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„Deshalb brauchen wir Live-Kultur“

Der Weinböhlaer Musiker Julian Wolf schreibt über seine Erlebnisse beim Radebeuler Kultur-Wochenende. Samstag und Sonntag hat er live gespielt.

Hat endlich wieder Live-Auftritte: Gitarrist und Komponist Julian Wolf spielte am Sonntag im Rahmen der Weinberg-Kultour auf dem Weingut Hoflößnitz in Radebeul.
Hat endlich wieder Live-Auftritte: Gitarrist und Komponist Julian Wolf spielte am Sonntag im Rahmen der Weinberg-Kultour auf dem Weingut Hoflößnitz in Radebeul. © Arvid Müller

Von Julian Wolf

Die Gaststätten und Kneipen füllten sich schnell am Samstagabend auf dem Dorfanger in Radebeul. Schon von Weitem konnte man den Gesprächen der Gäste lauschen, die sich über die Normalität in der Krisenzeit freuten. Angekommen am Kulturamt der Stadt, sah ich eine etwa zweimal drei Meter große Bühne aus Holz. Später wurden noch die Kabel verlegt. Der Techniker fragt mich, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte und musste lächeln. So sieht also mein Berufsleben als Gitarrist aus. Kurz hatte ich vergessen, wie das alles geht.

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Vorsichtig holte ich meinen Verstärker aus dem Koffer, steckte das Kabel hinein und schloss meine Gitarre an. Der Anger in Altkötzschenbroda füllte sich und Punkt 18 Uhr begann ich damit, mein knapp einstündiges Musikprogramm dem Publikum zu präsentieren. Ungewohnt, Menschen ohne Maske vor mir stehen und sitzen zu haben. Sie hören interessiert zu, vereinzelt wird getanzt, das Publikum applaudiert. Was für eine schöne Erfahrung.

Auch zuvor am Radebeuler Kultur-Bahnhof sowie auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Niederlößnitz sorgten meine Musikerkollegen für Stimmung mit ihrer Live-Musik. Für einige war es der erste Auftritt seit den Lockerungen im Sommer dieses Jahres. Der langersehnte direkte Kontakt mit anderen Menschen und der spirituelle Austausch mit dem Publikum hatte ihnen genauso gefehlt wie mir. Doch war das alles auch etwas fremd. Zwar beherrschen wir unsere Instrumente weiterhin, doch an den ganz normalen Konzertablauf müssen wir uns noch ein wenig gewöhnen.

Beleuchtete Häuser auf dem Anger in Kötzschenbroda, eine Besonderheit der Kultour-Aktion.
Beleuchtete Häuser auf dem Anger in Kötzschenbroda, eine Besonderheit der Kultour-Aktion. © Peter Redlich

Das Publikum dagegen - und das wurde am vergangenen Wochenende wirklich deutlich - konnte es nicht erwarten, endlich wieder unterhalten zu werden. Zum Glück sorgten die Zuhörer und Zuschauer für eine Atmosphäre, die uns Mut und Freude machte. Klatschen, Jubel, Tanz, Lächeln, Zusammenhalt, Begeisterung und Gänsehautstimmung herrschte auf dem Dorfanger, wo in den Monaten zuvor lediglich gähnende Leere war. Wohl nicht umsonst betitelte die Kulturamtsleiterin Gabriele Lorenz die Veranstaltungen am Wochenende als „Karawane der Lebenslust“. An Lebenslust hat es den Radebeulern wahrlich nicht gefehlt.

Mit diesen ganz positiven Eindrücken im Hinterkopf und dem vollen, beleuchteten Dorfanger vor meinem geistigen Auge, standen die Konzerte der Weinberg-Kultour am Sonntag auf dem Programm. Diesmal wechselte ich nicht die Weingüter, sondern blieb den ganzen Nachmittag auf dem Weingut Hoflößnitz zu Gast. Diesmal machte auch das Wetter mit, sodass gleichermaßen Künstler und Publikum die Musik im Ambiente über Radebeul genießen konnten. Auch hier herrschte reges Begängnis und Interesse an Live-Kultur. Applaus und Hutspenden zeigten uns Musikern und Künstlern einmal mehr, wie sehr man uns vermisst hatte.

Das Verlangen nach Kunst und Kultur, verbunden mit der Solidarität des Publikums habe ich bereits im letzten Jahr erleben dürfen und bin sehr froh darüber, dass dies weiter anhält. So überwältigend waren die Reaktionen der Zuhörer, dass ich meine anfänglichen Bedenken nach langer Pause wieder live zu spielen, über Bord warf.

Sollte man einmal die Stimmung im Corona-Lockdown und die am vergangenen Wochenende in Radebeul vergleichen, könnte man einen großen Musiker unseres Landes, Herbert Grönemeyer, doch direkt zitieren: „Ein Land ohne Live-Kultur ist wie ein Gehirn ohne geistige Nahrung, ohne Euphorie, Aufbruch, Lust, Diskurs, Lachen und Tanz.“

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