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Bauern und Bürger entfremden sich

Die Landwirtschaft sorgt für Ernährungssicherheit, doch niemanden scheint‘s zu interessieren.

Nachdem in den vergangenen beiden Jahren, bedingt durch Hitze und mangelnden Niederschlag, nur wenig Heu gemacht worden ist, laufen jetzt allerorten, wie hier auf diesem Feld bei Radebeul, die Pressen. Und obwohl die Arbeit der Bauern entscheidend für di
Nachdem in den vergangenen beiden Jahren, bedingt durch Hitze und mangelnden Niederschlag, nur wenig Heu gemacht worden ist, laufen jetzt allerorten, wie hier auf diesem Feld bei Radebeul, die Pressen. Und obwohl die Arbeit der Bauern entscheidend für di © Arvid Müller

Eigentlich sollte Eberhard Bröhl ja vor der Bürgerakademie in der Coswiger Börse sprechen, aber der Vortrag musste ausfallen. Weil das Thema „Die Landwirtschaft in Sachsen im Licht aktueller Diskussionen. Überdüngung, Massentierhaltung und Pestizide“ zu interessant ist, um es dabei zu belassen, fragte die SZ nach.

Herr Bröhl, Sie führen aus, dass die Landesfläche von Sachsen 1,8 Millionen Hektar groß ist. Die Hälfte davon, nämlich 908.000 Hektar wird landwirtschaftlich genutzt, als Acker oder als Grünland. Weniger als ein Prozent ist Brache. Wäre es nicht sinnvoll, nach mehr als 150 Jahren intensiver Nutzung mehr Brachen anzulegen, um den Böden die Chance zu geben, sich zu erholen, zumal es heißt, dass wir nur 20 Prozent unserer Felder brauchten, um uns zu ernähren?

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Wenn wir davon ausgehen, dass wir bis 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Erde sein werden, dann brauchen wir für ihre Ernährung eine Leistungssteigerung in der Landwirtschaft von 70 Prozent, und dazu brauchen wir auch unsere fruchtbaren Flächen. Natürlich wäre es zu überlegen, wo man stilllegt und wo man intensive Landwirtschaft betreibt. Intensive Landwirtschaft heißt ja nicht zwangsläufig, dass die Natur ausgebeutet wird, wie immer fälschlich angenommen wird.

Noch einmal nachgefragt: Wäre es nicht sinnvoll, mehr als ein Prozent der Flächen in Sachsen zumindest zeitweise still zu legen, damit sich die Böden erholen können?

Das wäre schon sinnvoll. Aber Sie müssen bedenken, dass 60 Prozent der Flächen, die die Bauern bewirtschaften, gepachtetes Land sind. Die Verpächter wollen dafür Geld sehen. Und das kann der Landwirt nur bezahlen, wenn er aus den Flächen einen Ertrag erzielt. Der Freistaat Sachsen kann nicht alles abgelten, was notwendig wäre, um den Landwirt zu ernähren, deshalb erhält er ja jetzt schon Ausgleichszahlungen, auch wenn er alle seine Flächen bearbeitet.

Sie erklären, dass es in Sachsen 500.000 Rinder, 635.000 Schweine, 7,3 Millionen Hühner, 14.000 Schafe und 13.000 Pferde gibt. Das kann man in Großvieheinheiten pro Hektar umrechnen. Der Viehbesatz in Sachsen beträgt 0,4 in den Altbundesländern aber bis zu drei Großvieheinheiten, die von einem Hektar ernährt werden müssen. Woher kommen diese enormen Unterschiede?

Mit der Wende ist die Tierproduktion hierzulande faktisch zusammengebrochen, weil unsere Tiere niemand haben wollte. Salopp gesagt: Sie sind in die alten Bundesländer verscherbelt worden. Seitdem haben die Bauern ihre Tierbestände massiv abgebaut. Hinzukommen die niedrigen Fleischpreise, von denen ein Betrieb nicht mehr leben kann.

Es heißt, dass Landwirtschaft ein Stoffkreislauf sein soll, also beides - Pflanzenanbau und Tierhaltung – braucht. Wie stellt sich dies derzeit in Sachsen dar?

Wenn es keinen organischen Dünger aus der Tierhaltung gibt, muss man auf mineralischen Dünger setzen. Daraus ergibt sich für den Ökolandbau ein gravierendes Problem: Dort sollen keine mineralischen Dünger eingesetzt werden, wenn es aber immer weniger Stalldung gibt, fehlt den Ökobauern eine entscheidende Grundlage für das Pflanzenwachstum.

Nur sechs Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Sachsen betreiben Ökolandbau. Im Westen liegt der Anteil etwa drei Mal so hoch. Warum ist er bei uns so verschwindend gering?

Man muss das Ganze historisch einordnen: Anfang der 1990er Jahre hatten wir gerade einmal 5.000 Hektar Ökolandbau. Nun liegt unsere Zielstellung bei 20 Prozent der Fläche, so wie es auch die neue Förderperiode der EU fordern wird. Das wären am Ende einmal mehr als 180.000 Hektar. Aber die Umstellung von konventioneller auf Öko-Landwirtschaft ist ein ziemlich schwieriger und langwieriger Weg. Der Bauer muss damit zurechtkommen, dass er keine chemischen Pflanzenschutzmittel und keine mineralischen Dünger mehr einsetzen darf.

Die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft geht immer weiter zurück. Hat 1949 ein Beschäftigter zehn Menschen ernährt, so sind es heute 140. Es wird immer schwieriger, junge Menschen für landwirtschaftliche Berufe zu begeistern. Warum ist das so?

Die Arbeitszeiten in der Landwirtschaft sind nicht jugendfreundlich. Wenn es nötig ist, wenn etwa die Ernte eingefahren werden muss, dann wird auch schon mal von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durchgearbeitet. Außerdem bewegen sich die Einkommen in der Landwirtschaft immer noch im Bereich des Mindestlohnes und darunter, weil die Bauern einfach nicht mehr zahlen können.

Die Landwirte stöhnen unter immer neuen Auflagen und Vorschriften, sie ersticken förmlichen unter einem bürokratischen Wust. Damit sollen u. a. der Schutz von Boden und Wasser erreicht werden, das Sterben von Insekten, Kleinsäugern und Vögeln in der Feldflur. Aber das Ganze funktioniert in der Praxis nicht. Was muss sich ändern?

Ich teile Ihre Meinung nicht. Wir haben im Landesamt für Landwirtschaft Foren veranstaltet. Wir hatten Landwirte, Gärtner und Insektenfreunde an einem Tisch. Es gibt Programme des Landes zum Schutz von Tieren und Pflanzen in der Feldflur. Verzichtet ein Landwirt darauf, eine Fläche zu bestellen, erhält er trotzdem eine Ausgleichszahlung, diese wird dann wiederum als Subvention schlecht gemacht.

Nimmt man all diese Zahlen und Entwicklungen zusammen, könnte man sagen, wir sitzen auf einem Pulverfass. Die Ernährungssicherheit wie die Energiesicherheit oder die Landesverteidigung, aber in der Bevölkerung scheint das Interesse dafür kontinuierlich abzunehmen. Wie ist das zu erklären?

Man kann heute sein Brot in der Tankstelle kaufen. Wo die Lebensmittel eigentlich herkommen, interessiert nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung. Was kann man dagegen tun? In anderen Bundesländern wird das Thema Landwirtschaft stärker im Fernsehen aufgegriffen. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, dass sich die arbeitende Bevölkerung stärker für das Thema interessiert, aber generell muss mehr getan werden, damit die Schere zwischen Bauern und Bürgern nicht immer weiter aufgeht.

Bauern und Landwirtschaft tauchen meist nur im Zusammenhang mit Skandalen in der Öffentlichkeit auf. Es gibt in unserer Gesellschaft bislang keine Formate eines Austausches zwischen Landwirten und Bevölkerung. Wie ist das zu ändern?

Dass es keine Formen des Austauschs gibt, ist nicht ganz richtig. Der Bauernverband gibt sich Mühe, auf Kinder und Jugendliche zuzugehen, sie auf die Höfe einzuladen, in die Schulen zu gehen. Es ist eine ganz schwierige Geschichte.

Die Fragen stellte Udo Lemke.

Es ist geplant, dass der Vortrag von Eberhard Bröhl in der Bürgerakademie im November nachgeholt wird.

Dr. Eberhard Bröhl war im sächsischen Landwirtschaftsministerium für den Pflanzenanbau verantwortlich.
Dr. Eberhard Bröhl war im sächsischen Landwirtschaftsministerium für den Pflanzenanbau verantwortlich. © Arvid Müller

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