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Freigeist und Kulturpreisträger

Komponist und Professor im Ruhestand: Jörg Herchet hatte ein bewegtes Leben. Seine Karriere reflektiert der 77-Jährige erstmals in der SZ.

Verbringt die Corona-Pandemie im Musikzimmer - Komponist Jörg Herchet arbeitet fleißig an neuen Werken.
Verbringt die Corona-Pandemie im Musikzimmer - Komponist Jörg Herchet arbeitet fleißig an neuen Werken. © Arvid Müller

Partituren und Notenhefte stapeln sich auf dem großen, schwarz-glänzenden Flügel. Unzählige CDs und Musikliteratur schmücken die braunen Holzregale im Musikzimmer von Jörg Herchet. Der geborene Dresdner hat sich ein Kleinod im Oberdorf von Weinböhla eingerichtet. Von Ruhestand ist auch im stolzen Alter von 77 Jahren keine Spur. Der Flötist, Cellist, Pianist, Organist, Sänger, Arrangeur, Komponist, Musik-Professor und Autor arbeitet auch während der Corona-Krise unermüdlich weiter. Viele Aufführungen und Auftragsarbeiten stehen in diesem Jahr bevor. Jörg Herchet ist seit der Kindheit einer unsterblichen Geliebten treu geblieben - der Musik.

Aufgewachsen ist Jörg Herchet in bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater war Schlosser und Kraftfahrzeugmeister, seine Mutter Modistin. Sie schickte ihren Sohn schon in jungen Jahren zum Musikunterricht - Blockflöte und Notenlehre. In der Volksmusikhochschule begann Jörg Herchet mit dem Cellospiel. Es weckte in ihm die Liebe zur Musik. Bereits im Alter von zehn Jahren sang der Dresdner im Eingangschor in der Kreuzkirche und wünschte sich, später einmal selbst komponieren zu können. Seine Eltern waren von dieser Idee nicht begeistert. „Besonders mein Vater wollte, dass ich später etwas Handwerkliches mache“, berichtet Jörg Herchet. „Meine Eltern wollten mir Sicherheit geben. Einen Beruf, der ein regelmäßiges Einkommen mit sich bringt.“

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Doch der Wunsch, Musiker zu werden, war groß. So nahm das junge Talent - ohne seine Eltern vorher zu informieren - Klavierunterricht, Gesangstunden und Kurse in Musiktheorie. Jörg Herchet war stolz, denn all diesen Unterricht finanzierte er selber. „Vom ersten bis zum letzten Ferientag habe ich gearbeitet“, sagt der Komponist. „Erst habe ich mit dem Fahrrad Telegramme durch ganz Dresden ausgefahren, danach arbeitete ich als Schaffner im Bus.“ Die Mühe lohnte sich und Jörg Herchet begann bereits im Alter von elf Jahren, eigene Kompositionen für Cello und Orchester zu entwickeln. Nach dem Abschluss der Oberschule entschied er sich für ein Musikstudium.

1962 begann der junge Student, Komposition und Cello an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden zu studieren. Sein erster Lehrer, Johannes Paul Thilman, ein vielfach geehrter Komponist der DDR, mochte Jörg Herchet nicht: „Ich war jung und bin meinem Herzen gefolgt. Das wollte ich in meiner Musik ausdrücken. Thilman sagte nur, dass es keinen Zweck habe, sich mit mir zu beschäftigen.“

Danach wurde der Musiker anderthalb Jahre krank und unterbrach sein Studium. Wieder genesen, bekam er einen neuen Tutor namens Manfred Weiss. Ebenfalls ein geachteter Komponist, aber offener für neue Ideen. Jörg Herchet konnte seiner Musik freien Lauf lassen und bat um eine Aufführung seines neusten Stückes in der Hochschule. Seine Komposition beinhaltete einen Text von Frank Kafka, der im Dezember 1968 vom Zentralkomitee der SED verpönt wurde. Jörg Herchets Aufführung fand im Januar 1969 statt. „Ich habe mein Werk vor Studenten aufgeführt. Aber auch Lehrer und der Parteiapparat der Hochschule waren zu Gast“, erinnert er sich. „Mein Stück wurde verurteilt und ich musste die Schule verlassen.“

Eines seiner Werke wurde im Rahmen der Donaueschinger Musiktage uraufgeführt. Ein ostdeutscher Komponist erlangte in Westdeutschland Anerkennung. Das honorierte auch die DDR. Jörg Herchet erhielt zahlreiche Lehraufträge und wurde nach der Wende zum Professor für Komposition und Analyse in Dresden. 1992 zog er nach Weinböhla und wurde ein Jahr später mit dem Bodensee-Kulturpreis für Musik ausgezeichnet.

Immer wieder wurden seine Werke international aufgeführt, unter anderem in Schweden und Mexiko. 2009 emeritierte der Professor, komponiert aber weiterhin. Aktuelle Aufträge für die Dresdner Staatskapelle, die Linzer Oper sowie für den Erzbischof von Puebla in Mexiko beschäftigen Jörg Herchet jetzt, der gerade auch an seinem vierten Buch arbeitet.

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