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„Ich verkaufe keine Steine“

Holger Sickmann erklärt Bergbaugeschichte, sammelt Mineralien und gibt sein Wissen weiter - dafür ist er jetzt vom Kreis ausgezeichnet worden.

„Das Allerschönste, das gefunden wird, kommt dann in die Schule in die Vitrine“, sagt Holger Sickmann, der oft mit Klassen auf Exkursion geht. Hier zeigt er einen geschliffenen Amethyst aus der Kiesgrube Coswig. Rechts hält er ein sogenanntes Haifis
„Das Allerschönste, das gefunden wird, kommt dann in die Schule in die Vitrine“, sagt Holger Sickmann, der oft mit Klassen auf Exkursion geht. Hier zeigt er einen geschliffenen Amethyst aus der Kiesgrube Coswig. Rechts hält er ein sogenanntes Haifis © Norbert Millauer

Holger Sickmann (55) kennt sich im Kreis Meißen rechts und links der Elbe genauso gut aus, wie über der Erde und unter ihr. Für sein „vorbildliches Engagement zum Wohl der Allgemeinheit“ ist er jetzt mit dem Ehrenpreis des Landkreises Meißen ausgezeichnet worden. In der Laudatio dazu heißt es: „Holger Sickmann aus Weinböhla ist ein geachteter Kenner, vor allem des sächsischen Silberbergbaus. In unzähligen Vorträgen und bei Führungen in den Bergwerken Miltitz und Scharfenberg erklärt er anschaulich und spannend sächsische Bergbaugeschichte sowie die Welt der Minerale. Seine detaillierten Kenntnisse sind auch bei Wissenschaftlern gefragt. Sein Werben für einen sorgsamen Umgang mit der Natur ist für viele Menschen Aufforderung, seinem Beispiel zu folgen.“ Die SZ sprach mit ihm.

Herr Sickmann, Sie sind oft mit Schulklassen oder Kindergartengruppen unterwegs. Wie finden sie Sie?

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Mittlerweile wissen viele Erzieher und Eltern, dass ich so etwas mache. Aber da geht es nicht nur um Mineralien, sondern auch Flora und Fauna, um Pilze, um Naturschutz, um Geschichte und Geschichten.

Hat es überhaupt noch Sinn, mit Kindern auf Exkursion zu gehen, reicht da die Aufmerksamkeit?

Ja, die kann man so was von begeistern, selbst Kindergartenkinder. Auch mit ihnen kann man Steine klopfen, nachdem man ihnen erklärt hat, dass sie sich nicht auf die Finger hauen sollen und die Augen mit einer Brille schützen müssen. Wenn sie dann etwas finden und es glitzert im Stein, dann sind sie begeistert. Oder wenn es beispielsweise um Grafit geht und sie sich heimlich gegenseitig einen Strich ins Gesicht machen, dann ist der Spaß perfekt.

Und bei den Größeren, glauben Sie, dass man die Generation Handy und Computer noch erreichen kann?

Jedes Alter. Egal ob ich es mit Spezialisten aus Freiberg zu tun habe oder mit einer Kindergartengruppe – ich halte ja nie denselben Vortrag, ich mache ja nie dieselbe Führung. Es ist immer auf das Publikum zugeschnitten, und deshalb macht es mir ja auch so viel Spaß.

Aber gibt es nicht auch Schüler, die desinteressiert sind?

Natürlich gibt es die, aber man kann sie interessieren. Ich bin auf eine Exkursion mit einer achten Klasse der Triebischtalschule gegangen, wovon man mir abgeraten hatte. Aber ich habe gesagt: Die Handys könnt ihr gleich anlassen, die brauchen wir noch. Ich habe erklärt, was die Weinbergschnecken für tolle Schnecken sind, weil sie die Eier der Spanischen Wegschnecke fressen. Zuletzt haben die „Rüpel“ jede Schnecke vom Weg gelesen. Und dann haben sie Blumen und Käfer mit ihren Handys in Nahaufnahmen fotografiert, weil das natürlich tolle Bilder ergab, die sie anderen zeigen konnten. Manchmal mache ich Ganztagsexkursionen, sieben Stunden und bis zu 15 Kilometer lang. Mir haben schon Eltern gesagt, dass ihre Kinder keinen Laptop, sondern eine Schleifmaschine haben wollten.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie auf Suche nach Steinen gehen?

Wenn ich auf einem Feld nach Mineralien suche, die der Pflug nach oben gebracht hat, reicht ein kleiner Hammer. Bin ich im Berg, dann brauche ich schon mehr. Einen Klappspaten, einen großen Hammer, ein Brecheisen und natürlich Gummistiefel.

Und nehmen Sie da Leute mit?

Auf Entdeckertour gehe ich meist allein, weil ich mich erst einmal konzentrieren will. Wenn ich etwas Schönes entdeckt habe, dann wird das veröffentlicht und ich mache Führungen dahin. Ich gebe auch Stücke an Museen, ich verkaufe aber keine Steine. Ich mache damit kein Geld, ich mache alles ehrenamtlich.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Mineralien zu sammeln?

Mein Vater hat gesammelt und mich von Anfang an mitgenommen. Gelernt habe ich Porzellangestalter an der Manufaktur in Meißen, wo ich auch bis 1995 gearbeitet habe. Mein Traum als Junge war es, Naturforscher oder Förster oder Binnenfischer zu werden. Aber um das alles zu werden, hätte ich wegziehen müssen – aber ich hänge so sehr an meinem Kreis Meißen, dass ich das nicht wollte. Meine Kenntnisse in Mineralogie und Geologie habe ich mir autodidaktisch angeeignet. Ein Mineralogiestudium an der Bergakademie Freiberg war aus politischen Gründen für mich nicht möglich.

Sie erwähnten die Schleifmaschiene, wie bearbeiten Sie Ihre Fundstücke?

Sie werden erst gesägt mit einem Diamantblatt, und die so entstandene gerade Fläche wird anschließend auf einer Stahlscheibe geschliffen und danach auf einem rotierenden Hartfilz mit Zinnoxid poliert.

Was ist Ihr schönster Fund gewesen?

Nach der Schlammflut 2015 im Triebischtal habe ich im Bett des Kirchsteinbaches ein riesiges Teufelsei - das sind Kugeln aus dem Schmuckstein Jaspis - gefunden. Es ist das größte Teufelsei, das jemals auf der Welt gefunden worden ist, 450 Kilogramm schwer. Ich habe es meiner Geburtsstadt Meißen geschenkt.

Und wie geht es nun weiter?

Jetzt warten wir Corona ab und hoffen, dass es dann weitergeht. Ich habe ja noch verschiedene Ausstellungen, Führungen und Vorträge offen - in der Hafenstraße in Meißen, in der Buschmühle, im Stadtmuseum -, die nachgeholt werden müssen.

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