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Leben mit dem Alarm

Feuerwehrmann Jens Ruppert dokumentiert 30 Jahre lang Einsätze in Meißen und Umgebung. Jetzt legt er die Dienstkamera weg.

Von Ines Luft
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Feuerwehrmann Jens Ruppert mit seinem Boot für die Elbe. Wenn er nicht mehr schnell zu Einsätzen muss, bleibt für das Hobby mehr Zeit.
Feuerwehrmann Jens Ruppert mit seinem Boot für die Elbe. Wenn er nicht mehr schnell zu Einsätzen muss, bleibt für das Hobby mehr Zeit. © Norbert Millauer

Meißen. Es beginnt und endet mit einem Brand. Bei Jens Rupperts Leidenschaft kommen Lösch- und Pressearbeit zusammen. Feuerwehrdokumentation heißt das, was den studierten Bauexperten (56) 30 Jahre lang in und um Meißen intensiv beschäftigt hat.

Als die Sächsische Zeitung kurz nach der Wende im Jahr 1991 freie Mitarbeiter sucht, die Bilder und Texte liefern können, wird der gebürtige Meißner aufmerksam. Er fühlt sich gut ausgerüstet, mit Lust und Liebe für diesen Job, einer Ausbildung zu Armeezeiten als Wiedergabetechniker und seiner Spiegelreflexkamera mit Zoom, die er sich für 850 D-Mark leistet. Das erste Zeitungsfoto: ein übergelaufener Müllcontainer auf der Gabelstraße in der Kreisstadt.

Kurz darauf führt ihn die auffällige Wasserspur eines Tanklöschfahrzeugs zur Meißner Feuerwehr und zu deren Chef Günther Meyer. Willst du bloß Fotos machen oder gleich selbst bei uns mitspielen, habe der gefragt. Jens Ruppert will dabei sein. Dienst und Ausbildung auf der Wache folgen, der erste Einsatz: Ein Trabiwrack unter der Meißner Straßenbrücke löschen. Das hast du zwar noch nie gemacht, aber hier kann nichts schiefgehen, habe ein älterer Kamerad ihn ermuntert.

Beim Abzug der sowjetischen Truppen 1991 kam es in Meißen zu einem Panzerbrand.
Beim Abzug der sowjetischen Truppen 1991 kam es in Meißen zu einem Panzerbrand. © Jens Ruppert

Als ein Russenpanzer brennt

Dass er dem Strahlrohr viele Jahre treu bleiben wird, hat Ruppert da noch nicht geahnt. Später wird er sich jedoch noch entscheiden müssen bei der Frage: Löschen oder Fotos machen?

Bleiben werden drei Jahrzehnte voller Erinnerungen an nervenaufreibende, traurige, aber auch merkwürdige Erlebnisse. Einen brennenden Russenpanzer - wie 1991 beim Abzug der Sowjetstreitkräfte - auf der Meißner Fabrikstraße/Ecke Güterbahnhof wird es vermutlich nie wieder geben. Eher schon so etwas wie 1995 die Pkw-Bergung aus der Elbe, das gestohlene Fahrzeug sollte im Fluss entsorgt werden.

Beinahe jede Woche bringt neue Herausforderungen. Am 1. Mai 1995 drei Brände in einer Nacht - Brandstiftung in leer stehenden Gebäuden samt Nebengelass. 1996 wird es auf dem Meißner Weihnachtsmarkt brenzlig. Nach Marktschluss entwickelt sich ein Feuer, ausgerechnet in einer Hütte mit Propangasflaschen. Die Wehr ist schnell, der rechtzeitige Hinweis auf die Gasflaschen sehr wichtig. So brennt zwar das Büdchen ab, doch Personen kommen nicht zu Schaden.

Katze im Fenster eingeklemmt

Auch da hilft die Feuerwehr - diese Katze konnte aus ihrer eingeklemmten Lage befreit werden.
Auch da hilft die Feuerwehr - diese Katze konnte aus ihrer eingeklemmten Lage befreit werden. © Christoph Ruppert

Wohin eine absurde Heizidee führen kann, erfahren die Feuerwehrleute 2008 auf der Meißner Neugasse. Um seine Füße zu wärmen, stellt ein frierender Mann ein Bügeleisen auf sein Bett. Im Schlaf stößt er es um, das Bett entzündet sich. Zum Glück ist die Wehr wieder rasch vor Ort, der Mann wird nur leicht verletzt. Auch manches Tier verdankt sein Wohlergehen der Feuerwehr. Wie 2008, als ein Kätzchen durch ein angekipptes Fenster klettern will, aber steckenbleibt. Das laute Miauen macht Anwohner aufmerksam, die alarmieren die Wehr - sie befreit den Stubentiger.

Die Auswirkungen eines Einsatzes im Jahr 2009 sind da gravierender. Ein Pkw rast gegen eine Gasverteilerstation auf der S 177 zwischen Meißen und Wilsdruff. Derart heftig, dass er die ganze Station verschiebt, Gas tritt aus. Ein anderer Pkw-Fahrer kann den Unfallverursacher aus dem Auto ziehen, bevor es zum Brand kommt. Mehreren Betrieben, darunter Unser Bäcker in Klipphausen, fehlt allerdings nun das Gas: Produktionsstopp für Stunden. 2010 landen gleich zwei Winterdienstfahrzeuge am Dobritzer Berg in einem zugewehten Graben, können sich nicht selbst befreien. Erst mithilfe der Feuerwehr gelingt das nach mehreren Anläufen.

Ein Feuerteufel war unterwegs

Einer der verheerendsten Brände im Elbland: Hoch loderten 2017 die Flammen beim Coswiger Lackhersteller Herlac.
Einer der verheerendsten Brände im Elbland: Hoch loderten 2017 die Flammen beim Coswiger Lackhersteller Herlac. © Jens Ruppert

Das Jahr 2017 wird unter anderem durch die Explosion eines Wohnhauses in Weinböhla bekannt. Die Auslöser: Haarspray und ein Föhn. Die Folgen: Zwei Verletzte, Totalschaden am Haus. Es wird am selben Tag abgerissen. Nicht der einzige denkwürdige Einsatz des Jahres, zahlreiche Brände verlangen den Feuerwehren des Landkreises alles ab.

Im Februar 2017 geht das Vereinshaus von Motor Sörnewitz in Neusörnewitz in Flammen auf. Kurz darauf lodern beim Lackhersteller Herlac in Coswig ebenfalls die Flammen. Bis zu 35 Meter hoch. Einer der gefährlichsten Brände, die er erlebt hat, sagt Jens Ruppert. Fässer voller Lacke und Farben brennen, die große Hitze zwingt die Löschteams zum Abstandhalten, sie müssen nicht zuletzt den herumfliegenden Fassdeckeln ausweichen. Erst nach Stunden haben sie das Feuer im Griff.

Schon seit 2016 halten besonders viele und große Brände sie in Atem: Unter anderem im November 2016 an einem Einfamilienhaus-Rohbau in Neusörnewitz, es folgen die Halle eines Getränkehandels, kurz darauf das Motor-Vereinshaus, schließlich die Herlac-Lagerhalle, dann eine Landmaxx-Halle in Coswig sowie eine Halle von Hülsbusch in Weinböhla. Wenige Monate darauf, im Februar 2018, erneut Großalarm. Diesmal geht es um den Gartenfachmarkt Dehner in Brockwitz, gleich am nächsten Tag brennt es beim WHG Holzfachmarkt in Kötitz.

Wieder geben die Retter ihr Bestes, kämpfen dazu gegen Frost und Eis. Trotzdem fressen die Flammen einen Teil des Dehnermarktes, wüten auch bei der WHG vernichtend. Die Ermittler arbeiten mit Hochdruck an der Tätersuche. Ein 24-Jähriger gesteht später die Brandstiftung beim Holzhandel, weitere Brände, wie an der Hülsbusch-Halle, können ebenfalls aufgeklärt werden.

Obwohl Jens Ruppert - verheiratet, zwei Kinder - all die Einsätze ruhig und präzise beschreibt, lassen seine Erinnerungen die Anstrengungen der Rettungskräfte erahnen. Auch beim Bericht über seine letzten Arbeitsstunden für die Feuerwehrdokumentation, als im September letzten Jahres in Radeburg ein Dachstuhl brennt. Bis zu 100 Retter, selbst aus dem Nachbarlandkreis Bautzen, gehen gegen den Brand vor. Doch der Dachstuhl ist nicht zu retten, das Geschoss darunter nicht mehr bewohnbar, Löschwasser bis ins Erdgeschoss gelaufen.

Sehr gefährlich: Ein Pkw fuhr 2009 in eine Gasverteilerstation auf der Wilsdruffer Straße. Auto und Station brannten.
Sehr gefährlich: Ein Pkw fuhr 2009 in eine Gasverteilerstation auf der Wilsdruffer Straße. Auto und Station brannten. © Jens Ruppert

Nachfolger wird noch gesucht

Nach dem Einsatz verabschiedet sich der inzwischen in Weinböhla Wohnende von den Kameradinnen und Kameraden anders als sonst. Nicht bis zum nächsten Mal. Lange hat er überlegt, wann er seiner liebsten Freizeitbetätigung Adieu sagen soll. In Radeburg legt er seinen Feuerwehrhelm zum Blaulicht eines Einsatzfahrzeuges. Beendet so seinen Dienst für Wehr und Dokumentation nach drei Jahrzehnten.

Ganz loslassen wird ihn das Thema nicht. Dem Brandschutz bleibt er treu: als Beauftragter im Landratsamt. Doch künftig wird er nicht mehr bei jedem Sirenenton alles liegen und stehen lassen und zum Brand- oder Unfallort eilen. Jetzt will er sich mehr der Familie und dem Garten widmen. So manchem wird er fehlen, als zuverlässiger Berichterstatter - immer erreichbar, aufmerksam und seriös.

Noch gibt es keinen Nachfolger, aber die große Hoffnung, dass sich jemand findet, der das weiterführt und dabei auf eine schnelle, ausgewogene und sachliche Arbeit achtet. Wie Jens Ruppert, der manches Foto wieder gelöscht hat, weil unzumutbare Details ebenso wenig etwas in der Öffentlichkeit zu suchen haben wie Bilder, die Betroffene diskriminieren könnten. Jens Ruppert hofft, dass sich wieder jemand begeistern kann für diesen Job. Mit viel Liebe zu Strahlrohr und Kamera.