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50 Jahre Kindergarten an der Gohliser Straße

Ohne die zufällige Entdeckung der Kita-Chronik wären der runde „Geburtstag“ und ein weiteres Jubiläum in Radebeul fast verpasst worden.

Das einstige Kindergartenkind Frank Wollny erläutert der heutigen Kita-Leiterin Hanna Dietze die baulichen Veränderungen an Villa und Anbau der Kita „Zur Bimmelbahn“. In der Hand hält die junge Frau die wiederentdeckte Chronik.
Das einstige Kindergartenkind Frank Wollny erläutert der heutigen Kita-Leiterin Hanna Dietze die baulichen Veränderungen an Villa und Anbau der Kita „Zur Bimmelbahn“. In der Hand hält die junge Frau die wiederentdeckte Chronik. © Norbert Millauer

Radebeul. Die ersten Bilder in dem mit rotbraunem Leder eingebundenen Buch zeigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer Wiese. Eine Seite weiter sind farbige Fotografien eines barackenartigen Flachbaus zu sehen. Beim Weiterblättern kommen eingeklebte Zeitungsartikel zum Vorschein, die über die Eröffnung des Kindergartens an der Gohliser Straße in Radebeul berichten. Das war im Januar vor 50 Jahren.

Das runde Jubiläum hätte man in der heutigen Integrativen ASB-Kita „Zur Bimmelbahn“ fast verpasst, wenn die junge Leiterin Hanna Dietze nicht auf das Buch gestoßen wäre. Zwischen Aktenordnern stand die Chronik und war in Vergessenheit geraten. Die 32-Jährige, die seit Juli 2020 die Einrichtung allein leitet, hat sie durch Zufall entdeckt und ist beim Durchblättern nicht nur auf das runde „Geburtstags“-Jubiläum gestoßen. „2021 jährt sich zum 20. Mal, dass unsere Kita Zur Bimmelbahn heißt“, berichtet Dietze. Die Namensgebung ist naheliegend, zuckelt doch der Lößnitzdackel jeden Tag an dem Kita-Gebäude, das aus einer Villa und einem modernen Anbau besteht, sowie dem großzügigen Garten vorbei.

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Großer Stolz bei der Eröffnung

Es ist ein wahres Zeitdokument, was Dietze in ihrer Hand hält. 110 Radebeuler Mädchen und Jungen zogen Anfang 1971 in den Flachbau ein. „Viele Mütter freuen sich über diesen Bau, wissen sie doch ihre Zöglinge während der beruflichen Tätigkeit in guter Obhut“, steht in einem der Zeitungsartikel über die Eröffnung. Die ersten Beiträge über den Kindergarten Gohliser Straße strotzen vom Stolz in der sozialistischen Sprache jener Jahre. Von einer „Errungenschaft der jüngsten Zeit“, „ein wertvolles Stück Bilanz der letzten vier Jahre“ ist dort ebenso zu lesen, wie, was die Kinderbetreuung für die Muttis bedeutet. Für sie ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, „ihre Kraft der Volkswirtschaft wieder zur Verfügung stellen zu können“. Die DDR lässt grüßen.

Die Postleitzahl der Lößnitzstadt lautete damals noch 8122, wie einem Brief von Rosi und Heinz Wollny aus dem Sommer 1977 zu entnehmen ist. Darin bedanken sie sich für die vorbildliche Betreuung ihrer beiden Kinder in den zurückliegenden sechs Jahren trotz der zahlreichen Baustellen auf dem Gelände. Tochter Martina war ein Kindergartenkind der ersten Stunde. Wenige Wochen nach der Eröffnung erblickte ihr Bruder Frank das Licht der Welt, der das Haus ab 1974 besuchte.

In der Chronik sind Fotos des nicht mehr vorhandenen Flachbaus enthalten. Dieses stammt aus der Zeit der Eröffnung.
In der Chronik sind Fotos des nicht mehr vorhandenen Flachbaus enthalten. Dieses stammt aus der Zeit der Eröffnung. © Norbert Millauer

Kinderbetreuung erst im Flachbau, später auch in der Villa

Der barackenartige Flachbau stand weiter westlich von der Villa entfernt, mehr zur Pestalozzistraße hin. Sehr gut in Erinnerung ist Frank Wollny das Außengelände geblieben. „Das große und weitläufige Grundstück bot viel Platz zum Spielen“, berichtet er. Auch die zahlreichen Ausflüge sind unvergessen geblieben. Mit der Bimmelbahn fuhren sie in den Lößnitzgrund, zu Fuß ging es zum Spielplatz an der Steinbachstraße und zum Abschluss der Kindergartenzeit reisten sie auf den Hutberg bei Kamenz.

Familie Wollny ist eng mit der Kita verbunden. Sie wohnt nicht nur in einem Haus auf der Straßenseite gegenüber. Sondern von Frank Wollny haben sowohl die beiden Neffen als auch seine Tochter ebenfalls die Einrichtung besucht. Der fast 50-Jährige kann sich noch gut an die baulichen Veränderungen erinnern: „1973 kam die Villa hinzu.“ Wie der Chronik zu entnehmen ist, entstanden so zusätzlich 54 Plätze. Insgesamt 180 Kinder in neun Gruppen besuchten damals die Kita. An der Villa befand sich noch ein Anbau, wo die Küche untergebracht war.

Baulicher Wandel Anfang der 2000er Jahre

Vom Flachbau ist heute keine Spur mehr zu sehen. „Bis in die 1990er-Jahre wurde er als Kindertagesstätte genutzt“, berichtet Wollny. Danach stand er einige Jahre leer. Mit dem Verkauf eines Teils des Kindergartengrundstückes erfolgte der Rückbau. Das muss laut Wollny in den Jahren 2001 und 2002 passiert sein. Heute befinden sich an der Stelle des einstigen Flachbaus zwei moderne Wohnhäuser. Der Küchentrakt wich im Jahr 2003 einem modernen Anbau an die Villa. Mit Bildern des Abrisses endet die Chronik.

Die Geschichte der Kita, die 1990 Radebeuls erster integrativer Kindergarten wurde, ist lange nicht beendet. Dietze will die Chronik fortschreiben. Elf Pädagogen zählt die Einrichtung derzeit, die der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) seit 1993 betreibt. Weitere können sich melden. In zwei Krippen- und fünf Kindergartengruppen bietet die Kita 96 Plätze an, davon neun Integrationsplätze. Die Betreuung erfolgt in altersgemischten Familiengruppen mit einer Erzieherin als Bezugsperson. In den Gruppen mit Integrationskindern arbeitet zudem eine Heilerzieherin. In dem naturnahen Außengelände mit 3.000 Quadratmetern Fläche und altem Baumbestand bauen die Kinder selbst Obst und Gemüse an.

Im Sommer möchte Dietze die beiden Jubiläen feiern, auf jeden Fall mit den Kindern, hoffentlich auch mit den Eltern. Zudem soll entlang des Zauns am Fußweg eine Galerie mit Auszügen aus der Chronik entstehen. Sie wird geschmückt mit Bildern der jetzigen kleinen Kita-Besucher.

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