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Industrie als Wunderwelt

Die Karrasburg zeigt Arbeiten des Fotografen Michael Lange, die acht Coswiger Betriebe in neuem Licht erscheinen lassen.

Werkhalle in Goldtönen: Diese Aufnahme des Fotografen Michael Lange aus der Walze Coswig ist in der aktuellen Sonderausstellung des Museums Karrasburg zu sehen.
Werkhalle in Goldtönen: Diese Aufnahme des Fotografen Michael Lange aus der Walze Coswig ist in der aktuellen Sonderausstellung des Museums Karrasburg zu sehen. © Michael Lange

Tritt man ein paar Meter von der Wand zurück, dann öffnet sich die Werkhalle, sie wird gleichsam zum Raum ohne Ende, oder anders gesagt, dieses verliert sich im Unbestimmten. Michael Lange aus Quohren bei Kreischa hat diese Fotografie aufgenommen. Wobei Fotografie nicht das richtige Wort für das Bild aus der Walze Coswig ist. Er hat mehrere Fotos übereinander belichtet, Farben verfremdet und Oberflächen verändert. Das Ganze sieht eher aus wie ein fotorealistisches Gemälde, denn wie eine Fotografie. Insgesamt acht Coswiger Betriebe, einer davon, die Tapetenfabrik, existiert nicht mehr, hat Michael Lange für die aktuelle Sonderausstellung im Museum Karrasburg aufgenommen.

„Wir haben Michael Lange 2012 kennengelernt, als er sich von uns Gegenstände für seine großformatigen Fotos für die Sparkasse Meißen mit Motiven aus der Region geliehen hat“, erzählt Evelis Baumann, die Leiterin des Museums Karrasburg. Sie und ihre Kolleginnen waren so angetan von seinen Arbeiten, dass 2017 die Idee entstand, ihn für eine Ausstellung zum sächsischen Jahr der Industriekultur 2020 mit Aufnahmen in Coswiger Betrieben zu gewinnen. Aus den bekannten Gründen kam keine Ausstellung zustande, nun also wird sie nachgeholt.

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Das Museum zeigt neun große Bilder von Michael Lange an den Wänden, und in der Mitte des Ausstellungsraumes steht ein langer Tisch, unter dessen Glasscheibe sowohl historische Fotos aus den Betrieben als auch dokumentarische Aufnahmen von heute und schließlich die künstlerisch gestalteten Fotografien nebeneinanderliegen, so dass sich der Besucher buchstäblich sein eigenes Bild machen kann. Dazu kann man die Geschichte der Betriebe nachlesen und ein Ausschnitt aus dem Stadtplan leitet die Interessierten zu den Standorten.

Eine verfremdete Aufnahme zeigt ebenfalls die große Halle der Walze Coswig (siehe Foto oben). Durch die Braun- und Gelbtöne ist die Härte der realen Situation gemildert. Und durch die Bearbeitung der Oberflächen von Anlagen und Maschinen entsteht fast eine organische Anmutung. Um 1900 gab es in Deutschland die sogenannte Kunstfotografie. Deren Ziel war es, mittels aufwendiger Techniken, wie des Gummidrucks, den Fotografien das Aussehen eines Gemäldes zu geben, um zu beweisen, dass die Fotografie eine Kunstform ist, die der Malerei nicht nachsteht. Aufnahmen, wie die von der Walze besprochene, zeigen eine Nähe zur Kunstfotografie. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Michael Lange benutzt die Fotografie nicht, um Gemälde zu schaffen - auch wenn die Arbeiten teilweise als Industriegemälde bezeichnet werden -, sondern um ihre Grenzen zu verschieben und um ihre Ausdrucksmöglichkeiten mit Mitteln der Bildenden Kunst zu erweitern.

Im Flyer zur Ausstellung formuliert es die Kunstwissenschaftlerin Karin Weber so: „Kein schöpferischer Übermut führt dem Fotografen Michael Lange die Hand und blendet sein Auge, sondern ein intuitives Gefühl für die Stimmigkeit von Komposition und Kolorit! Sensibel entwirft er nahezu romantische Wunderwelten, nicht fernab vom Leben, sondern mittendrin.“

www.karrasburg-coswig.de

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