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Der Mann von der Friedensburg

Multimillionär Oliver Kreider hat ein Buch geschrieben. Sehr freimütig erzählt er aus seinem Leben und wie der gebürtige Hesse Plattenbauten und die Sachsen lieben lernte.

Der Sächsische Weinwanderweg zur Friedensburg, wo Oliver Kreider lebt. Das Grundstück zur Fortsetzung des Weges hat der Stadt Radebeul überschrieben.
Der Sächsische Weinwanderweg zur Friedensburg, wo Oliver Kreider lebt. Das Grundstück zur Fortsetzung des Weges hat der Stadt Radebeul überschrieben. © Norbert Millauer

Radebeul. Wahrscheinlich ist kaum einer der zugezogenen Menschen aus dem Westen der Republik solange im Osten wie Oliver Kreider. Der verschmähten Liebe wegen ist er geflohen. Mit einem für fünf Tage gemieteten Mercedes S-Klasse. Weit über seine finanziellen Verhältnisse und noch vor dem Mauerfall auf dem Weg nach Berlin-West. Transitweg mit peinlich genau einzuhaltenden Vorschriften. Doch alles kam anders.

Heute ist Oliver Kreider wahrscheinlich der reichste Mann von Radebeul. Ihm gehört die Friedensburg. Vor allem über das weithin sichtbare Gebäude innerhalb der Weinberge ist seine Person in der Stadt bekannt geworden. Manche haben dabei erfahren, dass sich Kreider mit der Stadt geeinigt hat und den Wanderweg an der Friedensburg der Stadt überschrieb. 100.000 Euro gibt er dazu, um im Gegenzug Wohnrecht auf der Friedensburg zu bekommen.

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In seinem Buch „Ich habe einen Knall“ schildert Oliver Kreider auch, wie er überhaupt nach Radebeul gelangte und sich jetzt hier wohl fühlt.
In seinem Buch „Ich habe einen Knall“ schildert Oliver Kreider auch, wie er überhaupt nach Radebeul gelangte und sich jetzt hier wohl fühlt. © Peter Redlich

Wer Oliver Kreider in Altkötzschenbroda begegnen sollte, sieht einen eher unauffälligen Mann mittlerer Größe. In Jeans und Hemd, normal eben. Mal ist er mit dem E-Bike unterwegs, mal zu Fuß, mitunter auch in einem besonders extravaganten Auto - ein Porsche, ein Maybach, ein Rolls Royce Cabrio. Schicke Autos zu fahren und diese zu wechseln, ist seine Leidenschaft. Er kann es sich mittlerweile leisten.

Für viele in der Stadt ist er allerdings nicht mehr als der reiche, ominöse Westdeutsche, der eben die Friedensburg mit seinem vielen Geld gekauft hat.

Wer mehr über den Menschen wissen will, der aus 16.000-Seelen-Ort Bürstadt in Hessen stammt, wider Willen Betriebsschlosser gelernt und vornehmlich in Chemnitz sein Vermögen verdient hat, der kann das jetzt in einem Buch nachlesen.

Unsterblich in die Rezeptionistin verliebt

Sehr freimütig erzählt der heute 54-Jährige, wie er damals im Oktober 1989 mit 23 Jahren wegen einer Autopanne in Karl-Marx-Stadt strandete. Dass ihm Leute geholfen haben, die nicht die Hand nach Westgeld aufhielten. Wie er im damals ersten Haus am Platze, dem Hotel Chemnitzer Hof, für zehn Ostmark Jägerschnitzel mit Sättigungsbeilage, Vorsuppe und Nachtisch verspeiste, sich aber dort kein Zimmer leisten konnte und sich unsterblich in Conny von der Rezeption verliebte.

Kreider schreibt von Begegnungen mit den damaligen Stadtgrößen, vom Oberbürgermeister bis zum Chef des Fußballvereins, der seine Spitzenspieler nur vor der Abwanderung in den Westen halten konnte, weil er ihnen neue Westautos versprach. Die ihm dann mit kaufmännischen Geschick, ohne das Geld zur Vorfinanzierung zu haben, der junge Mann aus dem Westen besorgte. Türöffner zu den Schaltstellen im Rathaus waren solche Geschäfte.

Mit Witz und in klar verständlichen Sätzen schreibt Kreider auf, was ihm Alltägliches damals widerfuhr. Von Erlebnissen mit Geschäftsleuten, die die schnelle Mark mit den Ossis machen wollten und dann wieder verschwanden. Anekdote an Anekdote reiht sich in dem 209-seitigen Buch.

Einblicke gewähren vor allem die Kapitel aus den Anfangsjahren seines Ostdaseins. Wie er schildert, was sich damals mit Automaten in Gaststätten verdienen ließ und sich die Zinkeimer voller Kleingeld hinter der Gardine stapelten. Wie er von anderen reingelegt wurde. Dass er kein Fremdsprachengenie ist, diesen Nachteil aber geschickt in einen Vorteil umdrehte.

Kreider erzählt auch, mit welchen Immobiliengeschäften er wirklich schwer reich wurde. Und: Wie er dabei Hochachtung vor den ostdeutschen Plattenbau-Architekten gewann. Störend ist in solchen Abschnitten, dass er mitunter ins Immobiliendeutsch und -englisch verfällt.

In diesen Abschnitten - beim Kaufen und Verkaufen von Tausenden Wohnungen - hätten auch ruhig mehr Schilderungen zu den illustren Geschäftspartnern sein dürfen, denen Otto Normalverdiener sonst nicht begegnet.

Den Rückblick verbindet Kreider mit Menschen, denen er dankbar ist für ihre Hilfe - vor allem den Großeltern, aber auch Geschäftspartnern wie einem Chemnitzer Autohausbetreiber, der ebenso ganz klein begann und noch heute einer seiner engsten Freunde ist. Von einfachen Menschen, einer Rentnerin und einem Messie in seinen vermieteten Wohnungen berichtet Kreider. Und, der Mann von der Friedensburg mischt in seine Schilderungen immer wieder seine eigenen Lebenssichten - manchmal etwas zu ausführlich formuliert - aber ehrlich gemeint.

Oliver Kreider im Gespräch in der Friedensburg Radebeul.
Oliver Kreider im Gespräch in der Friedensburg Radebeul. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Ehrlich sein ist eine seiner Maxime. Ganze Heerscharen von Finanzprüfern sichten jahrein, jahraus seine Akten. Dies verbunden mit der Einstellung, dass sich selbst nach dem tiefsten Niederschlag wieder eine neue Chance bietet, hat Kreider bisher sein Leben gemeistert. „Lebenszeit, die nicht bezahlbar ist“, wie er trotz der Millionen und einer schweren seelischen Krise mit seiner Frau, auch wegen völliger Überarbeitung, feststellen muss.

In seiner inzwischen über 30-jährigen Heimat Sachsen, mit Hartmannsdorf und Radebeul, will er sich noch mehr einbringen. Das neue Ärztehaus an der Güterhofstraße in Radebeul baut er mit seinem Geschäftspartner. Für den Bahnhof Kötzschenbroda will er sich einsetzen. Seine Eltern hat er nach Radebeul geholt.

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Oliver Kreider sagt: Das Buch sei noch längst nicht das Resümee zu seinem Lebensabend. Da komme noch einiges. Wer zumindest das bisherige kennenlernen will, dem sei das Buch mit dem Titel „Ich habe einen Knall“ zu empfehlen.

Erschienen im Verlag DDV Edition, 16,90 Euro, zu kaufen zum Beispiel in den DDV-Lokal-Treffpunkten der SZ.

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