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Exkursion im Spitzgrund

Hobby-Geologe und Naturfreund Holger Sickmann führt und man meint, vieles zum ersten Mal zu sehen.

Holger Sickmann zeigt in einem ehemaligen Steinbruch direkt an der Spitzgrundstraße eine alte Kammer mit zentimeterdicker Stahltür. Hier wurden früher Sprengmittel aufbewahrt.
Holger Sickmann zeigt in einem ehemaligen Steinbruch direkt an der Spitzgrundstraße eine alte Kammer mit zentimeterdicker Stahltür. Hier wurden früher Sprengmittel aufbewahrt. © Udo Lemke

Passiert man den Spitzgrundteich, gleich hinter der Spitzgrundmühle am Stadtrand von Coswig, dann führt der Weg links am Gewässer vorbei steil bergan. Oben finden sich ein kleines Plateau und eine große Aussicht auf die Stadt und die gegenüberliegende Seite des Elbtals. Aber hier auf dem Spitzberg ist man schon wieder auf dem Gemeindegebiet von Weinböhla. „Der Spitzberg ist der zweithöchste Berg Weinböhlas mit 206 Metern, der höchste ist die Wettinhöhe mit 211 Metern“, sagt Holger Sickmann. Und: „Sie müssen sich vorstellen, dass der Berg vor 300 Millionen Jahren 1.000 Meter höher gewesen ist.“

Holger Sickmann - er ist Hobby-Geologe, Steinesammler, Naturfreund - ist es gewohnt, in etwas größeren Zusammenhängen und Zeiträumen zu denken. Er erklärt, dass der Taleinschnitt mit der Elbe sinkt, während sich die Hänge heben, so dass jährlich 0,2 Millimeter Differenz entstehen. „Das macht in einer Million Jahren eine Hebung von 200 Metern aus, und eine Million Jahre sind gar nichts.“

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Mini-Minerale zur Altersbestimmung

Holger Sickmann führt durch den Spitzgrund. Im Frühjahr erst war er hier mit der kompletten Gemeindeverwaltung von Weinböhla unterwegs. Sein Ziel ist es, seine Gäste auf die Besonderheiten und Schönheiten der Gegend aufmerksam zu machen, die sich oft erst auf den zweiten Blick zeigen und oft genug nur, wenn man das Wissen hat, sie überhaupt zu sehen. Um ein altmodisches Wort zu nutzen: Es geht um Zugang zur unmittelbaren Heimat. Im vergangenen Jahr ist er vom Landkreis Meißen mit einem Ehrenpreis für sein Engagement ausgezeichnet worden: „Holger Sickmann aus Weinböhla ist ein geachteter Kenner, vor allem des sächsischen Silberbergbaus. In unzähligen Vorträgen und bei Führungen in den Bergwerken Miltitz und Scharfenberg erklärt er anschaulich und spannend sächsische Bergbaugeschichte sowie die Welt der Minerale. Seine detaillierten Kenntnisse sind auch bei Wissenschaftlern gefragt. Sein Werben für einen sorgsamen Umgang mit der Natur ist für viele Menschen Aufforderung, seinem Beispiel zu folgen“, hieß es dazu.

Geht Holger Sickmann auf Exkursion, darf der Hammer, um Gestein zu sammeln, nicht fehlen.
Geht Holger Sickmann auf Exkursion, darf der Hammer, um Gestein zu sammeln, nicht fehlen. © Udo Lemke

Die kleine Exkursion mit Holger Sickmann durch den Spitzgrund führt diesmal nicht unter Tage, aber es gibt auch so viel zu entdecken. Er hebt einen Stein auf und erklärt, dass es sich um Gneis handelt, genauer - wegen der großen Quarzeinschlüsse - um Augengneis. Er erzählt, dass er etwa 500 Millionen Jahre alt ist und viele mikroskopisch kleine Zirkone enthält. „Das Schöne ist, dass dieses Mineral lange radioaktive Zerfallsreihen aufweist, sodass es sich zur Altersbestimmung von Gesteinen verwenden lässt.“ Danach könnten Zirkone drei oder zwei Milliarden Jahre alt sein, bei einem Alter der Erde von etwa 4,4 Milliarden Jahren.

Holger Sickmann führt am Lockwitzbach entlang und erzählt vom alten Karrenweg, an den noch die Steinbogenbrücken erinnern, der einst hinunter ins Tal führte, bevor erst 1934 die daneben liegende Straße gebaut worden ist.

Dazu und zu geologischen Informationen kann der interessierte Wanderer auf diversen Schildern nachlesen, die schon Anfang der 1990er-Jahre im Spitzgrund durch die Interessengemeinschaft Friedewald um Gottfried Tannert aufgestellt worden sind.

Ein Stück den Lockwitzbach aufwärts Richtung Kreyern erklärt Holger Sickmann, was es mit dem Feenloch auf sich hat. Dabei handelt es sich um einen etwa 600 Jahre alten Steinbruch, an dessen Grund sich ein Teich gebildet hat. Und weil von diesem immer wieder Nebel mit ihren flüchtigen, sich wandelnden Gestalten aufstiegen, wurde irgendwann daraus das Feenloch. Abgebaut worden ist Syenit, heute wird er als Monzonit bezeichnet, ein Tiefengestein, das von seinem Aussehen her an Granit erinnert. Und dann kommt sie wieder, eine dieser Feststellungen, mit denen Holger Sickmann für Verblüffung sorgt. Monzonit enthält zwar gerade einmal ein Prozent Titan, weil er aber in solchen Massen vorkommt: „Stehen wir hier auf Millionen Tonnen Titan!“

Der härteste Granit der Welt

Und noch ein Stück weiter bergauf bildet der violett ausgeschilderte Weg, einer der drei Waldwanderwege durch den Spitzgrund, innerhalb eines alten Steinbruchs einen Kreisweg. Hier wartet Holger Sickmann mit einem weiteren Superlativ auf: „Der rote Meißner Granit ist der härteste und witterungsbeständigste Granit der Welt!“ Er zeigt auf Felsen, die kaum Risse und Verwitterungsspuren aufweisen. Allerdings sei er nicht der am billigsten zu habende, fügt er hinzu.

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Dass es Holger Sickmann gibt, hat sich längst in Kindergärten und Schulen von Coswig, Klipphausen und Weinböhla herumgesprochen und er wird oft angefragt, eine Exkursion zu machen. Selbst wenn er mit den Kleinsten unterwegs ist, hat er seinen großen Geologenhammer mit, um ihnen zu zeigen, welche Geheimnisse die Steine bergen.

Auf dem Rückweg nach Coswig führt der Weg wieder am Spitzgrundteich vorbei. Da sitzt sie immer noch, die Schildkröte, der die Kinder jedes Mal, wenn sie sie entdecken, einen Namen geben wollen.

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