merken
PLUS Radebeul

200 Jahre „Mohrenhaus“

Im Dresdner Stadtarchiv stieß der Leiter des Museums Hoflößnitz, Frank Andert, auf die Akte zu einem Konflikt ums Mohrenhaus vor 200 Jahren, der ihm mit Blick auf eine aktuelle Kontroverse denkwürdig erscheint.

Anlass und Ausgang des geschilderten Rechtsstreits vor 200 Jahre lassen sich, wenn man so will, auch als Gleichnisse lesen: Wer über althergebrachte Wege Gräben gräbt, muss mit Protest rechnen und umgehen.
Anlass und Ausgang des geschilderten Rechtsstreits vor 200 Jahre lassen sich, wenn man so will, auch als Gleichnisse lesen: Wer über althergebrachte Wege Gräben gräbt, muss mit Protest rechnen und umgehen. © Norbert Millauer

Am 26. Juni 1821 ging beim Hospitalamt zu Dresden eine Klage von 56 Einwohnern der Gemeinde Kötzschenbroda ein, gerichtet gegen den „Kaufmann Pilgrim, Weinbergsbesitzer in Kötzschenbrodaer Flur“. In der Begründung holten die Kläger weit aus: „Bereits im Jahre 1487 rügte die hiesige Gemeinde das Recht der Benutzung sämmtlicher in ihrer Flur gelegenen Weinbergsgassen“, das seither immer aufs Neue bestätigt worden sei. Es erlaube der Gemeinde „die Benutzung und Behüthung der Weinbergsgassen, so weit die Grenzen der Kötzschenbrodaer Flur reichen“, und zwar „frei, öffentlich und ungehindert zum Fahren mit beladenen und unbeladenen Wagen, auch Schiebeböcken und zum Gehen, so wie zur Huthung für das Vieh und Gräserei“.

Es umfasse von alters her auch die „von der Viehtrebe (!) nach den Kuttenbergen (!) und dem Friedewalde zu führende Weinbergsgasse“, die zwei Grundstücke des Kaufmanns Pilgrim trenne. Trotzdem habe dieser es „neuerlich unternommen, an den beiden Enden derselben und queer über selbige Gräben aufzuwerfen und auf diese Art das Fahren über jene Gasse und den Gebrauch unserer sonstigen Rechte widerrechtlich zu hemmen“. Dies möge ihm von Amts wegen bitte untersagt werden, und zwar mit Auflage der Wiederherstellung des alten Zustandes bei Androhung von 20 Talern Strafe.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Was war geschehen? Am 19. Oktober 1819 hatte Ludwig Pilgrim, Kaufmann aus Leipzig, für 3500 Taler „den in den Fluren des Dorfes Kötzschenbroda, unter der Gerichtsbarkeit E(ine)s. Wohllöbl(ichen). Materni-Hospital-Amts zu Dresden gelegenen Weinberg Forchheim, gemeiniglich die Mohrenhäuser genannt,“ sowie „die jetzt zu diesem Weinberg gehörigen, unter der Jurisdiktion Es. Wohllöbl. Justiz-Amts zu Dresden gelegenen zwey walzenden Stücken Lehden, die Mohrenköpfe genannt, mit allen dazu gehörigen Gebäuden, Gärten, Feldern, Gräsereyen und Holzungen (…) sowie allen darauf haftenden Gerechtigkeiten und Beschwerungen“ erworben.

Zwischen beiden Weinbergen verlief nach Ansicht der Kläger eine der altverbrieften Weinbergsgassen, für die Kötzschenbrodaer eine bequeme Abkürzung zur Kottenleite. Pilgrim dagegen betrachtete die seit längerem zusammenhängenden Berge als ein Grundstück und den darüber verlaufenden Weg als sein Eigentum.

Gemeinsam bessere Wege zu bauen, ist allemal fruchtbarer, als sich in der eigenen Stellung einzugraben, so sehr man das Recht oder die Geschichte auch auf seiner Seite zu haben meint.
Gemeinsam bessere Wege zu bauen, ist allemal fruchtbarer, als sich in der eigenen Stellung einzugraben, so sehr man das Recht oder die Geschichte auch auf seiner Seite zu haben meint. © Norbert Millauer

Der Fahrweg nach Lindenau, die heutige Moritzburger Straße, war nur wenige Schritte entfernt. Als „Communicationsweg“ unentbehrlich, wie die Bauern vorbrachten, war die „Gasse“ also nicht. Um „ohne Streit, den er nicht liebt, aus der Sache zu kommen“, hatte Pilgrim der Gemeinde zu Pfingsten 1820 als Ausgleich für das alte Wegerecht eine Summe von 80 bis 90 Talern angeboten und dieses Anerbieten 1821 wiederholt. Zweimal abgewiesen, wandte er sich an das aus seiner Sicht zuständige Dresdner Justizamt. Dieses teilte ihm „nach gepflogener Communication mit der Straßenbaubehörde“ im Juni 1821 offiziell mit, dass der erbetenen Einziehung des Weges keine Bedenken entgegenstünden.

Daraufhin begann Pilgrim mit den Erdarbeiten für die neue Einfriedung. Den Klägern, die von dieser quasi königlichen Erlaubnis nichts wussten oder wissen wollten, ging es jedoch ums Prinzip. Erst kürzlich war den Bauern auf Betreiben einiger Weinbergsbesitzer von Amts wegen untersagt worden, ihre Schafe in den Berggassen zu hüten, was seit 1815 schon für die Rinder galt. Jetzt kam dieser wohlhabende Westsachse und griff erneut in althergebrachte Rechte ein. Das mochten sie nicht erdulden und ließen ihren Anwalt alle möglichen Gründe dagegen ins Feld führen.

Ein Hauptargument war der seit langem schlechte Zustand des Fahrwegs nach Lindenau, wo außerdem gerade eine Röhrwasserleitung verlegt wurde. Bei einem Gütetermin im August machte wiederum Pilgrim einen auf diesen Punkt zielenden Kompromissvorschlag: Als Entschädigung für die Einziehung der Gasse bot er dem Dorf jährlich drei Taler an und war bereit, den besonders schlechten Teil des Lindenauer Wegs „für diesmal“ instand zu setzen, wenn die Bauern die erforderlichen Fuhren übernähmen. Außerdem müssten nicht nur die Kläger, sondern die ganze Gemeinde Kötzschenbroda aus damals 50 Begüterten, 47 Gärtnern und 15 Häuslern dem Vergleich zustimmen. Gegen den Rat ihres Anwalts ließ die Gemeinde diesen Vorschlag jedoch verfallen und suchte die Konfrontation.

Beim Umbau 1911 über dem neuen Hauptportal angebrachte Plastik mit Bezug zum Gebäudenamen, zwei lebensgroße „Mohrenknaben“, eine Wappenkartusche haltend.
Beim Umbau 1911 über dem neuen Hauptportal angebrachte Plastik mit Bezug zum Gebäudenamen, zwei lebensgroße „Mohrenknaben“, eine Wappenkartusche haltend. © Arvid Müller

Im September 1821 erstattete Ludwig Pilgrim seinerseits beim Dresdner Justizamt eine Anzeige. Kötzschenbrodaer Bauern unter Führung von Dorfrichter Menzel hätten „eigenmächtig“ seine im Bau befindliche Grundstücksmauer niedergerissen und damit „einen Excess sich zu Schulden gebracht“. Menzel und Konsorten beriefen sich dagegen auf ihre vom Materni-Hospitalamt, Gerichtsherrschaft der „Mohrenhäuser“, noch nicht beschiedene Klage. Pilgrim habe voreilig Tatsachen geschaffen. Das Justizamt, in dessen Jurisdiktion die „Mohrenköpfe“ lagen, hatte freilich bereits im Juni auf allerhöchste Weisung zu Pilgrims Gunsten entschieden.

Das und die möglichen Konsequenzen von dessen Strafanzeige scheint ihr Anwalt den Kötzschenbrodaer Bauern dann noch einmal deutlich vor Augen geführt zu haben. Denn kurz darauf willigten sie schließlich doch in einen von Pilgrim vorgeschlagenen neuen Vergleich, der am 13. Oktober 1821 besiegelt wurde. Alle Gemeindemitglieder verzichteten danach für alle Zeiten auf alle Rechte am eingezogenen Weg. Dagegen verpflichtete sich Ludwig Pilgrim, eine Engstelle des Lindenauer Fahrwegs auf eigene Kosten durch Einrückung seines Weinbergs so zu verbreitern, dass zwei Wagen einander ausweichen könnten. Auch wollte er 12 Groschen jährlich ans Dorf und die bisherigen gerichtlichen Unkosten zahlen.

Zwischen den Ämtern und der Landesregierung liefen die Akten aber weiter hin und her. Grund war die Verquickung des bereits geschlichteten Streits mit dem Verfahren über das von den Bauern nach wie vor bestrittene Verbot, in den Berggassen ihr Vieh zu hüten. Letztlich blieb dieses Verbot auf höchste Weisung hin bestehen. Für jede noch so kleine Amtshandlung waren unterdessen zusätzliche Kosten angefallen. Der neue Zwist darüber, wer diese am Ende gut 25 Taler tragen sollte, dauerte weitere zwei Jahre. Schließlich hieß es halbe-halbe, und Pilgrim bekam vom Rat zu Dresden noch ein saftiges „Strafgeld“ aufgebrummt.

Die Lektüre der damit endenden „Acta in Sachen der Gemeinde zu Kötzschenbroda [gegen] Herrn Weinbergsbesitzer Ludwig Pilgrim wegen Beeinträchtigung in die Benutzung der Weinbergsgassen vor dem Materni-Hospital-Amte zu Dresden anno 1821“, die im Dresdner Stadtarchiv liegt, bringt uns die damalige Zeit erstaunlich nahe. Ihre Akteure waren Menschen wie wir, Streitigkeiten um alte und neue Wege auch über Weinbergsgrundstücke soll es selbst heute zuweilen noch geben, und die Kunst liegt heute wie damals darin, wo möglich und möglichst früh aufeinander zuzugehen und ohne Exzess nach einvernehmlichen Lösungen zu streben. Vor allem aber enthält die Akte einen der frühesten Belege für den Gebrauch der Adresse „Weinberg Mohrenhaus“, auf einem Brief Pilgrims vom 29. Juli 1821.

Weiterführende Artikel

Warum der Pavillon im Mohrenhauspark eingerüstet ist

Warum der Pavillon im Mohrenhauspark eingerüstet ist

Das 145 Jahre alte Kulturdenkmal in Radebeul-West war von Einsturz bedroht. Nun hat es bereits eine neue Haube.

Schöne und hässliche Seiten eines Wortes

Schöne und hässliche Seiten eines Wortes

Über den Begriff Mohr und seine heutige Verwendung haben Radebeuler diskutiert. Die Standpunkte sind konträr.

Gesprächsrunden zu Mohrenhaus und -straße

Gesprächsrunden zu Mohrenhaus und -straße

Radebeuler und Schülergruppe Rika sollen über den Umgang mit problematischen Namen aus der Zeit des Kolonialismus diskutieren.

Über Kötzschenbroda hinaus bekannt wurde diese Adresse in den folgenden vier Jahrzehnten hauptsächlich dadurch, dass Ludwig Pilgrim dort mit seiner für ihren Liebreiz berühmten Gattin Elise ein gastfreies und kulturvolles Haus führte. Unter anderem als Mitbegründer der ersten sächsischen „Champagnerfabrik“ und als großzügiger Stifter erwarb er sich bis ins hohe Alter zudem manches Verdienst um die Gemeinde. Da Papier geduldiger ist als manchmal die Jugend, wird der „gemeine“ Name Mohrenhaus nie verschwinden, ob eine Kita und eine Straße weiter so heißen oder nicht. Ludwig Pilgrim fand den umgangssprachlichen Namen vor, nahm ihn an und machte eine gute Adresse daraus. Eine gute Adresse ist das bauherrenpreisgekrönte Kinder- und Jugendhaus dieses Namens auch heute, und die Tore zum seinerzeit strittigen Weg stehen heutzutage wieder meist offen.

Mehr zum Thema Radebeul