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Wieder soll ein Haus für Neubauten weichen

Am Augustusweg erregt eine Bauvoranfrage die Gemüter. Erneut soll ein Garten bebaut werden. Der Architekt hat bereits Spuren in Radebeul hinterlassen.

Von Silvio Kuhnert
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Blick auf das Grundstück Augustusweg 68: Wo jetzt noch Rebstöcke wachsen und ein Gartenteich ist, soll künftig ein zweigeschossiger Neubau stehen. Auch das Haus soll durch ein neues Gebäude ersetzt werden.
Blick auf das Grundstück Augustusweg 68: Wo jetzt noch Rebstöcke wachsen und ein Gartenteich ist, soll künftig ein zweigeschossiger Neubau stehen. Auch das Haus soll durch ein neues Gebäude ersetzt werden. © Norbert Millauer

Radebeul. Wenn Herr P.* aus dem Nordfenster seiner denkmalgeschützten Villa am Augustusweg blickt, sieht er Rebstöcke. Zum einen im Garten des Nachbargrundstücks auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zum anderen im nahen Weinberg. Von dort aus ist sein stattliches Gebäude ebenfalls zu sehen. Davon gibt es sogar einen Zwillingsbau an der Hauptstraße. "Sie entstanden zur gleichen Zeit und sehen gleich aus", sagt P. Die Entwürfe stammten vom Radebeuler Architekten Carl Käfer. Dieser war um 1900 einer der produktivsten Häusleplaner in der Lößnitz.

Der Zwillingsbau hat es sogar mehrmals mit Abbildung in die von der Stadt Radebeul herausgegebene "Gestaltungsanleitung Villengebiete Nieder- und Oberlößnitz" geschafft. Hierbei handelt es sich um einen Leitfaden für den Bau neuer Häuser. Darin werden die Architektur der Villa mit Standerker und Terrasse, der dezent rötliche Fassadengrundton sowie der ausgedehnte Garten mit umfangreichem Großbaumbestand positiv hervorgehoben. Bauherren in den Villengebieten sollen sich daran ein Beispiel nehmen. Eins zu eins ist all dies am Augustusweg wiederzufinden. Doch mit dem freien Blick auf die Villa vom Weinberg der Familie Fiedler kann es bald vorbei sein.

Blick auf Villa vom Weinberg futsch

Herr P. bekam einen Schreck, als er jüngst Post aus dem Rathaus erhielt und das Schreiben öffnete. Darin war ein Übersichtsplan der Grundstücke seiner Nachbarschaft enthalten. Sie gehören zu einer Bauvoranfrage für das Anwesen Augustusweg 68, auf das P. von seinem Nordfenster aus blicken kann. Die Umrisse des jetzigen Gebäudes waren weg. Es soll abgerissen werden. Dafür sind die Grundflächen von zwei neuen Häusern eingezeichnet. Eines steht mitten im jetzt noch vorhandenen Garten mit den Weinstöcken und einem Teich. "Sie werden bis zu zehn Meter hoch sein", berichtet P. Damit ist der freie Blick vom Weinberg auf seine denkmalgeschützte Villa futsch.

Vom Weinberg aus und durch den Garten mit Rebstöcken und Teich des Grundstücks Augustusweg 68 ist die Villa auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu sehen.
Vom Weinberg aus und durch den Garten mit Rebstöcken und Teich des Grundstücks Augustusweg 68 ist die Villa auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu sehen. © Norbert Millauer

Die Planzeichnung stammt aus der Feder des Dresdner Büros ZDR Architekten. Dieses hat in Radebeul bereits Spuren hinterlassen. So entwarf es ein modernes Mehrfamilienhaus an der Burgstraße, das mit seinen ausladenden Balkonen und der kantigen Struktur so gut wie keine Anlehnung an die Historie vorhandener Bauten findet. Schon vor Baubeginn im Jahr 2016 erregte der Entwurf die Gemüter.

Beim Blick auf die Referenzobjekte sowie dem Mehrfamilienhaus in der Niederlößnitz lässt P. nichts Gutes ahnen. Er selbst hat seine denkmalgeschützte Villa saniert. "Das war mit viel Arbeit verbunden", berichtet er. Den Aufwand machte er gerne für die Bürger und die Stadt. "Und nun wird gegenüber so etwas hingesetzt", ärgert er sich. Die angedachten Neubauten seien wesentlich höher, als die Häuser unmittelbar drumherum auf der nördlichen Seite des Augustusweges, sagt er.

In der Nähe befinden sich zudem die umstrittenen Neubauten, Augustusweg 78 und August-Bebel-Straße 55, gegen die sich im Herbst 2019 Bürgerprotest formierte. Auf beiden Grundstücken wichen jeweils kleinere Häuser mit reichlich Grün im Garten zwei großen Neubauten. Das hat die bereits laufende Diskussion über Baukultur in der Lößnitzstadt weiter entfacht.

Erste Anfrage abgelehnt

Wie Ulrich Schröder, Leiter des Stadtplanungs- und Bauaufsichtsamtes, informiert, wurde am 18. Juni vorigen Jahres ein Antrag auf Bauvorbescheid zum Neubau von zwei Mehrfamilienhäusern auf dem Grundstück Augustusweg 68 gestellt. Diese Voranfrage hatte zwei Baukörper mit einer Grundfläche von jeweils 150 Quadratmetern, zwei Vollgeschossen und geneigtem Dach zum Inhalt. "Aus bauplanungsrechtlichen Gesichtspunkten war dieser Antrag bereits zulässig, da sich in dem angrenzenden Quartier bereits mehrere Baukörper mit vergleichbarem Maß der baulichen Nutzung befinden", so Schröder. So verfügen beispielsweise die Objekte Augustusweg 64d über 163 Quadratmeter (m²) und einem Vollgeschoss (VG), Augustusweg 76 über 173 m² und zwei VG, Augustusweg 78 über 240 m² und zwei VG, Augustusweg 74a über 146 m² und zwei VG, Augustusweg 74b über 148 m² und zwei VG, Augustusweg 78b über 141 m² und zwei VG sowie Augustusweg 72 über 140 m² und zwei VG.

An der Architektur des Mehrfamilienhauses an der Burgstraße scheiden sich die Geister. Der Entwurf stammt aus der Feder des Dresdner Architekturbüros ZDR.
An der Architektur des Mehrfamilienhauses an der Burgstraße scheiden sich die Geister. Der Entwurf stammt aus der Feder des Dresdner Architekturbüros ZDR. © Norbert Millauer

Der erste Antrag wurde jedoch von der Denkmalschutzbehörde abgelehnt. Daraufhin reichte der neue Eigentümer, wohnhaft in Baden-Württemberg, am 15. Oktober vorigen Jahres eine geänderte Bauvoranfrage, auch Tektur genannt, im Rathaus ein. Nun wurden zwei Baukörper mit jeweils 115 m² Grundfläche, zwei Vollgeschossen und geneigtem Dach beantragt. "Die beantragten Trauf- und Firsthöhen liegen bei 4,37 Meter und 9,93 Meter, gemäß den Antragsunterlagen", informiert Schröder. Bauplanungsrechtlich war die Zulässigkeit erneut gegeben.

Garten ist klassische Baulücke

Wie Schröder über das Grundstück Augustusweg 68 weiter berichtet, handelt es sich hierbei nicht um den Abriss eines kleineren Gebäudes. "Das Bestandsgebäude hat eine Grundfläche von circa 168 m²", so Schröder. Die Ersatzneubauten wurden jeweils nur mit 115 m² beantragt. "Aufgrund der Größe des Grundstückes und der bauplanungsrechtlich zulässigen Baudichte in dem Geviert ist die Errichtung eines zweiten Baukörpers gegeben. Es handelt sich hier um eine klassische Baulücke", erklärt Schröder.

Der zweite Antrag wurde Anfang Dezember 2021 positiv beschieden. Nun können die Nachbarn Stellung zu dem Vorbescheid nehmen. Für Herrn P. ergeben sich noch zahlreiche Fragen. Der Bau einer Tiefgarage wurde nicht beantragt. "Wo sollen die künftigen Bewohner ihre Autos parken? Was wird aus der historischen Grundstücksmauer? Bleibt sie stehen? Und wie werden die beiden Neubauten aussehen?", sind ein paar davon.

Aussehen der neuen Häuser ist noch offen

Den Antrag auf Vorbescheid hat im Auftrag des Eigentümers der Architekt Jörg Düsterhöft gestellt. Er entwarf nicht nur das Mehrfamilienhaus an der Burgstraße in Radebeul, sondern hat bereits für die Landesärztekammer oder die Dresdner Verkehrsbetriebe gebaut. In einem Bauvorbescheid werden grundlegende Dinge geklärt. Es gehe darum, ob ein Gebäude hinsichtlich Breite, Länge und Höhe auf dem Grundstück überhaupt möglich sei, berichtet Düsterhöft. Fragen zur Architektur, Fassade und Aussehen werden erst im Baugenehmigungsverfahren behandelt. Außerdem hat sich der Planer darüber noch keine Gedanken gemacht, genauso wenig dazu, wie viele Wohnungen entstehen werden. Pro Wohneinheit muss ein Stellplatz nachgewiesen werden. Wenn es auf den Grundstücken in der Nachbarschaft Garagen, Carports oder offene Stellplätze gibt, so müssen diese auch diesem Anwesen zugestanden werden, sagt der Architekt.

Herr P. kündigt an, Widerspruch gegen den Bauvorbescheid einlegen zu wollen. "Ich bin nicht der einzige", sagt er, nach Gesprächen mit Nachbarn.

*Name der Redaktion bekannt