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200 neue Arbeitsplätze im berühmten Laborgebäude

Dort, wo einst Aspirin, Sacharin, Indigoblau in Radebeul entstand, werden High-Tech-Firmen einziehen.

Das Wappen mit dem Destillationsgerät im Sandstein über dem Hauptportal zeigt an: hier ist ein Labor. Das Gebäude an der Meißner Straße 35, einst die Zentrale der von Heyden Pharmaproduktion, soll bis April bezugsfertig sein.
Das Wappen mit dem Destillationsgerät im Sandstein über dem Hauptportal zeigt an: hier ist ein Labor. Das Gebäude an der Meißner Straße 35, einst die Zentrale der von Heyden Pharmaproduktion, soll bis April bezugsfertig sein. © Norbert Millauer

Radebeul. Die beiden Männer sind schier verzückt, wenn sie mit den Händen über alte Eichenzargen von Türen, über ehemalige Laborschränke und Metallsäulen streichen. „Es ist mehr als Sanieren, es ist schon auch Liebhaberei“, sagen Klaus Voigt und Wolfgang Thiele. Die beiden, der eine Anwalt, der andere Geschäftsführer der BIAG-Gruppe, die die Hellerauer Werkstätten saniert hat und vermietet, haben vor gut zwei Jahren die industriell geschichtsträchtigste Immobilie von Radebeul gekauft.

In der Meißner Straße 35 war der Ursprung der Pharmaindustrie von Radebeul und großen Teilen Dresdens. Hier erfand der Chemiker Friedrich von Heyden (1838-1926) die Synthese von Salicylsäure, die Grundlage für die weltweite Aspirinproduktion. Von Heyden ließ hier eine ganze Fabrik errichten. An diesem Standort wurden auch die Grundlagen für den Zuckerersatz Sacharin und das Indigoblau erfunden. Später nutzten den Standort die Madaus-Brüder zur Pharmaproduktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Areal zum Arzneimittelwerk Dresden (AWD), einem der führenden Produzenten im gesamten Ostblock.

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Der Anblick des Gebäudes von der Meißner Straße aus. Die Fassade wurde komplett saniert.
Der Anblick des Gebäudes von der Meißner Straße aus. Die Fassade wurde komplett saniert. © Norbert Millauer

Diesen Teil des von der Treuhand zerschlagenen AWD-Komplexes erwarben erst Degussa, dann die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann. Weil weder Degussa noch die Strüngmanns mit dem Gebäude etwas anfangen wollten, blieb es seit Mitte der 1990er-Jahre ungenutzt.

Wolfgang Thiele sagte kurz nach dem Kauf: „Wir haben die Räume in dem gut erhaltenen Gebäude zumeist so vorgefunden, wie sie 1995 verlassen wurden.“ Nicht nur, dass die kompletten Leitungsstränge, Laborschränke und Destillationsanlagen vollständig erhalten sind. Auch Schreibtische mit Papieren und Zeitungen von damals lagen noch herum.“

Die beiden Investoren sehen in der Einrichtung des Gebäudes einen besonderen Schatz, den sie erhalten wollen. Laborschränke sollen zu Teeküchen umfunktioniert werden, Möbel, Türen, Fenster werden aufgearbeitet. Beim Gang durch die vier Etagen zeigt sich, was bisher schon alles geschah.

Vor allem bei der Grundsubstanz - Dach, Wände, Keller, Leitungen sind neu gedeckt, neu verputzt und verlegt. Geholfen haben beim Aufarbeiten der Fenster zum Beispiel die Radebeuler Lebenshilfe-Werkstätten. Die hiesige Tischlerei Naumann saniert aufwendig die alten Laborschränke. Der einheimische Experte aus der Schloss- und Beschlagsschmiede, Roberto Weigel, wird Teile für die Treppengeländer nachfertigen. 10.000 Quadratmeter Putz sind neu, ein Hektar, sagt Voigt und zeigt, wo die LED-Leuchtbänder im Treppenhaus eingearbeitet werden sollen. Hightech und das Erhalten von solider Laborgeschichte - beides wird in dem Haus eine Symbiose ergeben, die nicht nur ein normales Bürohaus entstehen lässt.

Grundsolide Möbel aus vergangenen Laborjahrzehnten fliegen nicht auf den Sperrmüll, sondern bekommen neue Funktionen - etwa in einer Poststation am Liefereingang. Darüber werden gerade die Metallsäulen für große Balkone auf der Südseite gesetzt. Auf dieser Seite muss eine Zufahrtsstraße komplett neu angelegt werden. Drunter verlaufen Leitungen für die benachbarte Fabrik von Arevipharma. Kein einfaches Stück Arbeit. Stellplätze wird es etwa 120 auf dem zusammen 2.500 Quadratmeter großen Grundstück geben. „Gerade lösen wir die Aufträge für die Außenanlage an der Westseite des Gebäudes aus“, sagt Thiele, der viel Erfahrung auf dem Gelände in Hellerau gesammelt hat.

Auf der Rückseite wird der Eingang für die Mitarbeiter der Firmen sein, hier werden die Balkone angebaut.
Auf der Rückseite wird der Eingang für die Mitarbeiter der Firmen sein, hier werden die Balkone angebaut. © Architekturbüro Müller + Müll

Ein Garten, auch mit Wasserideen unter Verwendung der ehemaligen Laborbecken, soll an der Westseite angelegt werden. Dort, wo das sein wird, steht schon ein gerettetes historisches und wieder aufgearbeitetes Zaunstück, welches mit weiteren Teilen die Anlage bald rahmt.

Voigt und Thiele wollten das Haus eigentlich Ende 2020 bezugsfertig haben. Ging nicht. Einige der Baufirmen hatten coronabedingt Ausfälle. Wir liegen etwa drei Monate im Verzug, sagt Thiele. Das neue ehrgeizige Ziel der beiden heißt 1. April. Zu diesem Termin gibt es bereits Mietverträge. Das schwedische Telekommunikationsunternehmen Ericsson will hier mit seinem deutschen Ableger sein 5-G-Labor einrichten und eine ganze Etage mit 500 Quadratmetern beziehen. Ebenso die Rosen AG aus der Schweiz, die hier Software entwickeln will. Eine Firma, die weltweit Pipelines reinigt, auf Schäden analysiert und in Dresden bereits ein Unternehmen gekauft hat und in dessen Nähe sein möchte.

Auch andere Firmeninhaber haben offenbar erkannt, dass an der Meißner Straße 35 in Radebeul nicht nur ein fabelhaftes Gebäude hergerichtet wird, sondern die nahe Autobahn, der Flughafen, die Technische Universität ein passendes Umfeld sind. Thiele: „Wir sind zu 80 Prozent schon vermietet. Auf der Liste stehen bereits weitere Interessenten.“ Rund 500 Quadratmeter von insgesamt knapp 2.600 sind noch zu haben. Die Mietpreise variieren zwischen sechs und 12,50 Euro - je nach Lage im Haus.

Die Investoren Klaus Voigt (links) und Wolfgang Thiele an einem der einstigen Laborschränke, die zur Teeküche werden.
Die Investoren Klaus Voigt (links) und Wolfgang Thiele an einem der einstigen Laborschränke, die zur Teeküche werden. © Norbert Millauer

Ein Vermietungsstand, der auf mindestens 200 neue Arbeitsplätze in Radebeul schließen lässt. Was wiederum die Stadtoberen freut. Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos): „Das ist eine wunderbare Abrundung der neuen Entwicklungen auf dem Arevipharma-Gelände. Hier wird verantwortungsvoll und mit Liebe auch zum Detail Radebeuler Pharmageschichte baulich bewahrt. Unsere Standortinvestitionen an der Forststraße haben sich ausgezahlt.“

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Das Kompliment geben die beiden Investoren nicht nur an die Stadt zurück, welche in Sachen Baugenehmigungen schnell und hilfreich agiert habe. Wie auch die Sparkasse Meißen als Kreditgeber - die ursprünglich geplanten 3,5 Millionen Euro werden nicht reichen. Und nicht zuletzt die Mitarbeiter der unteren Denkmalbehörde, die sich offenbar freuen, dass hier zwei am Werk sind, die - auch wenn es teuer ist - ein Faible für Erhaltenswertes haben. Lediglich davon, dass die eichenen Türzargen im abgeschliffenen und dann so lackierten Zustand besser aussehen, als grün überstrichen, wie einst, davon wollen Voigt und Thiele die Denkmalfachleute noch überzeugen.

Im Treppenhaus ist eine Galerie mit den berühmten Personen des Labors geplant.
Im Treppenhaus ist eine Galerie mit den berühmten Personen des Labors geplant. © Norbert Millauer

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