sieht anders aus“, sagt Lesche, selbst Inhaberin eines Planungsbüros.

Nach ihren Angaben wurden auch mehr Bäume gefällt, als vorgesehen. „Die Trasse für das Förderband ist an einigen Stellen breiter als geplant. Außerdem wurden Bäume noch vor wenigen Tagen, also in der Vogelschutzzeit, gefällt“, sagt sie. Das weist das Kieswerk Ottendorf zurück. „Derzeit werden von uns keine Rodungen durchgeführt“, teilt das Unternehmen mit. Man sei nicht Eigentümer des Waldes. Zu Arbeiten von anderer Stelle könne nichts gesagt werden.

Gegen einen Dialog mit Bürgern habe das Unternehmen nichts. „Grundsätzlich stehen wir einem konstruktiven Austausch offen gegenüber“, teilt Geschäftsführer Thomas Gruschka mit. „Aus diesem Grund haben wir auch dem Camp vor rund zwei Wochen einen Besuch abgestattet und uns dort persönlich vorgestellt. Zudem haben wir den Aktivisten ein Gespräch angeboten, das jedoch ohne Nennung von Gründen abgelehnt wurde.“

Am Runden Tisch am Montag hätte das Kieswerk durchaus teilgenommen, so der Geschäftsführer. „Mehrfach haben wir schriftlich nachgefragt, wie das Gespräch ablaufen soll, welche Themenschwerpunkte behandelt werden, wer dieses moderieren und vor allem, wer genau daran teilnehmen wird. Leider haben wir auf unsere Fragen keine ausreichenden Antworten erhalten.“ Eine Teilnahme sei aus Sicht des Unternehmens deshalb wenig sinnvoll erschienen.

Sachsenforst hingegen sieht eine Teilnahme am Runden Tisch nicht für erforderlich an. „Wir sind kein Adressat der Proteste. Wir stehen als Vertreter des Flächeneigentümers, des Freistaates, mit den Protestierenden in regelmäßigem direktem Austausch, sodass derzeit kein weiterer Klärungsbedarf besteht“, sagt Sachsenforstsprecher Renke Coordes.

„Eine Einladung zu dem gestrigen Treffen haben wir im Übrigen nicht erhalten“, erklärt er. Rodungen in dem Gebiet während der „Brut- und Setzzeit“ seien Sachsenforst nicht bekannt. „Gegebenenfalls beziehen sich die Aussagen auf Rodungen zur Anlage der Bandtrasse. Die fanden aber entsprechend der behördlichen Vorgaben außerhalb der Brut- und Setzzeiten statt“, sagte er.

Sachsenforst werde die Protestaktion weiterhin beobachten. Gegenwärtig seien keine weiteren Schritte vorgesehen. Die Waldbesetzer werden jedenfalls auch in den nächsten Wochen genau hinschauen, wo weitere Bäume gefällt werden. Sie laden alle Unterstützer ins Camp ein. Es soll auch Ort für Gespräche sein. Unterstützung jeglicher Art sei ausdrücklich erwünscht, sagen sie.

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