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Die letzte DDR-Sektflasche

Im Weinarchiv von Wackerbarth machten die Kellermeister eine unerwartete Entdeckung. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

Weinküfer Konrad Scheerbaum mit dem seltenen Fund aus dem Weinkeller von Schloss Wackerbarth
Weinküfer Konrad Scheerbaum mit dem seltenen Fund aus dem Weinkeller von Schloss Wackerbarth © Norbert Millauer

Der Karton hatte keinen guten Zustand mehr, war rissig und fleckig. Aber drin steckte etwas, was über die Jahre im Archiv von Schloss Wackerbarth keiner entdeckt hatte: eine Flasche aus braunem Glas. Obendrauf ein typischer Plastikstopfen mit rotem Kopf und einem stabilen Flachdrahtbügel. Genau so, wie der Sekt zu DDR-Zeiten verschlossen wurde.

Das Ungewöhnlichste an der Flasche allerdings - sie hat keins der üblichen Etiketten. Stattdessen ein aufgeklebtes hellbraunes Stück Packpapier. Darauf steht, offenbar mit Bleistift geschrieben: „Die letzte DDR-Flasche“.

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Konrad Scheerbaum, gelernter Weinküfer und seit 1969 auf Schloss Wackerbarth dabei, erinnert sich: „Das muss eine Flasche aus unserem Labor sein. Dort waren drei Frauen ständig damit beschäftigt, den Sekt zu prüfen, Proben aus den Tanks zu nehmen, bevor er abgefüllt wurde.“ Scheerbaum ist sich ziemlich sicher, dass einer der Frauen das ungewöhnliche Etikett mit dem Schriftzug zu verdanken ist. Zumal die Buchstaben eher eine Frauenhand vermuten lassen.

Der erfahrene Weinküfer, der heute eigentlich im Ruhestand ist, führt Besucher durch die Wackerbarth-Weinterrassen und weiß auch noch, wie es damals im Volkseigenen Gut VEG (Z) Weinbau Radebeul zuging. In Sekttanks mit bis zu 100.000 Litern und sechs Atmosphären Druck wurde das begehrte Getränk zum Feiern hergestellt. Täglich verließen bis zu 20.000 Flaschen das Weingut. Heute sind es beim Sekt in der Flaschengärung 250.000 im Jahr. Die Hälfte der Flaschenkisten ging in die damalige Sowjetunion. Riesenlieferungen wurden für Hotels in der DDR abgeholt. Die sogenannten Delikatläden bekamen ihre Kisten. Wackerbarth- und Rotkäppchensekte waren die wesentlichen Hersteller zu DDR-Zeiten.

Vor Konrad Scheerbaum stehen drei Flaschen vom Wackerbarth-Sekt. Eine trägt das Etikett Schloss Wackerbarth und am unteren Rand noch den Aufdruck vom Preis - 23 Ostmark. Die Flasche rechts war das Edelste aus der Radebeuler Produktion, Schloss Wackerbarth mit dem Untertitel Primat, halbsüß, goldene Streifen auf dem Etikett. 33 DDR-Mark mussten dafür hingelegt werden, wenn es den Sekt denn mal kurz vor Weihnachten zu kaufen gab.

Für Otto-Normalbürger war Wackerbarth-Sekt Bückware.Konrad Scheerbaum, der in der Nachbarstadt Coswig lebt, hat die Bilder im Kopf: „In den riesigen Tanks mussten die Hefen ständig gefüttert und am Leben gehalten werden, rund um die Uhr. Zehn 50-Kilo-Säcke mit Zucker zuschütten war normale Arbeit, auch am Wochenende.“ Ständig aufpassen, dass ja kein Schlauch einen Riss bekam. Was aber doch mal passierte. Aber nie ein Tankunglück. „Die Stahltanks stammten aus Sowjetunion, waren zwar außen nicht besonders schön und rosteten, weshalb wir ständig neu streichen mussten, aber sie waren sehr stabil“, beschreibt der Mann, den Weingutdirektorin Sonja Schilg - wegen seiner Kenntnisse - mal den Titel Chefverkoster verliehen hat. Konrad Scheerbaum freut sich drüber und hat die Bezeichnung jetzt sogar auf seiner Jacke gestickt stehen, obwohl es den Titel gar nicht wirklich gibt.

Eine Mitarbeiterin aus dem Labor hat die letzte Flasche beschriftet.
Eine Mitarbeiterin aus dem Labor hat die letzte Flasche beschriftet. © Norbert Millauer

Die in der Dreierreihe dritte Flasche ist genau jene, die jetzt nach 30 Jahren wieder aufgetaucht ist. Wahrscheinlich habe sie die Laborantin damals aus einer Laune heraus so beschriftet. Mit ziemlicher Sicherheit ist sie eine der zwei bis fünf Sektflaschen, die als Rückstellmuster und zur Qualitätskontrolle von der letzten Charge Wackerbarth-Sekt aus der DDR-Produktion aufbewahrt wurden, sagt Wackerbarth-Sprecher Martin Junge. Vermutet wird, dass in der Flasche Sekt mit dem sonst üblichen Etikett namens „Schlossberg Sekt“ ist. 15 Mark der DDR kostete der damals.

Konrad Scheerbaum: „Wir wussten ja zur Wende auch nicht, wie es mit uns weitergeht, wie die Treuhand das Weingut bewertet.“ Aber ein wenig stolz sei er schon, dass er quasi beim Wein Europa schon lange vor der Einheit zusammengeführt habe - nämlich indem Grundweine aus Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien mit Landweinen aus Italien, Frankreich und Spanien in der Radebeuler Sektproduktion vereint wurden. Cuvee sagen die Fachleute dazu.

Die Anlage von Schloss Wackerbarth wurde schließlich dem Freistaat Sachsen nach der Wiedervereinigung zurückübertragen. 2002 hat das Areal eine komplette Modernisierung mit Abfüll- und Veranstaltungshalle, Vinothek und Gasthaus bekommen. Dort, wo Konrad Scheerbaum und seine Kollegen im feuchten und schimmligen Weinkeller - was nicht schlecht als Weinklima ist - am Schichtende immer den Fußboden schrubben mussten, ist jetzt die Veranstaltungstonne des Weingutes. Und direkt neben deren Eingang gibt es eine kleine, fest verschlossene und von einem Gitter versperrte Tür. Dort werden die Schätze von Schloss Wackerbarth aufbewahrt. Die letzte DDR-Flasche und noch viele andere Raritäten aus den letzten Jahrzehnten.

www.schloss-wackerbarth.de

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