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Kleingärten als rettende Oase?

Die Annahme, dass besonders junge Familien mit Kindern raus aus den Orten wollen, um ins Grüne zu kommen, trügt. Dafür gibt es andere Phänomene.

„Gleisdreieck 1 e.V.“ in Coswig gehört zu den 127 Kleingartensparten im Kreis. Sie bieten Tausenden Familien Erholung.
„Gleisdreieck 1 e.V.“ in Coswig gehört zu den 127 Kleingartensparten im Kreis. Sie bieten Tausenden Familien Erholung. © Symbolbild/Norbert Millauer

Dass die Gartensparten in Coswig, Radebeul und Weinböhla neue Pächter gewonnen und sich der Leerstand verringert hat - das ist ein Trend, der schon vor Jahren eingesetzt hat. Der leider im vergangenen Jahr verstorbene Vorsitzende des Kreisverbandes der Gartenfreunde Meißen e.V., Günther Queißer, hatte schon 2016 in der Sächsischen Zeitung davon gesprochen, dass es Zuzug aus Dresden ins Kreisgebiet gibt, „weil dort alle Kleingartensparten voll belegt sind“.

Im Kreisverband - er umfasst das Gebiet des Altkreises Meißen, dazu Radebeul und ein paar Stückchen des Altkreises Dresden-Land - sind derzeit insgesamt 127 Kleingartenvereine mit aktuell 4.936 Parzellen zusammengeschlossen. Sie bewirtschaften immerhin 187 Hektar Land. In Meißen gibt es danach 50 Kleingartenanlagen, in Coswig und Weinböhla jeweils 21, in Radebeul 13, in Nossen sieben, in Radeburg und Moritzburg jeweils drei und in vier weiteren Gemeinden weitere neun.

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Die Frage liegt nahe, ob sich dieser Trend zum Kleingarten, insbesondere aus Dresden heraus, nicht noch in den letzten Monaten verstärkt hat, insbesondere bei jungen Familien, die monatelang im Lockdown mit ihren Kindern auf ihre Wohnung zurückgeworfen worden waren?

Pachtnomaden unterwegs

Wolfgang Röhr, der stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbandes der Gartenfreunde Meißen, erklärt: „Nein, für Meißen nicht. Radebeul ist sehr stark nachgefragt. Bei Weinböhla und Coswig ist die Nachfrage nicht anders als in anderen Jahren.“ Auf die Frage, ob dies so ist, weiß er keine Antwort. „Es gibt ja noch einige leer stehende Gärten im Kreisgebiet.“

Auf Nachfrage bei Frank Hellinger, der der Gartensparte Gleisdreieck 2 in Coswig vorsteht, gibt es einen Erklärungsversuch. „Die Anlagen sind gut belegt, und bei den Gärten, die noch frei sind, stehen keine Lauben drauf und die will keiner haben. Die, die sich jetzt interessiert hatten, wollten alle fertige Gärten haben.“

Harald Gabel von der Kleingartensparte „Blühendes Land“ in Coswig macht noch einen anderen Grund aus. Zwar habe sich die Nachfrage nach Parzellen gegenüber den Vorjahren gehäuft, „aber ich sage gleich am Anfang, dass wir keinen Stromanschluss haben und deshalb werden wir immer weniger Pächter“.

Er erklärt sich die Situation darüber hinaus so, dass die meisten Freizeitgärten haben wollten, aber das lasse das Bundeskleingartengesetz nicht zu. „Sie wollen den Garten als Spielfläche für die Kinder haben. Sie wollen Übernachtungsmöglichkeiten, so Richtung Wochenendgrundstück. Es sind 90 Prozent der Anfragenden, die so denken. Wir müssen aber das Bundeskleingartengesetz einhalten, um unsere Gemeinnützigkeit nicht zu verlieren. Das Gesetz schützt uns ja.“ Man dürfe pro Parzelle nur 24 Quadratmeter überdachter Fläche haben. Solch eine Laube eigne sich aber nur mal zum Übernachten für ein, zwei Nächte. Es dürfe auch keinen Wasseranschluss geben, weil damit schon wieder Abwasser anfallen würde. Die Vermutung, dass sich Kleingärten als rettende Oase in der Viruskrise erweisen - diese Vermutung trifft also scheinbar nicht zu.

Dafür berichtet Wolfgang Röhr, der stellvertretende Kreischef, von einem anderen Phänomen: „Wir haben es zurzeit mit einer Klientel zu tun, die wir nicht in den Griff kriegen. Es gibt Leute, die bewerben sich um einen Garten. Dann wird ein Jahr nur gefeiert, es wird nichts angebaut, alles ist liederlich. Diese Leute verschwinden dann wieder und lassen die Gärten vermüllt zurück. Wir haben zurzeit keine Handhabe, um sie dazu heranzuziehen, dass sie das wieder in Ordnung bringen. Das ist unser Problem.“ Analog zu den Mietnomaden auf dem Wohnungsmarkt könne man diese Leute als Pachtnomaden im Kleingartenwesen bezeichnen.

Wieso es dagegen keine Handhabe gebe, lautet die Frage. Weil es die gesetzlichen Bestimmungen nicht zuließen. „Wir haben den Präsidenten des Landesverbandes bei uns gehabt, wir haben die Rechtskommission und den Rechtsanwalt des Landesverbandes dagehabt. Es ist ganz, ganz schwierig, solchen Leuten das Handwerk zu legen. Die Gartennomaden würden hauptsächlich in Meißen auftreten, aber es habe auch Fälle in Coswig und Weinböhla gegeben - „aber dort hält es sich in Grenzen“.

Steffen Hommel von der Sparte „Erholung“ in Weinböhla sieht in den falschen Gartenfreunden kein neues Phänomen. Es habe sie schon immer gegeben, der Unterschied sei, dass jetzt versucht werde, gegen sie vorzugehen. „Das liegt bei 5.000 Pächtern im Kreis Meißen im Promillebereich. Er könne sich vorstellen, dass ähnlich wie bei einer Mietwohnung bei der Pachtung eines Kleingartens eine Kaution hinterlegt werden könnte, die es erst zurückgeben würde, wenn der Garten abgenommen worden sei.

Und dann blickt Steffen Hommel auf das Jahr zurück: „Ich bin der Landesregierung sehr dankbar, dass sie den Besuch des Kleingartens nie infrage gestellt, sondern ihn ihren Verordnungen quasi als systemrelevant bezeichnet hat.“ Das empfinde er als große Würdigung. Nicht, dass viele neue Familien zu den Pächtern dazu gekommen seien, kennzeichne die Situation. Sondern, „dass tausende Familien in der Pandemiezeit ihre Gärten nutzen konnten“.

So gesehen, sind sie schon so etwas wie eine rettende Oase gewesen.

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