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Lockt der Lockdown mehr Ganoven?

Was die Ermittler der Kriminalaußenstelle Meißen aufdecken und jetzt anders machen müssen.

Jürgen Leistner leitet die Kriminalaußenstelle der Polizeidirektion Dresden in Meißen. Seine 25-köpfige Mitarbeitermannschaft hat im Vorjahr so einigen schweren Ganoven das Handwerk legen können.
Jürgen Leistner leitet die Kriminalaußenstelle der Polizeidirektion Dresden in Meißen. Seine 25-köpfige Mitarbeitermannschaft hat im Vorjahr so einigen schweren Ganoven das Handwerk legen können. © Norbert Millauer

Radebeul. Sind Lockdown und längere Dunkelheit ein Eldorado für Ganoven? Was geht noch mit Hygieneabständen an Ermittlungsarbeit? Was decken die Ermittler der Kriminalaußenstelle (KAST) der Polizeidirektion Dresden im Kreis Meißen auf? Jürgen Leistner, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter der KAST, sagt, was gerade passiert und in den letzten Monaten zum Schutz der Bürger im Kreis Meißen erreicht wurde.

Herr Leistner, was ist anders an der Kriminalität in Corona-Zeiten?

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Es sind weniger Menschen auf der Straße. Es gibt weniger Grenzverkehr. Manche Täter aus dem Ausland - Thema Kfz-Diebstahl - kommen nicht mehr so leicht in unsere Gegend. Fahrzeugdiebstahl ist im Kreis stark zurückgegangen. Es gibt auch weniger Einbrüche in Einfamilienhäuser und Wohnungen, weil sich mehr Leute zu Hause aufhalten. Reisende Täter sind weniger bei uns, weil sie Schwierigkeiten haben, die Straftaten zu begehen. Weil Läden geschlossen sind, gibt es viel weniger Ladendiebstähle.

Was macht die längere Dunkelheit aus?

Mit der Zeitumstellung hat bisher immer die Zahl der Einbrüche zugenommen. Eben in dieser Zeit am späten Nachmittag oder in den Morgenstunden, wenn die Leute noch nicht zu Hause sind. Nur schwer einsehbare Terrassentüren, Schuppen mit abgestellten teuren E-Bikes sind dabei gezielt Einbruchsorte.

Was waren die wesentlichen Erfolge Ihrer 25-köpfigen Mannschaft 2020?

Die aufgeklärten Brandserien von Coswig, Meißen und bei Riesa gehören dazu. Die Gerichtsverhandlungen dazu laufen gerade. Es gibt aber auch einige weniger an die Öffentlichkeit gelangte Delikte, die wir aufklären konnten. Zum Beispiel Geldfälschungen. Wir konnten von einem Tatverdächtigen aus dem Kreis Meißen DNA-Spuren sichern und die Ergebnisse gerade an die Staatsanwaltschaft übergeben. Zum Tötungsdelikt von Großenhain haben wir gemeinsam mit dem Revier die erste Sicherung vorgenommen, alle wesentlichen Erkenntnisse gesammelt und an die Mordkommission in Dresden übergeben.

Bei uns wurden und werden Sexualdelikte - auch im Bereich Kinderpornografie - bearbeitet. Vom Bundeskriminalamt kommen dazu Hinweise zu uns, wenn Verdächtige aus dem Kreis Meißen, etwa in Whatsapp-Gruppen, auftauchen. Dann führen wir Durchsuchungen durch und stellen Handys und Datenträger sicher.

Nimmt diese Art von Kriminalität zu?

Ja, das ist so. Die Ermittlungen wurden effektiver. Mehr Täter werden von Spezialisten aus den USA und dem Bundeskriminalamt bekannt. Uns betrifft es dann, wenn Täter aus bestimmten Gruppierungen aus unserem Landkreis stammen. Manchmal ist es auch der Internetanschluss der Oma, der missbraucht wird und wir müssen feststellen, wer wirklich der Täter ist. Zum Sichtbarmachen der Daten arbeiten wir mit Spezialfirmen zusammen, die auch gelöschte Daten wieder hervorholen. Dazu läuft derzeit eine Vielzahl von Verfahren bei der Staatsanwaltschaft.

Umgekehrt haben wir hier im letzten Jahr auf aus anderem Anlass konfizierten Handys Chatgruppen zu Sexualvergehen festgestellt. Das sind schnell mal 50 bis 60 Adressen. Dazu bereiten wir die ganzen Anzeigen vor und informieren die Dienststellen, wo die möglichen Täter wohnen. Von dort tragen wir wieder erste Ermittlungen zusammen. Immens viel Arbeit meiner Kollegen.

In Sachen Rauschgift gab es voriges Jahr einen bisher wenig bekannten Erfolg der Kriminalaußenstelle?

Ja, es gab über mehrere Jahre eine Ermittlungsgruppe. Die Täter waren im Bereich Coswig, Radebeul und Dresden aktiv und haben im großen Stil mit Cannabis gehandelt und den Rauschgiftmarkt bestimmt. Dabei wurden auf Schulhöfen oder davor Drogen an Jugendliche verkauft. Uns ist es gelungen, von Mittätern Aussagen zu bekommen, die Stück für Stück soweit von meinen Kollegen zusammengetragen wurden, dass wir bis in die Hierarchie ganz nach oben vordringen konnten. Tatverdächtige, die hier im Kreis Meißen ansässig waren und hier agierten. Südosteuropäer, die auch gegenüber ihren kleinen Dealern nicht zimperlich vorgegangen sind, wenn nicht eine bestimmte Menge Rauschgift in einer bestimmten Zeit verkauft wurde. Allein bei einer Festnahme wurden 50 Kilogramm Cannabis vorgefunden. Kein kleiner Fang. Den Obersten der Organisation konnten wir im letzten Jahr mit Zielfahndern in Südosteuropa festnehmen und hierher überführen lassen. 2020 lief dazu die Gerichtsverhandlung in Dresden über viele Tage. Für die Haupttäter gab es sieben Jahre, für weitere Täter und vier Jahre Gefängnisstrafe. Ein großer Erfolg in unserer Arbeit.

Für Vernehmungen gibt es jetzt einen extra Raum mit Glasscheibe, Abstand und Maske.
Für Vernehmungen gibt es jetzt einen extra Raum mit Glasscheibe, Abstand und Maske. © Norbert Millauer

Wie kompliziert sind Vernehmungen in Corona-Zeiten, mit Abstand und Hygieneregeln?

Wir haben nach wie vor Publikumsverkehr. Mit Zeugen, mit Geschädigten, Tatverdächtigen müssen wir selbst sprechen. Dafür haben wir uns ein extra Zimmer eingerichtet. Dort gibt es eine Glasscheibe als Abtrennung. Maske wird getragen und der Raum selbst befindet sich in der Nähe eines separaten Zugangs, sodass die Bürger nicht durch den Haupteingang und das ganze Haus laufen müssen.

Betrüger, die Corona ausnutzen, sind derzeit besonders aktiv. Was kann die Polizei dagegen unternehmen?

Das sind derzeit leider die Klassiker - vorgetäuschte Notfälle, die älteren Bürgern am Telefon geschildert werden. Wo der Enkel schwer erkrankt ist und dringend Geld für ein teures Medikament bräuchte. Oder ein Unfall, für den der Verwandte im Gefängnis sitzt und eine Kaution gezahlt werden müsse. Corona wird derzeit gezielt ausgenutzt, um vor allem ältere Menschen zu bewegen, größere Summen Geld zu übergeben.

Es fällt dabei auf, dass die Betrüger zumeist ein bestimmtes Gebiet abgrasen. Offenbar agieren sie mit Telefonbuchdaten immer zu einem bestimmten Bereich. Das kann mal im Erzgebirge sein, dann wieder im Kreis Meißen oder in Dresden. Im jeweiligen Gebiet mehren sich dann die Betrugsversuche eine bestimmte Zeit.

Mittlerweile sind die Senioren allerdings fitter. Die Medien wie die Sächsische Zeitung haben viel Aufklärungsarbeit geleistet, und auch bei den Banken wird öfters nachgefragt, wenn Rentner plötzlich große Summen Geld abheben wollen.

Wir wollen vor allem weiter warnen: Auch wenn die Telefonanrufer versuchen, die kontaktierten Senioren permanent am Telefon zu binden - kein Staatsanwalt oder Kripobeamter wird je nach Vermögen fragen oder zur Geldübergabe animieren. Jeder sollte bei seinem Enkel anrufen, auch wenn vorgegaukelt wird, dass dieser gerade in einer Zelle sitzen würde oder im Krankenhaus auf der Intensivstation liege.

Was nehmen Sie und Ihre Mitarbeiter sich 2021 vor?

Zum Thema Rauschgifthandel wollen wir weitere Strukturen feststellen, aufklären, Durchsuchungen erwirken und Festnahmen erreichen. Im Brandgeschehen werden wir sehr engagiert dranbleiben. Seit den letzten Festnahmen ist das Geschehen in dem Bereich stark zurückgegangen. Zum Jahreswechsel gab es eine Vielzahl von Sprengstoffdelikten, bei denen Zigaretten- und Fahrkartenautomaten gesprengt wurden. Dazu konnten wir sehr schnell ermitteln und Tatverdächtige festnehmen. Ich habe hier in der KAST Ermittler, die sind im positiven Sinne sehr penetrant - gehen Klingelputzen und fragen alle Leute in der Umgebung, und letztlich ergibt das meist ein Puzzle mit Ergebnissen.

Was wollen Sie vor allem den Bürgern sagen, damit Verbrechen verhindert und aufgeklärt werden?

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Bei Straftaten, die bemerkt werden, schnell mal das Handy zücken und auch aus der Ferne ein Foto machen. Generell aufmerksam sein - etwa wenn im Wohngebiet plötzlich Leute auftauchen, die da nicht hingehören und vielleicht an Türen klingeln, schnell das Revier oder die 110 anrufen. Lieber einmal mehr. Sich Kennzeichen merken, wenn komische Leute auftauchen. Solche Beobachtungen können uns bei der Ermittlung sehr helfen.

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